Aldenhoven - Wenn Gaffer ein zweites Trauma auslösen

Wenn Gaffer ein zweites Trauma auslösen

Von: Valerie Barsig
Letzte Aktualisierung:
Gaffer
Schwer zu bestrafen: Wer bei einem Unfall mit dem Handy Bilder macht oder filmt, riskiert einen Punkt in Flensburg und 60 Euro Bußgeld. Oft hat die Polizei aber gar keine Zeit, sich um Gaffer zu kümmern – und die Bilder landen im Netz.
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Er will sensibilisieren: Dominik Steffens ist Opfer eines Gaffer-Videos geworden.

Aldenhoven. Es ist kurz vor zwölf an einem Oktoberabend als Dominik Steffens auf der A4 bei Frechen ungebremst in einen unbeleuchteten Lkw auf der rechten Spur kracht. Als er wieder zu sich kommt, sieht er noch den Lkw vor sich davonfahren, dann knallt es hinter ihm erneut.

Ein weiterer Lkw prallt mit ungebremst auf Dominiks schwarzen Kleinwagen. Sein Auto wird nach links gegen sie Mittelleitplanke aus Beton katapultiert. Lebensgefährlich verletzt muss Dominik von den Rettungskräften aus dem Wrack herausgeschnitten werden.

Etwa eine Woche nach seinem Unfall liegt der 29-jährige Freialdenhovener in seinem Bett im Krankenhaus und kann nicht schlafen. Von seiner Familie weiß er, dass mehrere Fernsehsender von seinem Unfall berichtet haben. Die Berichte will er sich eigentlich nicht antun. Doch die Neugier ist zu groß. Er googlet und findet ein Video auf Youtube.

Zwölf Minuten und zwanzig Sekunden geht das Video. Es hat beinahe 6000 „Gefällt mir“-Angaben. Es zeigt weit mehr als die Fernsehberichte. Man sieht, wie er aus seinem Auto befreit wird und auf einer Trage in den Krankenwagen gehoben wird. „Man sieht meine Tattoos, meine neonfarbenen Turnschuhe und sogar kurz mein Gesicht.“ Und auch die Ikea-Einkäufe, die sich in dem Knäuel befinden, das einmal sein Wagen war.

Das Video ist für ihn ein Schock, er lässt sich psychologisch durch den Opferschützer der Kölner Polizei und später im Traumazentrum in Aachen betreuen. Noch heute hat er die Bilder von dem Unfall vor Augen, wenn er Blaulicht im Dunkeln sieht. „Aber eben nicht die aus meiner Perspektive. Sondern die von dem Video. Ich in dem Auto. Ich auf der Trage.“

Dominik ist kein Einzelfall. „Umso mehr Blaulicht, umso mehr Gaffer“, sagt Christoph Gilles, Pressesprecher der Autobahnpolizei in Köln. Schaulustige bei Unfällen seien kein neues Phänomen für die Polizei. Neu sei, dass inzwischen immer mehr Handys beim Gaffen zum Einsatz kommen. Wer bei Youtube nach dem Stichwort „Verkehrsunfall“ sucht, erhält rund 27 Seiten Videos.

Für die Polizei ist es schwierig, Gaffern das Handwerk zu legen. „Auf der Autobahn kümmern wir uns zuallererst um den Unfall“, sagt Gilles. Wenn dann noch Zeit sei, notieren Beamten die Kennzeichen von Autofahrern, die extra langsam an der Unfallstelle vorbeifahren, um mehr zu sehen und so den Verkehr behindern. Sie erwartet ein Bußgeld von 60 Euro und ein Punkt in Flensburg. Wirklich strafbar machen sie sich erst, wenn sie die Beamten behindern oder sich der unterlassenen Hilfeleistung schuldig machen.

Auch Bilder von einem Unfall zu veröffentlichen ist zwar moralisch fragwürdig, aber nicht pauschal strafbar. Die Polizei kann erst eingreifen, wenn Opfer auf Bildern erkennbar sind – und erst dann, wenn sie Anzeige erstatten. „Opfer von Unfällen werden durch solche Bilder erneut zu Opfern“, sagt Gilles. Selbst, wenn die Bilder wieder von Youtube oder Facebook verschwinden, sind sie nicht für immer gelöscht. „Wer sie teilt, sorgt dafür, dass sie im Internet bleiben. Und das Internet vergisst nichts.“

Früher arbeitete Dominik als Gastronom, heute ist er berufsunfähig, muss zweimal die Woche zur Physiotherapie und in die Reha: Sieben Halswirbel waren gebrochen, zwei Lendenwirbel und die Halsschlagader angerissen. „Ich habe Glück, dass ich nicht querschnittsgelähmt bin.“ Noch immer steigt in ihm die Wut auf, wenn es um das Gaffer geht, die filmen. Denn: „Niemand hat es verdient, einen Unfall zweimal zu erleben.“

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