Wenn die Unruhe den Alltag belastet

Von: Sonja Essers
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Dass das Leben als Scanner-Persönlichkeit Schattenseiten hat, weiß Sophia. Für sie ist es eine Qual, sich entscheiden zu müssen. Foto: Julian Stratenschulte/dpa

Region. Bereits seit mehreren Minuten starrt Sophia (Name von der Redaktion geändert) auf die beiden Filzstifte, die auf dem Tisch vor ihr liegen. Der eine schreibt rot, der andere blau. Aber welchen von beiden soll sie nun nehmen, um sich Notizen zu machen? „Wenn ich den einen nehme, dann mache ich mir später Vorwürfe, dass ich den anderen nicht genommen habe“, sagt sie.

Sophia sei eine sogenannte Scanner-Persönlichkeit, sagt sie. Sie sei vielseits begabt und vor allem vielseitig interessiert, doch es ist eine regelrechte Qual für sie, sich entscheiden zu müssen – egal, ob in ihrer Freizeit oder im Beruf.

Dieses Problem hatte Sophia bereits in der Grundschule. Schon im ersten Schuljahr hatte die junge Frau Probleme, sich zu konzentrieren. Flüchtigkeitsfehler waren an der Tagesordnung. Ihre Noten beeinflusste das allerdings nicht. „Ich war immer eine Einser-Schülerin“, sagt sie. 2010 machte sie ihr Abitur, startete mit einer Ausbildung zur Versicherungsmaklerin, die sie abbrach.

Mit einem Kellner-Job hat sie die Zeit bis zur nächsten Ausbildung überbrückt. Gerne wäre sie Tierpflegerin oder Rettungsassistentin geworden, aber immer wieder wägte sie das Für und Wider ab und entschied sich doch dagegen. Heute ist sie in einem Baumarkt als Kauffrau tätig. Die dreijährige Ausbildung verkürzte sie. Mit der Möglichkeit einer Weiterbildung in Form eines dualen Studiums tut sie sich schwer.

„Ich würde das gerne machen, aber es ist eigentlich auch zu aufwendig und langwierig“, sagt sie. Gedankengänge wie diese seien typisch für Scanner-Persönlichkeiten, sagt Sophia. „Ich fange viele Sachen an, bringe aber noch nicht einmal die Hälfte zu Ende. Man begeistert sich für eine Sache, aber wenn man nicht schnell Fortschritte macht, wird es schnell langweilig.“

Erst vor sechs Monaten hat die 26-Jährige von diesem Phänomen erfahren – durch einen Zufall. Auf einem Internetportal suchte eine junge Frau nach anderen Scanner-Persönlichkeiten. „Ich habe mich gefragt, was das ist, mir den Post durchgelesen und gemerkt, dass diese Merkmale zu mir passen. Ich war erstaunt, dass es dafür einen Begriff gibt“, sagt Sophia.

Mit einem Arzt oder Psychologen hat sie darüber nie gesprochen. Die „Diagnose“ hat sie selbst gestellt. Verwunderlich ist das nicht, schließlich hätten ihr Ärzte oder Psychologen gar nicht helfen können. Dieses Phänomen wird nämlich nicht als Krankheit anerkannt, wie das Aachener Uniklinikum auf Nachfrage unserer Zeitung bestätigt. Mediziner könnten deshalb darüber keine Auskunft geben, teilte man uns mit.

Für Sophia ist das kein Problem. Nachdem für sie feststand, dass sie davon betroffen ist, nahm sie Kontakt mit der Verfasserin des Posts auf und traf sich mit ihr und einem weiteren jungen Mann zum Austausch. Nach dem Treffen brach der Kontakt allerdings ab – ein weiteres typisches Merkmal von Scanner-Persönlichkeiten.

Oft fühle sie sich rastlos und auch unwohl. „Man ist immer auf der Suche und will einfach alles in sich aufnehmen. Theoretisch stehen einem ja alle Türen offen, aber man fühlt sich gerade deshalb noch mehr unter Druck gesetzt“, sagt Sophia.

Von diesem Persönlichkeitsmerkmal – wie sie es nennt – fühle sie sich nicht eingeschränkt. „Aber es macht meinen Alltag anstrengender, weil man immer wieder über Dinge nachdenkt“, sagt sie und nennt eines von zahlreichen Beispielen: „Erst vor kurzem hat mich ein Obdachloser nach Geld gefragt, ich hatte aber kein Kleingeld dabei.

Als ich zu Hause war, habe ich überlegt, dass ich ihm doch etwas zu Essen hätte kaufen können. Darüber habe ich tagelang nachgedacht“, erklärt sie. Das Neinsagen falle ihr besonders schwer. „Aber man muss sich selbst bremsen und darf sich vor allem nichts vormachen. Das ist ganz wichtig.“

Ob sie von ihren bisherigen Entscheidungen die eine oder andere bereut? „Jede Menge“, sagt sie und wirkt für einen kurzen Moment abgelenkt. Der Grund: Sie hat ein 50 Cent-Stück in ihrer Hosentasche gefunden. Einem Kollegen hatte sie das Geld geborgt. Er hatte es ihr zurückgegeben. „Bis ich zu Hause bin, habe ich das bestimmt wieder vergessen, und dann finde ich das Geld irgendwann in meiner Waschmaschine“, sagt Sophia und lacht. Sich von ihrem Persönlichkeitsmerkmal unterkriegen lassen? Das kommt für die junge Frau nicht infrage.

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