Wenn Essen im Trog statt auf dem Teller landet

Letzte Aktualisierung:
9953355.jpg
Das Bevölkerungswachstum stellt die Welt vor ein Ernährungsproblem: Im krassen Gegensatz stehen die ökologische Landwirtschaft und hochtechnisierte Verfahren zur Lebensmittel-Herstellung. Foto: Prokino
9953350.jpg
Gemüse selbst anbauen: Filmemacher Valentin Turn will den Bezug zwischen Produzent und Konsument wiederherstellen. Foto: Schmitter

Aachen. Es könnte so einfach sein: Wissenschaftler züchten Lachse dick und fett, lassen ertragsreiche Hybride wachsen und stellen Fleisch im Reagenzglas her. Es könnte so einfach sein, zehn Milliarden Menschen zu ernähren, wenn nicht jede dieser Lösungen eine Kehrseite hätte. Filmemacher Valentin Thurn taucht in seiner Dokumentation „10-Milliarden – wie werden wir alle satt“ tief in die Probleme der weltweiten Nahrungsmittel-Produktion ein.

Dabei stellt er industrielle Landwirte, Börsenspekulanten, Saatguthersteller, Wissenschaftler und Öko-Bauern einander gegenüber und lässt die Akteure ihre konträren Visionen gegen das Problem „Hunger“ zum Ausdruck bringen. Dabei wird klar: Thurn stellt sich auf Seite der alternativen, sanften Landwirtschaft. AZ-Mitarbeiterin Ines Kubat sprach mit dem Regisseur unter anderem darüber, welche Verantwortung Konsumenten haben.

Herr Thurn, sind Sie Vegetarier?

Thurn: Nein, ich esse Fleisch. Aber mein Fleischkonsum hat sich durch die Beschäftigung mit dem Thema Welternährung drastisch reduziert. Denn machen wir uns nichts vor: 95 Prozent von dem Fleisch, was im Supermarkt angeboten wird, ist aus Massentierhaltung.

Warum ist die Fleischproduktion ein Problem, wenn es um die Bekämpfung des Welthungers geht?

Thurn: Wir haben in der Getreideproduktion die Konkurrenz der vier großen „T“s: Teller, Tonne, Tank und Trog. Vor allem der Trog ist heikel: Denn wir verfüttern ein Drittel der Weltgetreideernte an Tiere. Es landet also nicht auf dem Teller.

Das scheint paradox: Grund des Hungers ist nicht zu wenig Essen?

Thurn: Nicht unbedingt. Wir produzieren in Hülle und Fülle, aber die, die es brauchen, erreicht es nicht. Es geht in den Trog, den Tank oder in die Tonne. Dabei sind zwei Drittel der Hungernden Kleinbauern, die die Möglichkeiten hätten, sich zu ernähren. Sie brauchen nur den Zugang zu Land und Wasser.

Sie skizzieren im Film das Szenario einer Weltbevölkerung von 10 Milliarden bis 2050. Doch Menschen hungern schon jetzt.

Thurn: Momentan hungern eine Milliarde Menschen, weil sie zu wenig Kalorien am Tag zu sich nehmen. Noch mal zwei Milliarden sind fehlernährt

Warum behalten dann ärmere Länder nicht einfach die Nahrungsmittel ein, die sie produzieren?

Thurn: TTIP wird kritisiert, aber wir machen genau dasselbe mit Afrika: Europa hat Freihandelsverträge mit Afrika geschlossen, in denen die Staaten gezwungen werden, ihre Grenzen zu öffnen und unsere hoch-subventionierten Agrarprodukte zu importieren. Wenn wir das nach Malawi oder Bangladesch liefern, machen wir dortige Produzenten platt. Es müsste bei diesem Freihandelsabkommen eine Klausel geben, die da hieße: Ernährungssicherheit hat Vorrang. Es sollte diesen Ländern erlaubt werden, Schutzzölle zu erheben. Denn Essen ist nicht einfach eine Ware wie alle andere, es geht hier um Menschenleben.

Ihr Film läuft jetzt seit ein paar Wochen. Wer sitzt da auf den Kinorängen? Sind das nur die typischen „Ökos“, oder trifft das Thema allgemein einen Nerv?

Thurn: Es ist eine Mischung von beispielsweise konservative Landfrauen und auf der anderen Seite Umweltaktivisten von Attac: Sie treffen sich bei dem Punkt: „Wo kommt mein Essen her?“

In der Vorbereitung für den Film haben Sie von Malawi bis zu den Vereinigten Staaten über drei Jahre viele Länder besucht. Welche Entwicklungen, die Sie beobachteten, bereiten Ihnen besonders Sorge?

Thurn: Die Lebensmittel-Spekulation an der Börse. Davon gab es 2008 und 2011 schon große Ausschläge. Es macht mir Sorge, dass sich das in den nächsten Jahren wiederholen wird.

Auf Ihrem Filmplakat sieht man Gruppen von Menschen, die sich um eine Möhre streiten. Ist das ein Szenario, das Sie sich vorstellen? Krieg um Essen?

Thurn: Wenn es Konflikte gibt – und es gibt sie – dann hat es etwas mit den Preisen zu tun. Die Arabische Rebellion wurde teilweise durch Preise ausgelöst, die letztendlich an der Börse in Chicago entstanden sind. Etwas anderes, das mich sehr beeindruckt hat, war eine Szene in Kamerun: Dort sind die Bäckereien mit Metallgittern geschützt, weil schon einmal hungernde Menschen die Geschäfte geplündert haben.

Gibt es denn eine Patentlösung gegen den Welthunger?

Thurn: Schön wäre es. Die Menschen hätten natürlich immer gerne den großen Befreiungsschlag. Aber genau das wäre hier der Fehler. Wir haben schon „die große Lösung“ des einen Weltmarkts, der alle versorgt. Aber der ist sehr schwankend. Uns in der westlichen Welt tun diese Schwankungen nicht weh, aber den ärmsten der Armen sehr wohl. Ich glaube also, dass es viele kleine Lösungen sind, die dieses große Problem lösen können.

Für ihren Film haben Sie Wissenschaftler besucht, beispielsweise im Bereich der Gentechnik oder in Fleischlaboren. Formt der Mensch lieber die Natur, statt sein eigenes Verhalten zu ändern?

Thurn: Ich finde, es gibt eine Fehlwahrnehmung, die ich als „Produktivismus“ bezeichnen würde. Ich habe zum Beispiel hinterfragt: „Warum glaubt ihr, dass Gentechnik eine Lösung ist?“ Das fußt alles auf der Haltung: Wenn wir mehr produzieren, wird es der Weltbevölkerung helfen. Die notwendigen hochtechnischen Methoden gibt es. Das sind aber alles Lösungen, die für uns in den reichen Ländern erreichbar sind. Aber für die Ärmsten der Armen spielen sie überhaupt keine Rolle.

Werden diese künstlichen Nahrungsmittel nicht irgendwann wirtschaftlich genug, sodass ärmere Menschen sie sich leisten können?

Thurn: Genau das ist die Hoffnung der Wissenschaft: Dass es billiger wird, je mehr Masse produziert wird. Aber diese Masse wird mit einer Ressourcenausbeutung produziert.

Genau das zeigt auch Ihr Film: Dass die industrielle Landwirtschaft schon recht bald an Grenzen stoßen wird.

Thurn: Das landwirtschaftliche System, das wir bisher in Europa kennen, fährt gegen die Wand. Der ständige externe Input durch Dünger ist begrenzt. Stickstoffdünger wird zum Beispiel durch sehr viel Energie hergestellt. Das geht bislang noch, weil die Ölpreise niedrig sind. Aber wir werden es beim nächsten Ölpreisschock merken. Irgendwann werden wir allein durch die Preise gezwungen sein, biologische und andere Landwirtschaft zu betreiben. Aber man kann das natürlich auch rechtzeitig steuern, so dass wir nach alternativen Wegen suchen, bevor wir dazu gezwungen werden.

Am Ende läuft alles auf Unabhängigkeit in der Versorgung hinaus?

Thurn: Unabhängigkeit vom Weltmarkt ist bei den Entwicklungsländern existenziell wichtig. Dazu brauchen sie Zugang zu Land, Wasser, Märkten.

Fehlt es in den Industrieländern nicht an Know-How zur Herkunft von Nahrung?

Thurn: Ja. Wir Städter haben den Bezug verloren. Über die anonymen Verteilmethoden im Supermarkt wissen wir nicht nur nicht, wo es herkommt, sondern wir haben auch verlernt, zwischen gut und schlecht zu unterscheiden. Dagegen hilft schon, selbst einmal Essen anzubauen.

Welchen Beitrag kann denn jeder Einzelne in Sachen Konsum leisten?

Thurn: Lokale Bauern unterstützen, beispielsweise. Und natürlich würde es helfen, wenn wir alle Veganer oder Vegetarier wären. Dann hätten wir das Problem des globalen Hungers zumindest für eine Generation gelöst.

Tatsächlich geht der Trend im Fleischkonsum eher in die andere Richtung.

Thurn: Ja. Wir haben mittlerweile in Niedersachsen und in Nordrheinwestfalen eine Situation erreicht, in der wir Fleisch in einem so dicht besiedelten Land produzieren, dass es gar nicht ohne Soja geht. Und den müssen wir in großem Maßstab aus der Dritten Welt importieren. Deshalb ist eigentlich jeder, der hier ein Drei-Euro-Hühnchen isst, mitverantwortlich, dass Kleinbauern in Afrika vertrieben werden und Regenwald abgeholzt wird. Wie gesagt, ich esse immer noch gerne Fleisch, aber ich will das billige Fleisch nicht mehr.

Diese Entscheidung fällt aber auch nur denen leicht, die nicht jeden Pfennig beim Einkaufen umdrehen müssen, oder?

Thurn: Ja, das ist natürlich leicht gesagt, wenn man genug Geld verdient. Wenn man wenig hat, ist das eine Nummer schwieriger. Wir müssen die soziale Frage mitdenken, wenn es darum geht, Verbraucher und Konsumenten näher zusammen zu bringen. Das muss eigentlich in den benachteiligten Vierteln beginnen. Zum Beispiel mit Gemeinschaftsgärten.

Die westliche Welt glaubt, „Hunger“ gehe uns nichts an? Geht das noch lange so weiter?

Thurn: Je mehr Flüchtlinge vor unserer Haustüre stehen, umso schwieriger wird es zu behaupten, es betrifft uns nicht.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert