Wenn es nicht mehr geht: Psychologische Beratung für Studenten

Von: ik
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Aachen . Irgendwann sind Katharina die Probleme in ihrer Familie über den Kopf gewachsen: „Ich musste dann einsehen, dass ich richtige Hilfe brauche.“ Also wandte sich die Aachener Studentin an die psychologische Beratung der Zentralen Studienberatung der RWTH.

Das war vor knapp zwei Jahren. Seitdem vereinbart sie mit dem Psychologen Van Tien Tran unregelmäßig Termine – je nachdem, wie es ihr gerade geht: „Ich fühle mich hier ernst genommen. Und man merkt, dass man mit seinen Problemen nicht allein ist.“

Wenn Katharina  (Name geändert) bei der Beratung ist, dann spricht sie über ganz verschiedene Themen. Um Uni-Probleme wie Prüfungsangst gehe es bei ihr jetzt nur am Rande. Aber die Uni müsse auch gar nicht unbedingt Thema sein.

Mit den Studenten sprechen Tran und seine Kollegen über viele Themen: Sinnfragen, Süchte, Familiäres. Seit dem Wechsel zum Bachelorsystem stellt er aber auch neue Probleme fest: und zwar vermehrte Versagensängste unter den Studenten. Das begründet er unter anderem mit einem höheren Leistungsdruck.

Für Katharina ist die Beratung mehr als nur ein Gespräch: Gemeinsam mit Tran erarbeitet sie konkrete Methoden, um Krisen zu bewältigen. „Wir errichten hier keine Klagemauer, sondern wollen Lösungen erarbeiten“, sagt der Psychologe.

Denn so wie Katharina geht es vielen anderen Studenten, berichtet Tran aus der Beratung, die von immer mehr Studenten in Anspruch genommen werde. 2013 waren es noch 700 Studenten pro Jahr; zwei Jahre später 930. Das macht sich auch an der vier- bis sechswöchigen Wartezeit bemerkbar.

Den Anstieg erklärt Tran mit einer steigenden Belastung im Studium, aber auch mit der zunehmenden Akzeptanz für psychische Störungen.

Gleichwohl sagt Katharina: „Für mich war es ein schwieriger Schritt, die Beratung aufzusuchen.“ Denn die Mittezwanzigerin findet, dass psychologische Störungen noch immer mit Stigmata behaftet sind. Deshalb möchte sie auch nicht ihren vollen Namen in der Zeitung sehen.

Dieses Tabu versuchen Tran und seine Kollegen abzubauen. Derzeit seien 40 Prozent der Hilfesuchenden Frauen – das ist relativ zwar die Minderheit, aber in Anbetracht des hohen Männeranteils an der Uni eine sehr große Zahl. Männer zögerten noch mehr bei psychischen Problemen, Hilfe in Anspruch zu nehmen. Ein ähnliches Bild ergibt sich bei der PSB, der psychosozialen Beratungsstelle der FH – dem Pendant zu Katharinas Anlaufstelle.

Falls jemand schwerer erkrankt ist und mehr Hilfe benötigt, wird er weitervermittelt – zum Beispiel an das ZPG, Zentrum für Psychische Gesundheit, angesiedelt an der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik. Das ZPG besteht seit 2012 und ist ein Gemeinschaftsprojekt von FH und RWTH Aachen. Es soll eine Ergänzung zu den beiden Beratungsstellen sein, wie Oberarzt Michael Paulzen erklärt. Er ist Leiter des ZPG und sagt: „Wir betreuen hier diejenigen, die zwischen psychisch gesund und krank stehen.“

Eigentlich ist das ZPG-Projekt nur bis Ende 2016 finanziert, doch auch hier sei die Nachfrage nach Gesprächen stark gestiegen, weshalb man hofft, dass sich die Verantwortlichen von FH und RWTH für eine Verlängerung entscheiden: 2014 gab es 200 Anfragen, 2015 bereits 400, und allein in den ersten sechs Wochen von 2016 schon 70.

Paulzen glaube indes nicht, dass die Zahl derer, die unter psychischen Störungen leiden, insgesamt gestiegen ist. Es trauten sich nur mehr, diesen Schritt zu gehen. Einen weiteren Grund sieht er in den zu hohen Erwartungen an Studenten: „Jung, dynamisch, erfolgreich – das klingt toll, gibt es aber eigentlich nicht.“

Er und seine Mitarbeiter stellen den individuellen Handlungsbedarf bei den Studenten fest und überlegen, ob die Krise temporär oder dauerhaft zu behandeln ist. Denn auch sie beraten nur und dürfen keine weiterführende Psychotherapie anbieten.

Besteht für Letzteres der Bedarf, dann ermöglicht die Einbettung des ZPG in die Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik der Uniklinik auch eine weitergehende Diagnostik und Behandlung vor Ort. Wenn nötig, dann können die Mitarbeiter Hilfe beim Vermitteln geben und im akuten Notfall die Studenten auch bis in die Notaufnahme begleiten.

Alle drei Beratungsstellen setzen darauf, durch präventive Arbeit schlimmere psychische Erkrankungen zu verhindern. Sie sind kostenlos und vor allem vertraulich.

Katharina ist heute sehr froh, damals den Mut für den ersten Schritt gefunden zu haben: „Niemand sollte sich scheuen, die Hilfe in Anspruch zu nehmen.“

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