Aachen - Wenn die Sirene im Notfall stumm bleibt

Wenn die Sirene im Notfall stumm bleibt

Von: Thorsten Pracht
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Thront am Hauptbahnhof über A
Thront am Hauptbahnhof über Aachen: In der Kaiserstadt warnen insgesamt 42 Sirenen die Bürger im Katas­trophenfall. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Die Sirene heult. Exakt eine Minute dauert der Alarmton. Für die Bevölkerung heißt das: Rundfunkgerät einschalten und auf Durchsagen achten - jedenfalls war das früher mal so. „Bundeseinheitliche Sirenensignale und bundeseigene Sirenen gibt es seit dem Abbau des alten Zivilschutz-Sirenennetzes nicht mehr”, erklärt das Bundesinnenministerium auf seinem Bevölkerungsschutz-Portal im Internet.

Nach Ende des Kalten Krieges wurde das Netz aus Kostengründen abgeschaltet. Der Bund überließ es den Kommunen, die häufig veralteten Sirenen und natürlich auch deren Unterhaltung zu übernehmen.

Viele Gemeinden ließen sich aufs Dach steigen und die Warnsysteme entfernen - ersatzlos. „Es gibt keine gesetzliche Verpflichtung. Jede Kommune entscheidet selbst über das geeignete Mittel”, teilt die Kölner Bezirksregierung auf Anfrage mit. Und so ergibt sich beim Blick auf die Städte und Gemeinden in der Region ein sehr unterschiedliches Bild. Im Altkreis Aachen verfügen nur noch Baesweiler, Simmerath und Roetgen über Sirenen, erklärt Kreisbrandmeister Bernd Hollands. Aber: „Hier werden die Sirenen ausschließlich für die Alarmierung der Feuerwehr benutzt”, fügt er hinzu.

Gleiches gilt auch für die Kreise Heinsberg und Düren. Als Bürger muss man sich in den Landkreisen über das Sirenengeheul also keine Gedanken mehr machen. Wo sie heulen, handelt es sich entweder um einen Probealarm oder die Benachrichtigung der Freiwilligen Feuerwehr. Ob sich die Sirenen im Katastrophenfall überhaupt zur Warnung der Bevölkerung eignen würden, bezweifelt Hollands: „Sirenensignale sind nicht mehr populär. Man müsste den Leuten erst mal erklären, was sie überhaupt bedeuten.”

Hochwasser oder Stürme

Man muss nicht gleich an Tsunamis oder nukleare Störfälle denken, um einen Fall zu konstruieren, bei dem die Bürger mit Informationen versorgt werden müssen. Hochwasser, Stürme oder ein größerer Stromausfall, ein sogenannter Blackout, können jederzeit auch in unserer Region zu konkreten Bedrohungen werden.

Und dann ist es auch nicht mehr weit bis zu folgendem Szenario: Eine Warnung per Sirene gibt es nicht mehr, die Stromversorgung ist unterbrochen. Folglich können die Menschen - außer im Auto oder über batteriebetriebene Empfänger - auch keine Durchsagen im Radio empfangen. Für solche Fälle seien die Fahrzeuge von Feuerwehr, Polizei und Technischem Hilfswerk (THW) mit Lautsprechern ausgestattet, sagt Kreisbrandmeister Hollands. Diese sind in allen Städten und Kreisen der Region im Einsatz.

„Wir haben sechs Warnbezirke definiert, in denen wir die Bevölkerung mit unseren Warnfahrzeugen jeweils innerhalb weniger Minuten informieren können”, sagt Johannes Rothkranz, Leiter des Amtes für Feuer- und Zivilschutz der Stadt Düren, in der es keine Sirenen mehr gibt. Fortwährend wird hier an einem Warnkonzept gearbeitet, dafür wurden Vorlagen aus Städten an der Rheinschiene mit ihren Chemiewerken adaptiert. Im Notfall ist vom Weg der Einsatzfahrzeuge über deren Geschwindigkeit bis hin zum Text der Durchsagen alles definiert. „Es muss natürlich ein Konzept dahinterstehen. Wir lassen das auch nicht schleifen. Wenn nichts mehr geht, muss die Feuerwehr ran”, sagt Rothkranz.

Keine Technik ist perfekt

Allerdings fällt die Warnung der Bevölkerung in einer Stadt naturgemäß leichter als in einem Landkreis, in dem die Menschen viel weiter verstreut wohnen. „Es gibt Sirenen, mit denen wir den letzten Winkel des Kreises erreichen könnten”, sagt Karl-Heinz Prömper, Kreisbrandmeister des Kreises Heinsberg. „Allerdings hätten dann alle Menschen und Tiere im Umkreis von mindestens 100 Metern rund um die Sirene einen Hörsturz”, sagt er. Mit einem Tinnitus soll natürlich niemand die Notfallwarnung bezahlen.

Gesündere Alternativen wie die Alarmierung der Bevölkerung per SMS werden seit langem diskutiert, wobei immer technische Schwierigkeiten auftreten können - erst recht in einer Krisensituation mit Stromausfällen. „Deshalb denken wir bei der Städteregion im Zuge des Katastrophenschutzes intensiv darüber nach, wie die Bevölkerung im Notfall gewarnt und informiert werden kann”, sagt Hollands. Dabei werde die Möglichkeit der Wiedereinführung eines flächendeckenden Sirenensystems für die Städteregion abgewogen.

Generell müsse immer der Grundsatz der Verhältnismäßigkeit im Vordergrund stehen. Mit dem aktuellen Modell könnten örtlich zielgerichtete Maßnahmen ergriffen werden. In der Tat ist die Eingrenzung auf bestimmte Stadtteile oder gar Straßenzüge bei Sirenen nur schwer möglich. Das Maßnahmenpaket für den Notfall will also genau abgewägt sein. „In dieser Phase befinden wir uns momentan. Dabei geht es nicht nur um finanzielle Überlegungen”, sagt Bernd Hollands.

Mit solchen Problemen muss man sich in Aachen nicht herumplagen. „Im Großschadensfall dienen die Sirenen in der Stadt Aachen zur Information der Bevölkerung”, erklärt Brandoberinspektor Max Nüssler, Sachgebietsleiter für zivile Notfallplanung bei der Aachener Feuerwehr. Seit Oktober 2010 werden die 42 Sirenen im Stadtgebiet an jedem ersten Samstag im Quartal getestet. Zum einen dient das der technischen Kontrolle, zum anderen sollen die Bürgerinnen und Bürger an den Warn- und Endwarnton gewöhnt werden.

Im Notfall läuft in Aachen eine dreistufige Prozedur ab. Zunächst werden die Sirenen ausgelöst, die Feuerwehr kann dies nach Stadtteilen und Bezirken steuern. „Damit werden wir nie eine 100-prozentige Abdeckung erreichen, das wissen wir”, sagt Nüssler. Deshalb geht damit immer die zweite Stufe einher: die detaillierte Information über die lokalen Radiosender. In Phase 3 rücken auch in Aachen mit Lautsprechern bestückte Einsatzfahrzeuge in die betroffenen Stadtteile aus.
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