Alsdorf/Würselen - Wenn der Tod so einsam wie das Leben ist

Wenn der Tod so einsam wie das Leben ist

Von: Marlon Gego
Letzte Aktualisierung:
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Anonymes Grabfeld auf dem St.-Sebastian-Friedhof in Würselen. Hinter dem Schild, kurz vor der Hecke, liegt Henrys Grab. Foto: Andreas Steindl

Alsdorf/Würselen. Als Henry starb, konnte er unten im Tal die Wurm leise rauschen hören, vielleicht hörte er auch die Autos von der Straße weiter oben noch. Er lag auf dem Rücken und sah in die Wipfel der alten Buchen, die vom Südwind leicht bewegt wurden, dann war es vorbei.

Ob Henry einfach einschlief? Bei Bewusstsein war? Oder wieder betrunken? Niemand weiß es. Henry war auch bei seinem Tod allein.

Das Waldstück, in dem Henry starb, liegt nur ein paar Schritte von der Alten Furth entfernt, wenige hundert Meter unterhalb von Burg Wilhelmstein. Der Wald wird dort von der Schnellstraße geteilt, die Würselen und Herzogenrath verbindet. Fußgänger kommen eigentlich nicht dorthin, durch das Waldstück führt kein Weg. Am 17. September, zwei Monate nach seinem Tod, stöberte der freilaufende Hund eines Spaziergängers Henrys Leiche auf, es war gegen 11 Uhr vormittags. So stand es in den Zeitungen.

In den zwei Monaten zwischen Henrys Tod und dem Fund seiner Leiche hat sich niemand nach ihm erkundigt. Der Briefkasten blieb so leer wie immer, das Sozialamt überwies die Miete. Nur sein gesetzlicher Vormund meldete ihn einige Wochen nach seinem Verschwinden bei der Polizei als vermisst.

Als Henry noch lebte, hat er immer wieder davon gesprochen, dass es ein einziger Moment war, der ihn ein normales Leben gekostet hat. Ein Leben mit eigener Wohnung, mit Auto, vor allem mit Familie. Ein Leben, an dessen Ende er nicht allein in einem Wald gestorben wäre. Bis zu diesem Moment war er als Dachdecker in Eschweiler angestellt. Er hatte eine Frau, er hatte eine Tochter. Bis zu diesem Moment hat er das normale Leben geführt, nach dem er sich später so gesehnt hat.

Vor mehr als 20 Jahren, Henry war Mitte 20, ist er eines Abends vor einer Kneipe in eine Schlägerei geraten. Seiner Darstellung nach hat er einem Mann mit der Faust ins Gesicht geschlagen. Der Mann sackte zusammen, fiel auf eine Bordsteinkante und starb. Henry wurde wegen Körperverletzung mit Todesfolge verurteilt und saß jahrelang im Gefängnis. So hat er es immer wieder mal erzählt. Und auch, dass er während der Jahre im Gefängnis nicht ein einziges Mal Besuch bekommen hat.

Der billige Vollrausch

Nach seiner Haftentlassung zog Henry nach Alsdorf, er wohnte in der Wohnung eines Mehrfamilienhauses in der Nähe des Zentrums. Die Resozialisierungsmaßnahmen hatten kaum Erfolg, Henry hat in seinem zweiten Leben, dem nach seiner Zeit im Gefängnis, keine Anstellung mehr gefunden. Vor allem fand er keinen Kontakt mehr zu seiner Familie oder zu seinen Freunden.

Henry war allein. Es hat nicht lange gedauert, da begann er zu trinken.

Seine Tage bestanden bald daraus, sich in den Kiosken der Stadt herumzutreiben. In der Regel kam er schon vor 7 Uhr am Morgen und trank sein erstes Bier. Wenn er nicht gerade vor dem Kiosk saß und rauchte, zog er sich in eine Ecke im Kiosk zurück und trank. Gesprochen hat er selten. Henry achtete darauf, seinen Vollrausch so günstig wie möglich zu gestalten, er kaufte immer das Bier, das gerade am billigsten war. Etwas anderes als Bier hat er nicht getrunken, außer Leitungswasser.

Bevor er irgendwann nach Hause ging, machte er sich auf den Weg zum Supermarkt am Annapark und kaufte dort einige Flaschen Oettinger-Pils, der halbe Liter zu 29 Cent, die ihn bis zum nächsten Morgen bringen sollten. Es kam vor, dass das Bier nicht reichte. Dann stand er nachts auf, ging durch die Straßen und sah zu, dass er einen offenen Kiosk fand. So gingen die Jahre dahin.

Ein Leben, das keines mehr war

Menschen wie Henry lassen sich eigentlich keiner Gruppe zuordnen, weil es keine Statistik gibt, die alleinstehende Sozialhilfeempfänger Mitte 40 mit Vorstrafe und schweren Suchtproblemen erfasst. Man ahnt, dass in einer stark individualisierten und zunehmend anonymisierten Gesellschaft die Zahl der Menschen steigt, die ihr eigenes Leben an der Gesellschaft vorbei führen; belegen lässt es sich aber nicht.

Der Politologe und Armutsforscher Christoph Butterwegge von der Universität Köln glaubt, dass Armut in Deutschland verwaltet, aber nicht bekämpft wird, dass die Spaltung der Gesellschaft in Arm und Reich politisch gewollt und weithin akzeptiert ist. „Wenn eine Gesellschaft wie die unsere derart marktmäßig ausgerichtet ist, liegt es nahe, dass Menschen wie Henry von der Gesellschaft nicht gewollt sind.” Auch Butterwegge geht davon aus, dass es immer mehr werden, die leben wie Henry. Oder wenigstens so ähnlich.

Henry war sich bewusst, dass sein zweites Leben keines war. Irgendwann ließen sich die Leere und die Einsamkeit auch mit Alkohol nicht mehr betäuben. Er suchte den Kontakt zu sozialen Einrichtungen, er suchte das Gespräch mit Menschen, die ihm hätten helfen können. Intuitiv machte er das Richtige. Henry wurde ambulant versorgt, hin und wieder schaute jemand von einer kirchlichen Hilfsorganisation nach ihm. Vergangenen Mai erhielt er einen gesetzlichen Vormund. Doch das alles kam zu spät, um an Henrys Lage etwas ändern zu können. Vielleicht hatte er auch einfach keine Kraft mehr.

Manchmal erzählte er davon, Geschwister in Norddeutschland zu haben, zwei Brüder, eine Schwester. Besuch erhielt er aber selbst an Weihnachten nicht. Er fuhr auch nirgendwo hin. Seine Welt lag zwischen den Kiosken, dem Supermarkt und seiner Wohnung. Weiter ist Henry nicht gekommen.

Ein paar Wochen vor seinem Tod, als ihm zum Monatsende das Geld ausgegangen war, kurz bevor die nächste Überweisung vom Sozialamt eintraf, ging er mit einer Eisenstange bewaffnet in den Supermarkt. Er nahm zwei Flaschen Bier aus dem Regal und ging, ohne zu bezahlen. Niemand traute sich, ihn aufzuhalten. Juristisch gesehen war das ein Raub, Henry hätte wieder ins Gefängnis gemusst. Die Filialleitung aber ließ ihn gehen und verzichtete auf eine Anzeige. Man kannte ihn ja. Henry bekam nur ein Hausverbot, an das er sich hielt.

Menschen, die ihn ein bisschen gekannt haben, sagen über Henry, dass er nicht aggressiv gewesen sei. Er wird im Gegenteil als ruhig beschrieben, als zuverlässig, als verschlossen. Aber in den letzten zwei Jahren sei die Sucht so stark geworden, dass Henry begann, ihr jeden Aspekt seiner Existenz unterzuordnen. In seinem eigenen Leben war Henry nur noch ein betrunkener Statist.

Seinen Alkoholkonsum schränkte Henry nur noch dann ein, wenn er das Gefühl hatte, jemand brauche seine Hilfe. Vergangenes Jahr hatte er mal eine Freundin, eine arbeitslose Frau aus Heinsberg. Eine Zeit lang brachte er sie mit in die Kioske und spendierte ihr ein Bier. Das ging einige Wochen so, dann kam die Frau nicht mehr.

Im Frühjahr nahm er sich eines jungen Obdachlosen aus Alsdorf an. Hin und wieder ließ er ihn in seiner Wohnung übernachten und sorgte dafür, dass der Mann etwas zu essen bekam. Tagsüber, während der Obdachlose am Annapark bettelte, saß Henry dann im Kiosk und überlegte, wie er dem Mann hätte helfen können.

Am frühen Abend des 15. Juli hatte Henry einen Unfall. Ein Zeuge sah, wie er schwankend in ein langsam fahrendes Auto lief und sich verletzte. Er hatte mehrere Wunden im Gesicht, aus denen er stark blutete. Henry wurde mit dem Krankenwagen ins Würselener Krankenhaus gebracht. Er hatte so viel Alkohol im Blut, dass die Ärzte erschraken. Sie behielten Henry da und verhinderten mit Hilfe von Medikamenten, dass er Entzugserscheinungen bekam.

Am nächsten Morgen, dem 16. Juli, war Henry immer noch in schlechtem Zustand. Die Ärzte rieten ihm, im Krankenhaus zu bleiben und seine Verletzungen auszukurieren. Henry aber wollte nicht. Mit nichts als seiner Kleidung verließ er das Krankenhaus und machte sich auf den Weg nach Hause.

Der Bestatter verbeugt sich

Die Stelle, an der Henry am 16. oder 17. Juli starb, liegt fünfeinhalb Kilometer vom Würselener Krankenhaus entfernt. Es ist nicht klar, warum Henry dorthin lief, wahrscheinlich hat er sich auf dem Weg nach Alsdorf einfach nur verlaufen. Die Pathologen brauchten eine volle Woche, um die stark verweste Leiche Henry zuordnen zu können. Zeichen äußerer Gewalteinwirkung gab es nicht, Henry starb eines natürlichen Todes. Woran genau, ließ sich nicht mehr feststellen.

Zu Henrys Beerdigung vor einigen Tagen ist niemand gekommen, um Abschied von ihm zu nehmen. Nur ein Priester war da, ein Messdiener, ein Bestatter und ein Totengräber. Wie in Henrys zweitem Leben waren auch bei seiner Beerdigung nur diejenigen da, die von Amts wegen da sein mussten.

Als der Totengräber Henrys Asche in einer schwarzen Urne in ein anonymes Grab auf dem Friedhof hinter St. Sebastian in Würselen legte, verbeugte sich der Bestatter leicht und trat vom Grab zurück. Der Priester sprach einen kurzen Beisetzungsritus, mehr nicht. Er hat niemanden gefunden, der ihm etwas über Henry hätte erzählen können. Er wusste nichts von ihm als seinen Namen und sein Alter, 47.
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