Wenn die Bilder des Spiels nur im Kopf entstehen

Von: Annika Kasties
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Beschreibung auf Ballhöhe: Alemannia-Fan Stephan Wiech ist am Tivoli auf die Reportage der Blindenreporter angewiesen. Solange sich die Spieler in der Nähe der Tribüne bewegen, kann er ihnen folgen. Auf die Distanz hingegen erkennt er das Spielgeschehen kaum. Foto: Andreas Steindl
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Unsere Volontärin Annika Kasties wagt den Selbstversuch: Die Blindenreporter Lukas Krott (Mitte) und Arne Klar übersetzen am Tivoli den Spielverlauf für ihre Zuhörer. Foto: Andreas Steindl

Aachen. Die Erlösung für die Gäste aus Köln kommt nach vier Minuten Nachspielzeit. Ein lauter Pfiff und rund 7700 Stimmen vereinen sich am Tivoli zu einem ohrenbetäubenden Begeisterungsschrei. 2:0 für Alemannia Aachen gegen Viktoria Köln. „Das ist das Spiel, das ich gebraucht habe“, rief Arne Klar nur wenige Momente vor Abpfiff in mein Ohr. Und ich habe nichts davon gesehen.

Zwei Stunden zuvor. Mit schnellen Bewegungen greift Arne Klar in den Reportagekoffer. Zwei Funksender, zehn Empfänger und ein Mikrofon sind in dem silberfarbenen Kasten deponiert. Es ist hektisch im Geräteraum im Erdgeschoss des Tivoli. In 15 Minuten ist Anstoß. Und die sehbehinderten Zuhörer von Arne und seinem Kollegen Lukas Krott haben ihre Funk-Empfänger noch nicht erhalten. Auch mir drückt Arne ein Exemplar in die Hand. Für dieses Spiel sind er und Lukas mein Augenlicht.

Arne Klar und Lukas Krott sind Blindenreporter. Sie beschreiben für sehbehinderte und blinde Fans das Spielgeschehen auf dem Platz. Denn auch wenn der Verein 7700 Zuschauer für das letzte Heimspiel der Saison zählt. Sehen können nicht alle von ihnen. Damit sie dennoch dem Spielverlauf live im Stadion folgen können, bietet Alemannia seit Januar 2010 den Service der Blindenreportage an. Arne Klar reportierte sein erstes Spiel vor anderthalb Jahren.

Am zweiten Spieltag dieser Saison stieß Lukas Krott dazu. Seitdem beschreiben die beiden 28-Jährigen rund 95 Prozent aller Heimspiele gemeinsam. Nur in Ausnahmefällen muss einer von ihnen den 90-minütigen Dauerkommentar alleine bestreiten. Per Funk gelangen ihre Worte ans Ohr ihrer Zuhörer. Bezahlt werden sie dafür nicht. Der Spaß an ihrer ehrenamtlichen Tätigkeit ist Arne und Lukas jedoch anzusehen. „Wir haben die besten Plätze und können 90 Minuten lang über das Spiel reden. Das ist für mich Bezahlung genug“, betont Lukas mit einem breiten Grinsen im Gesicht.

Schlafmaske über die Augen

Fünf Minuten vor Anstoß. Ich sitze neben Arne und Lukas unterm Dach der Pressetribüne. Von hier aus habe ich einen idealen Blick auf das Spielfeld. Noch. Denn jetzt kommt die Schlafmaske zum Einsatz, die ich für meinen Selbstversuch eingepackt habe. Über Live-Kommentare für Blinde kann man viel reden. Ich möchte heute selbst erleben, wie es ist, ein Spiel nur mit den Ohren statt mit den Augen zu verfolgen, und das mitten im Stadion, umgeben von den Gerüchen und Geräuschen, die ein Fußballspiel ausmachen.

Ich ziehe mir die schwarze Stoffmaske über die Augen und setze mir die Kopfhörer auf. Ab jetzt müssen sich die Bilder des Spiel in meinem Kopf aufbauen, gemalt von Arnes und Lukas' Worten. Lukas begrüßt die Zuhörer und gibt die Aufstellung der Teams durch. Ich versuche mich auf seine Worte zu konzentrieren, doch ich höre vor allem die Fans grölen. Erst jetzt wird mir bewusst, wie sehr ich auf mein Augenlicht angewiesen bin.

Lukas beschreibt die Trauerfahne, die Fans zu Ehren des 1999 gestorbenen Aufstiegstrainers Werner Fuchs aufgehängt haben. Ich unterdrücke den Drang, die schwarze Stoffmaske anzuheben und mir mit eigenen Augen ein Bild davon zu machen. Es wird nicht das letzte Mal sein.

Dass der Aachener Verein Blindenreportagen anbietet, ist nicht selbstverständlich. „Andere Blindenreporter trainieren die Spielernamen der gegnerischen Vereine, indem sie das Videospiel Fifa spielen. Das können wir leider nicht“, erklärt Lukas. Bei dem Simulationsspiel treten Fußballfans auf dem virtuellen Fußballplatz gegeneinander als Mannschaften der 1. und 2. Bundesliga an. Nur zwei weitere Vereine der Regionalliga – der 1. FC Saarbrücken und Rot-Weiss Essen – haben Blindenreporter.

Den Überblick darüber hat Björn Naß. Der 34-Jährige leitet das in Aachen ansässige Zentrum für Sehbehinderten- und Blindenreportage (ZSBR) des Awo-Bundesverbandes. Das europaweit einzigartige Zentrum hat die Aufgabe, die Qualität der Blindenreportagen zu fördern und Vereine und Reporter bei der Entwicklung der benötigten Infrastruktur zu unterstützen.

Initiiert wurde das ZSBR im September 2014 von der Deutschen Fußball Liga, finanziell gefördert wird es von der Aktion Mensch. Björn Naß ist seit 2008 bei Bayer Leverkusen als Blindenreporter tätig. Mittlerweile fährt er durch ganz Deutschland, berät Reporter und gibt Lehrgänge. Beim diesjährigen Seminar des ZSBR im Januar waren 94 Teilnehmer aus 24 Vereinen dabei.

Seit der ersten Blindenreportage in einem deutschen Stadion vor 17 Jahren hat sich viel getan, berichtet Naß. Den Beweis dafür liefert eine Deutschlandkarte, die in seinem Büro an der Wand hängt. Grüne und rote Aufkleber markieren, welche Fußballvereine der 1. bis 3. Liga Blindenreportagen anbieten und welche nicht. Die grünen Aufkleber überwiegen, sehr zur Freude des Bonners. „Ich bin immer wieder froh, wenn ich einen roten Aufkleber wegmachen kann.“

Zurück im Stadion. Von der Südtribüne schallen wütende Rufe zu mir rüber. Die Fans im Stehplatzbereich zeigen lautstark an, dass sie mit einer Aktion auf dem Spielfeld unzufrieden sind. Arne ordnet die Situation für mich ein. Ein Kölner und ein Aachener sind zusammengestoßen. Er beschwichtigt: kein Foul. Und ich merke: Auch Situationen am Rande des Spielfelds müssen Blindenreporter für ihre Nutzer übersetzen. Ich erkenne weitere Unterschiede zur Radioreportage. Die Beschreibung des Spielverlaufs ist genauer, detaillierter. Flanke, Ecke, Freistoß. Jeder Pass zählt, jede Aktion wird für den Sehbehinderten übersetzt. Auch die Größe eines Spielers gehört dazu. Arne und Lukas erzählen keine verdichteten Szenen, sondern bleiben bei einzelnen Spielzügen, Wort für Wort in Echtzeit, und das 90 Minuten lang.

Ein guter Blindenreporter müsse „auf Ballhöhe“ bleiben, so erklärt es Björn Naß auf seinen Seminaren, an denen auch Arne und Lukas teilnehmen. Statistiken und Unterhaltung rücken in den Hintergrund. Zentral ist der passgenaue Ballwechsel. „Nichts ist schlimmer, als wenn ein Nutzer von einem langweiligen Fußballspiel nach Hause geht und aufgrund der Beschreibung des Reporters meint, ein spannendes Spiel ‚gesehen‘ zu haben“, findet Naß.

Am Tivoli sehe ich vor meinem geistigen Auge wahrhaftig kein langweiliges Spiel. Zur zweiten Halbzeit sitze ich auf der rechten Rolli-Tribüne. Dort lauschen die Aachener Fußballfans den Worten der beiden Blindenreporter. Unter ihnen befindet sich auch Stephan Wiech. Der 25-jährige Rollstuhlfahrer ist seit rund zehn Jahren regelmäßiger Stadionbesucher. Mittlerweile hat er seine eigenen Kopfhörer dabei. Solange sich die Spieler in der Nähe der Tribüne bewegen, kann er ihnen auch ohne Audio-Kommentar folgen. Auf die Distanz hingegen erkennt er das Spielgeschehen kaum.

Die Fans singen, trommeln, grölen

In der neuen Umgebung bin ich mir der Stoffmaske über meinen Augen besonders deutlich bewusst. Die Fans singen, trommeln und grölen nur weniger Meter von mir entfernt. Ich drehe am Lautstärkeregler meines Empfangsgeräts, um mich aufs Spiel konzentrieren zu können. Ich merke es plötzlich selbst: Wenn der Reporter schweigt, bleibe ich blind. Das Spiel wird turbulenter. Lukas’ Stimme passt sich dem steigenden Tempo an, wird lauter. Oder ist das Arne? Ich bin so sehr darauf konzentriert, die Spielszenen in meinem Kopf entstehen zu lassen, dass ich den Wechsel der Reporter oft nicht mal bemerke.

Dann ist es so weit: Tor für Alemannia in der 76. Minute. Ein Eigentor! Was genau vor dem gegnerischen Tor, nur wenige Meter von mir entfernt, passiert, kriege ich gar nicht mit. Zu laut ist das Gebrüll und der Jubel der Aachener. Ich kann der Versuchung nicht widerstehen und hebe kurz meine Augenmaske. Stephan hat die Arme erhoben und jubelt laut mit. Die schwarz-gelben Schals wirbeln zum Tanze in der Luft. Es ist ein Bild, das sich fest einbrennt, bevor ich wieder die Dunkelheit zulasse.

Das Ende der Partie naht. Arne kündigt die verbleibende Zeit an. Noch sechseinhalb Minuten zu spielen. Vier Minuten. Der Schiedsrichter verweist einen Kölner mit Gelb-Rot vom Platz. Wen? Ich weiß es nicht. Mein Gehirn muss zu viele Informationen verarbeiten, um sich die Namen der gegnerischen Mannschaft merken zu können. Und dann das: Elfmeter.

Dennis Dowidat versenkt den Strafstoß. 2:0 für Aachen! Ich höre die Fans schreien und singen vor Begeisterung. Für die Nachspielzeit gibt Arne das Mikrofon an Lukas weiter. Abpfiff – und ich nehme die Augenmaske wieder ab. Wenige Momente später sind Arne und Lukas bereits auf der Rolli-Tribüne, sie schlagen mit ihren Zuhörern auf das gute Spiel ein. Man kennt sich. „Das war ein super Spiel“, sagt Stephan grinsend. Das sehe ich auch so.

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