Wenn die Helfer zu Opfern werden

Von: Claudia Schweda
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„Bei Gewalt hört für uns der Spaß auf“: Dieses Plakat hängt in einer Nürnberger Klinik. Dort war vor einem Jahr eine Oberärztin von einem Patienten zusammengeschlagen worden. Tätliche Angriffe von Patienten sind in den meisten Ambulanzen in unserer Region noch Einzelfälle. Doch verbale Attacken kommen häufig vor. Foto: dpa

Aachen/Düren/Heinsberg. Geschichten von aggressiven Patienten oder Angehörigen in Notfallaufnahmen kann man inzwischen in jeder Klinik in der Region erzählen. In der einen viele, in der anderen weniger. Die Bandbreite ist groß. Körperliche Angriffe sind – noch – kein generelles Problem, wie eine Umfrage unserer Zeitung zeigt.

Beschimpfungen und Bedrohungen dagegen durchaus. Sie kommen in jeder Ambulanz vor. Alle kennen dieses Thema. Die Respektlosigkeit gegenüber anderen, die in der gesamten Gesellschaft spürbar ist, hat längst die Notfallaufnahme erreicht. Trotzdem will kein Mitarbeiter, kein Geschäftsführer und kein Sprecher mit Namen in der Zeitung stehen. Sie fürchten, dass das Problem auf ihr Haus zurückfällt – obwohl es von außen hineingetragen wird.

Auch Manfred möchte seinen richtigen Namen nicht genannt wissen. Er ist einer von denen, der sogar tätliche Angriffe kennt. Seit 27 Jahren arbeitet er in der Notaufnahme eines Krankenhauses dieser Region. Inzwischen leitet er sie. Am Anfang seiner beruflichen Laufbahn war ein Polizeieinsatz in der Ambulanz für lange Zeit das Gesprächsthema gewesen. Heute greift in dieser Notaufnahme die Polizei 15 Mal im Monat ein. „Ärzte und Pfleger hat der weiße Kittel lange geschützt – aber das ist vorbei“, sagt Manfred.

Der erfahrene Pfleger hat schon erlebt, wie der schwere Kugelschreiberhalter am Empfang vor Wut auf Kollegen geschmissen wurde. Eine Kollegin sei einmal so massiv ins Gesicht geschlagen worden, dass sie schwere Prellungen davongetragen habe und krankgeschrieben werden musste. Ein anderes Mal habe ein Patient in der Radiologie getobt, um sich getreten, das Mobiliar zerlegt und versucht, die schwere Röntgenliege umzuschmeißen. Acht Polizisten seien nötig gewesen, um den Patienten zu fixieren.

Angst um sein Leben hat Manfred, der mit seiner Statur in einem Rugby-Team spielen könnte, in seiner langen Karriere nur ein Mal gehabt: Bei einer Familienfehde seien zwei türkische Familien mit scharfen Dönermessern aufeinander losgegangen und hätten sich gegenseitig furchtbarste Verletzungen zugeführt. Da die Polizei die Beteiligten beider Familien ins Krankenhaus brachte, sei die Fehde in der Notaufnahme weiter ausgetragen worden. „Damals sind wir Mitarbeiter unter Polizeischutz zum Parkplatz gebracht worden.“

Nach Erkenntnissen unserer Zeitung ist dies ein Extremfall – im Gegensatz zu verbal geäußerten Respektlosigkeiten gegenüber denen, die helfen wollen. Lautstarke Auftritte mit wüsten Beschimpfungen und Provokationen der Ärzte und Pfleger kommen regelmäßig vor. Da wird die Ärztin genannt „Schlampe“, der Arzt „A...loch“ oder „Wichser“ und der Pfleger „Drecksau“ oder „Nazi“. „Letztlich finden Sie in Notaufnahmen all das, was sie am Bahnhof auch finden: Das ganze Leben mit all seinen Facetten“, sagt der Sprecher einer Klinik in der Region.

In vielen Fällen lösen Alkohol oder Drogen die Aggressivität aus. Wenn Patienten, die Designerdrogen genommen haben, aufwachen, fühlen sie sich sofort bedroht. Wachen sie in der Notaufnahme auf, schlagen sie eben dort um sich, bis die Wirkung der Droge nachlässt – oder sie fixiert werden. „Da kann man nichts machen“, sagt Manfred über diese Patienten. Er zuckt mit den Schultern.

Kopfschütteln lösen die anderen Fälle aus. Dabei seien es meist die Angehörigen der Kranken, die mit ihrer Aggressivität auffielen. Vor allem die Angehörigen, die als geschlossener Familienverbund Patienten in die Notaufnahme begleiten, würden teils bedrohlich und wütend in der Ambulanz auftreten, sagt der Geschäftsführer einer weiteren Klinik in der Region. „Die kommen rein und sind aggressiv“, erzählt Manfred aus der Praxis. Anders als die Patienten selbst, die von Angehörigen begleitete werden. Die seien einfach nur froh, dass ihnen geholfen werde.

Die Polizeistatistik weist Einsätze in Notfallambulanzen nicht einzeln aus. Repräsentative Zahlen über ex­treme Vorfälle gibt es also nicht. Selbst Unfallversicherer zählen nur Fälle, die zu einer mindestens dreitägigen Arbeitsunfähigkeit führen. Und Beschimpfungen dokumentiert ohnehin niemand. Aber es gibt eine besorgniserregende Einzelstudie: In einer Umfrage unter Klinikpersonal in Nürnberg gaben im vergangenen Jahr von 600 Mitarbeitern mehr als 70 Prozent an, dass sie schon einmal Opfer von verbaler oder körperlicher Gewalt geworden sind.

Auch der Eindruck, dass die Gewalt zugenommen hätte, wurde durch die Umfrage bestätigt. Die letzte bundesweite Studie ist aus dem Jahr 2009. Damals ermittelte die Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienste und Wohlfahrtspflege, dass 80 Prozent des Pflegepersonals im Klinikbereich schon einmal verbal attackiert worden sind, 56 Prozent sogar körperlich.

Die Krankenhäuser reagieren auf diese Entwicklung. Das Berufsbildungswerk der Krankenhäuser hat in diesem Frühjahr erstmals ein Seminar angeboten, wie Ärzte und Pfleger mit Gewalt umgehen sollen. Es war ausgebucht. Und: Viele Krankenhäuser hätten daraufhin angefragt, ob man dieses Seminar nicht direkt in ihrem Haus anbieten könne, heißt es beim Bildungswerk. Auch in unserer Region haben schon viele Pflegekräfte ein solches Deeskalationstraining absolviert.

In Manfreds Klinik wurde zudem auf die zunehmende Gewalt mit einem Notfallknopf reagiert, der sofort die Zen­trale informiert. Aktuell wird noch darüber nachgedacht, im Nachtdienst eine Quote einzuführen, damit bei den Pflegekräften nicht mehr zwei Frauen alleine in der Ambulanz sind. Noch hat niemand in dieser Klinik Angst, zur Arbeit zu gehen. „Aber wenn hier mal richtig was passiert, dann wird sich das ändern“, sagt Manfred. „Dann gibt es Kündigungen.“

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