Wenn die leichte Droge zum großen Problem wird

Von: Lukas Weinberger und Laura Beemelmanns
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In der Gesellschaft gilt Cannabis als harmlos: Dass die Droge trotzdem in einer langjährigen Sucht münden kann, zeigen die Erfahrungen von Michael und Simon. Foto: stock/blickwinkel

Aachen. Es gibt Suchtexperten, die sagen, Cannabis sollte für Erwachsene frei zugänglich sein. Und zeitgleich sind da die Forscher, die vor erheblichen Schäden für die Gesundheit und das soziale Leben der Konsumenten warnen. Sollte Cannabis legalisiert werden? Kaum eine Frage ist in den vergangenen Wochen so heiß diskutiert worden wie diese. Und an kaum einer Frage scheiden sich so sehr die Geister.

Der Deutsche Hanfverband wirbt derzeit mit Kinospots für eine Freigabe der am häufigsten konsumierten illegalen Droge, die „Süddeutsche Zeitung“ und die „Zeit“ haben ausführlich darüber berichtet. Und mancher Prominente wie etwa Sänger Thomas D von den Fantastischen Vier ist „stark dafür, Cannabis zu legalisieren“, den Eigengebrauch nicht zu bestrafen. Marlene Morler (CSU), die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, ist ganz anderer Meinung, die Legalisierung wäre „ein völlig falsches Signal“, sagt sie. Der Ruf nach Entkriminalisierung sorgt auch bei der Gewerkschaft der Polizei für Skepsis.

Nur die wenigsten, die ihre Erfahrungen mit Cannabis machen, drohen in die Sucht abzurutschen. Aber es gibt eben auch die krassen Fälle, bei denen der Konsum von Cannabis der erste Schritt in ein Leben ist, das von Drogen bestimmt wird. Michael und Simon*, zwei junge Aachener, haben genau das erlebt. Sie waren jahrelang süchtig, jetzt arbeiten sie an ihrem neuen Leben ohne Drogen. Sie möchten nicht erkannt werden, ihrer Zukunft wegen. Aber sie wollen über ihre Sucht sprechen. Das sind ihre Geschichten.

16 Jahre im Drogensumpf

Michael wollte immer irgendetwas sein. Er wollte irgendetwas besonders gut können, etwas, das ihn ausmacht, etwas, das ihn von der Masse unterscheidet. Er konzentrierte sich auf das, was er am besten konnte: drogenabhängig sein. 16 Jahre lang war er gut darin. Fast zu gut.

Michael, ein großer junger Mann, blondes struppiges Haar, einer aus einfachen Verhältnissen, hatte eine schwere Kindheit. Das klingt schwer nach einer Plattitüde, einer dahergesagten Beschreibung für all das, was eben so schief laufen kann in einem Teenager-Leben. Es ist aber keine Plattitüde, sondern die Realität.

Michael kennt seine Mutter nur als Süchtige. Alkohol, Cannabis, Heroin – für ihn waren das schon früh keine Fremdworte. Er war gerade 13, als er das erste Mal einen Joint rauchte. Das Gras musste er sich nicht einmal besorgen, er stahl es einfach seiner Mutter. „Das hat mir super gefallen“, sagt er heute. Und: „Ich wollte das so“.

Er sagt, das Kiffen habe ihm gutgetan, ihm bei der Verarbeitung seiner Kindheit geholfen. Denn für seine Mutter war er stets die stärkste Bezugsperson. Sie schüttete ihm ihr Herz aus, sie erzählte von Männern, Drogen, Vergewaltigungen. „Kennen Sie die Geschichte ‚Die Kinder vom Bahnhof Zoo‘?“, fragt er dann. „So ist ihre auch“.

Michael hielt alldem stand, hörte zu, ertrug es – weil er selbst breit war. Zunächst kiffte er, nahm Speed, wenig später schmiss er Ecstasy ein. Bis zu 20 Pillen an einem Wochenende. Er führte ein Leben im Rausch. Ein Leben zwischen High sein und dem Wissen, dass ihn die Drogen auch umbringen könnten. „Das war mir egal“, sagt er. „Ich war mir selbst nichts wert.“ Bis zu dem Zeitpunkt, als er seine damalige Freundin kennenlernte.

Er war 21 Jahre alt und steckte bereits seit acht Jahren im Drogensumpf. Seine Freundin war nicht abhängig. Michael sagt, sie war Borderlinerin und essgestört. „Menschen, die an Borderline leiden, kommen gut mit Süchtigen klar“, sagt er. Ihre Beziehung hielt sehr lange. Im vierten Jahr dann die wohl beste Nachricht seines Lebens: Seine Freundin war schwanger. Michael freute sich auf das Kind. Doch im sechsten Monat verlor sie das Baby. Für Michael ein Wendepunkt: „Es gab nichts Schlimmeres in meinem Leben als den Tod meines Kindes.“

Von den Drogen kam er in dieser schweren Zeit nicht los. Jetzt aber griff er zu anderen, diesmal waren es Pilze und LSD – sogenannte bewusstseinserweiternde Drogen. „Ich habe viel nachgedacht in dieser Zeit“, sagt er. „Und die Drogen haben mir eine andere Sicht auf die Dinge verliehen.“ In eben dieser Zeit ging auch die Beziehung zu seiner Freundin in die Brüche. Für Michael gab es nur einen Weg raus aus dieser Hölle. „Ich hab‘ ein paar Sachen gepackt und bin den Jakobsweg gepilgert“, erzählt er. „Das war die beste Entscheidung meines Lebens.“

Er kam verändert zurück. „Verändert in ein unverändertes Umfeld“, sagt er heute. In seinem Kopf hatte es eigentlich schon „klick“ gemacht, doch sein Umfeld zog ihn zurück in die alten Muster. Wieder nahm er Drogen, wieder lernte er eine Frau kennen. Keine Süchtige, aber wieder eine Borderlinerin, wieder eine Essgestörte. Und wieder funktionierte es. Nur eines war anders: Seine neue Freundin sprach von Entzug, bot ihm Hilfe an. Sie war es, die eine Beratungsstelle für ihn suchte. Michael ist 28 Jahre alt. Seit vier Monaten ist er nun clean.

Wenn Michael über seine Sucht spricht, erzählt er ganz sachlich davon, ja, fast so, als würde er wie eine zweite Person neben seinem alten Leben stehen und darüber berichten. „Ich kam damals mit mir selbst überhaupt nicht zurecht“, sagt er. Das ist jetzt anders.

Sein Leben ohne Drogen hat in seinem Kopf schon klare Formen angenommen. Michael will reisen, will die Welt sehen. Und auch beruflich sieht er für sich eine Perspektive: Er will in den sozialen Bereich, um anderen Menschen zu helfen. Er glaubt, das passe zu ihm, weil er seine eigenen Erfahrungen gemacht habe.

Er will informieren, Dinge so darstellen, wie er sie sieht. „Drogen wie Cannabis sind inzwischen hochgezüchtet“, sagt er. „Sie sind nicht mehr so harmlos, wie sie es vor Jahren einmal waren.“ Die 16 Jahre im Drogensumpf nennt Michael „ein sehr einschneidendes Hobby, das ich heute nicht mehr betreibe“. Über den Berg sei er aber noch nicht, dass wisse er ganz genau.

Jahrelang ein „minimales Leben“

Simon sieht aus wie ein klassischer Einser-Schüler. Er trägt eine Brille, schicke Kleidung, sein Hemd ist gebügelt, die Frisur sitzt. Würde man ihn an einer Uni sehen, dann würde man denken, er sei einer derjenigen, die Mathematik, Biologie oder Maschinenbau studieren. Aber so ist das nicht. Simon war viereinhalb Jahre abhängig von Cannabis. So sehr, dass er irgendwann nur noch „minimal lebte“, wie er sagt.

Simon kommt aus einem guten Elternhaus. Das kann man so sagen, obwohl sein leiblicher Vater Alkoholiker ist. Zu ihm hat er nur wenig Kontakt, das Verhältnis zu seiner Mutter und seinem Stiefvater war immer sehr gut. Und auch in der Schule lief es für Simon rund. Gute Noten, viele Freunde.

Aber irgendwie war da auch diese Langeweile. Simon war 17, als seine Freunde vorschlugen, Gras zu rauchen. Er sagte nicht nein, das Kiffen gefiel ihm. Und schnell gehörte Cannabis zum Alltag in seinem Freundeskreis. Sie trafen sich. Und kifften. „In den Ferien haben wir das jeden Tag gemacht“, sagt er.

Für Simon wurde das Kiffen schnell zu einem Genussmittel, wie er sagt. Er rauchte, um Musik intensiver zu hören, um Bilder in seinem Kopf zu haben. „Ich bin kreativ, und das Kiffen hat das irgendwie unterstützt.“ Er rauchte immer mehr. Nicht mehr nur im Freundeskreis, sondern auch immer häufiger allein. Irgendwann brauchte er das Cannabis zum Einschlafen. Er lebte noch bei seiner Mutter und seinem Stiefvater, einem Beamten. „Sie haben das schon mitbekommen“, sagt er. „Aber ich hatte ja zunächst weiter gute Noten, habe mein Abitur gemacht.“

Simon empfand seinen Konsum damals nicht besonders schlimm, alles lief nach Plan. Eine Ausbildungsstelle in Köln hatte er sicher. Um ein eigenständiges Leben zu führen, zog er bei seinen Eltern aus. Doch mit dem Alleinsein stieg auch der Konsum. Er wurde zum echten Problem. Simon geriet vom Weg ab, er nahm seine Ausbildung nicht ernst. „Ich war antriebslos, war immer seltener auf der Arbeit“, sagt er. Das ging nicht lange gut. Kurze Zeit später verlor er seine Ausbildungsstelle. Einen Lehrling, der zwar vieles mitbrachte, aber nie erschien, konnte sich die Firma nicht leisten.

Um seine Sucht trotzdem finanzieren zu können, aß er weniger, kaufte günstiger ein. Simon verließ seine Wohnung nur noch, wenn er es wirklich musste. Zum Einkaufen etwa. Er huschte mit einer Kapuze über dem Kopf schnell in den Supermarkt, sammelte das Nötigste zusammen und verschwand wieder. Immer mit der Hoffnung, dass ihn niemand bemerkt habe.

Das alles ging noch eine Weile gut, doch dann wollte er nicht mehr. Simon wollte nicht mehr minimal leben. Er beichtete seinen Eltern, wie süchtig er mittlerweile sei, dass er sich nicht mehr helfen könne. Sie halfen ihm, brachten ihn zur Drogenberatung. Simon ist 22 Jahre alt. Seit knapp einem Jahr ist er nun clean.

Simon hat neue Pläne für sein Leben. Er möchte bald studieren, er hat sich für Biologie beworben. Für Tiere, Pflanzen und die Umwelt habe er sich schon immer interessiert, sagt er. Auch wenn das zunächst seltsam klingen mag. Momentan ist er noch arbeitslos, aber die Chancen für das Studium stehen gar nicht so schlecht.

Ob er über den Berg ist, ob er seine Drogensucht besiegt hat? „Ja“, sagt er. „Aber ich habe trotzdem noch Probleme.“ Die Abhängigkeit, das Verlangen, die Zeit mit Cannabis, „das geht nie wieder raus.“ Aber er sei jetzt stark genug, um dagegen anzugehen und einen anderen Weg einzuschlagen. Sein Halt ist auch seine eigene Wohnung, die Selbstständigkeit. Eine berufliche Perspektive zu haben, treibe ihn an, weiter clean zu bleiben. Er befinde sich derzeit noch im Heilungsprozess, sagt er. Und: „Dass ich es bis hierher geschafft hat, macht mich stolz.“

Simon und Michael haben den Absprung geschafft. Aus innerer Überzeugung, aus Hilflosigkeit und aus dem Willen heraus, ein anderes Leben zu führen. Beide sagen, dass sie es ohne ihr Umfeld, den Weg zur Beratungsstelle und den Entzug nicht geschafft hätten. Beide sagen, dass sie ein Ziel vor Augen haben. Sie wollen beide etwas sein. Nur eines nicht: drogenabhängig.

* Name von der Redaktion geändert

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