Wenn der stille Kumpel zum lauten Hetzer wird

Von: Alexander Barth
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Fest im Blick: Ein junger Neonazi während einer Kundgebung der rechten Partei NPD. Auf seinem T-Shirt prangt die Aufschrift „Gott mit uns“ – ein Ausspruch, den unter anderem Soldaten der Deutschen Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg auf ihren Koppelschlössern trugen. Foto: stock/Christian Mang
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Helfen und aufklären: Patrick Fels von der Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus. Foto: Alexander Barth

Aachen/Köln. Die Szenarien sind vielfältig wie beklemmend: Im Viertel tauchen plötzlich Aufkleber mit rechten Sprüchen auf. Am Jugendzentrum werden Flyer mit eindeutigen Hetzparolen verteilt. In der Schule fällt eine Gruppe mit rechten Sprüchen auf. Der jüdische Friedhof oder die Holocaust-Gedenkstätte im Ort sind mit Hakenkreuzen beschmiert. Was tun, wenn Neonazis auf den Plan treten?

Die Mobile Beratung gegen Rechtsextremismus (MBR) bietet Unterstützung. In der Region Aachen arbeitet sie eng mit dem Lokalen Aktionsplan gegen Rechtsextremismus (LAP) zusammen.

Das Büro von Patrick Fels liegt in einem Eckhaus am Kölner Appellhofplatz. Eigentlich liegt die Kölner Zentrale der MBR damit mitten in einer Gedenkstätte. In dem Haus befand sich zwischen 1935 und 1945 das Hauptquartier der Geheimen Staatspolizei Gestapo – die Truppe war im Dritten Reich vor allem für die Jagd auf politische Gegner des Terrorregimes zuständig.

Seit den 90er Jahren befindet sich hier das NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln. Im Erdgeschoss hat die MBR ihre Zentrale. Zwei Schreibtische für zwei feste Mitarbeiter, dazu gesellt sich immer wieder ein Praktikant. „Viel Platz haben wir nicht“, sagt Patrick Fels, „aber Hauptsache, wir können unsere Arbeit machen.“

Die Arbeit, das ist „vor allem Hilfe zur Selbsthilfe für Leute, die in ihrem Umfeld mit Rechtsextremismus, Fremdenhass und Rassismus konfrontiert werden“, sagt Patrick Fels. „Wichtig ist, dass die Leute sich trauen, rechte Aktionen zu melden. Wir bieten Unterstützung, damit sie mit Bedrohungen fertig werden und gegen rechte Umtriebe vorgehen können. Ihre Bühne suchen sich Neonazis in allen Lebensbereichen“, weiß der studierte Politikwissenschaftler. „Sie können in der Nachbarschaft, in der Schule, an der Uni oder im Verein auftauchen. Da wird der stille Kumpel plötzlich zum lauten Hetzer. Wir wollen Ängste abbauen und die Leute animieren, gegen eine menschenverachtende Ideologie aufzustehen. Da gilt der Spruch: Nicht wegsehen!“

Ein „Auftritt“ von Rechts – das können Sprüche sein, eine Schmiererei an einer Hauswand. Aber immer wieder treten Neonazis eben auch organisiert auf. Nicht nur bei angemeldeten Kundgebungen oder Demos – im Sinne des ansonsten verachteten Staates – oder mit Informationsständen. Vermeintlich harmlos, mit Flyern oder Flugblättern präsentieren sie sich dann.

Aber eben auch mit einer Runde durch das Kneipenviertel machen sie auf sich aufmerksam, dann nicht selten aggressiv und ohne Scheu, ihre Gesinnung zu offenbaren. Das habe dann durchaus etwas von Gang-Mentalität, sagt Patrick Fels. „Mittlerweile tun sich Rechte besonders in Freien Kameradschaften zusammen. Sie haben Parteien wie die NPD als Sammelbecken für junge Rechte abgelöst.“

Außerdem habe sich auch das Auftreten junger Neonazis gewandelt. „Vor allem optisch hat sich da einiges getan“, sagt Patrick Fels. „Das in den 90er Jahren geprägte Bild vom Glatzkopf mit Bomberjacke und Springerstiefeln ist überholt.“ Heute sind etwa schwarze Kapuzenpullis, Sneaker und sogar auffällige Irokesen-Frisuren bei Neonazis angesagt. „Ein Stil, der von Punks und linken Jugendlichen, also den politischen Gegnern, übernommen wurde“.

Die Zeichen erkennen

Damit der aufmerksame Beobachter den Überblick behält, gibt die Mobile Beratung auch Informationen zu Dresscodes, beliebten Klamottenmarken und Symbolen der rechten Szene. „Es gibt viele Erkennungsmerkmale, die der Normalbürger erst mal kennen muss, um einen Neonazi zu entlarven. Wenn ein rechter Aufmarsch angemeldet wird, blickt man ja eigentlich noch durch, welches Gedankengut da zur Schau getragen wird. Anders, wenn Neonazis im Alltag unterwegs sind, mitten unter uns.“

Das könne ein Button an der Kappe sein, ein Pulli der Marke „Thor Steinar“, ein Shirt mit einer Zahlenkombination oder dem Namenszug einer rechten Rockband. Nicht jeder erkenne hinter der Abkürzung „WP“ die Bewegung „White Power“, sagt Patrick Fels.

Obwohl in Köln beheimatet, hat die MBR auch die Region Aachen fest im Blick – zusammen mit dem Lokalen Aktionsplan gegen Rechtsextremismus, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus (LAP) der seit 2011 die Aktivitäten von Rechtsaußen zwischen Heinsberg und der Eifel, zwischen Aachen und Düren im Blick hat. Dominik Clemens ist der Koordinator. „Wem Aktivitäten von Neonazi-Gruppen oder rechten Parteien auffallen, kann sich vertrauensvoll an uns wenden“, sagt er.

Auch Clemens sieht die rechte Szene im Wandel, aber keinesfalls auf dem Rückzug. „Das Verbot der ‚Kameradschaft Aachener Land‘ hat die Neonazis in der Region geschwächt. Allerdings hat sich die Szene neu organisiert, der harte Kern macht als Kreisverband der Partei ‚Die Rechte‘ weiter.“ So würden ungeniert Veranstaltungen wie zu Zeiten der „Kameradschaft“ durchgeführt – kürzlich etwa eine „Sonnenwendfeier“. „Der Überfall auf eine Antirassismus-Demo durch Neonazis und rechte Hooligans Anfang November 2013 in Aachen hat gezeigt, dass das Gewaltpotenzial weiter hoch ist“, sagt Clemens.

Für Patrick Fels ist das Engagement nicht nur Beruf, sondern Grundüberzeugung. „Gegen Rechts war ich schon immer“, sagt er. „Irgendwann habe ich mal eine Führung hier im NS-Dokumentationszentrum mitgemacht. Danach habe ich begonnen, mich hier zu engagieren.“ Engagement – „das beste, das einzige Mittel gegen eine unmenschliche Ideologie.“

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