Wenn der Körper zum Kampfplatz wird

Von: Andrea Zuleger
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Die Pubertät ist eine krisenhafte Zeit: Die Seelenqualen von Mädchen fallen weniger auf, weil sie ihre Konflikte oft innerlich verarbeiten. Sie neigen daher eher zu selbstverletzendem Verhalten. Foto: imago/Friedrich Stark
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Hans Hopf kommt zu einem Vortrag nach Aachen: Es geht um die Probleme von Mädchen in der Pubertät. Foto: K.D. Busch

Aachen. Rund 20 Prozent der Jugendlichen entwickeln in der Pubertät psychische Störungen, zehn Prozent so ausgeprägt, dass sie behandelt werden müssen. Dabei sind die Verhaltensweisen bei Mädchen und Jungen sehr unterschiedlich.

Während die meisten betroffenen Mädchen mit Depression, Selbstverletzungen oder Essstörungen reagieren, neigen Jungs dazu, Regeln zu missachten, Drogen zu konsumieren und aggressives Verhalten an den Tag zu legen. Aber die Anatomie sei kein unausweichliches Schicksal, sagt Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeut Hans Hopf, im Interview.

Kommen Selbstverletzungen bei Mädchen häufiger als bei Jungs vor?

Hans Hopf: Dieses Störungsbild wird zu 80 Prozent bei Mädchen diagnostiziert, das Verhältnis beträgt also 4:1.

Warum ist das so?

Hopf: Mädchen leiden stärker als Jungen unter psychosomatischen Störungen und einer Neigung zu vermehrter Depression und Ängsten. Sie richten Aggressionen gegen das eigene Selbst und den Körper. Darum kommen sie während ihrer Pubertät und danach mit Essstörungen, Depressionen sowie selbstverletzendem Verhalten in Behandlung. Fasse ich diese Gegebenheiten in zwei Bilder, so kann gesagt werden: Jungen machen den Schulhof zum Kampfplatz und Mädchen den eigenen Körper!

Woran machen Sie genau diese Unterschiede im Verhalten von Mädchen und Jungen fest?

Hopf: Mädchen können mehr aushalten und darum Spannungen besser ertragen und sie besitzen in der Regel ein gefestigtes Gewissen. Mütter spiegeln ihre Töchter häufiger, weil kleine Mädchen mit ihrer starken Empfänglichkeit für soziale und emotionale Reize das geradezu herausfordern. Früh wird auf Gefühle des andern geachtet, Babymädchen sind an der Mutter orientiert und stellen sich auf sie ein. Das bereitet einer frühen Empathieentwicklung den Weg. Damit entwickelt sich ein wechselseitiger Prozess bei dem Mutter wie Tochter sehr empfänglich für den Gefühlszustand des anderen werden. Auf diese Weise wird die Grundlage für die unübertreffliche weibliche Empathie in allen sozialen Lagen geschaffen. Mädchen entwickeln auch mehr Sinn für Symbole und Fantasie. Das birgt aber auch seine Schattenseiten: Mädchen können sich besser als Jungen einfühlen, sie sind darum aber auch leichter emotional auszubeuten.

Wie viel tragen letztlich biologische Faktoren dazu bei, dass Mädchen und Jungs ein unterschiedliches Selbstbewusstsein entwickeln. Und wo ist es die Aufgabe der Eltern behutsam zu steuern?

Hopf: Ich gehe davon aus, dass sowohl die Biologie, die Chromosomen und Hormone, als auch das Erbe der Evolution, den Geist von Mädchen und Jungen formen. Entscheidend ist allerdings der frühe Einfluss, den die Beziehungen des Mädchens mit seinen primären Bindungs- und allen späteren Bezugspersonen ausüben sowie die Einwirkungen der Gesellschaft. Die Anatomie ist also kein unausweichliches Schicksal, sondern das, was das Mädchen aus ihr macht, wird die Entwicklung seiner Weiblichkeit bestimmen. Dabei ist der unbewusste und bewusste Einfluss ihrer Eltern entscheidend, deren Vorbilder sowie ihr Umgang als Paar.

Sie geben auch ein typisches Beispiel aus der Erziehung noch kleiner Kinder. Da ist die Mutter diejenige, die auf die Tochter viel weniger Aufmerksamkeit verwendet als auf den Jungen, der mit großem Brimborium zur Tür hineinkommt. Ist das nicht sehr klischeehaft? Sind wir tatsächlich so in unseren Geschlechterrollen gefangen?

Hopf: Natürlich habe ich ein drastisches Beispiel herausgegriffen. Doch konnte ich solche Szenen immer wieder beobachten. Rollenzuschreibungen sind offensichtlich tief in unserem Unbewussten verankert. Es gibt viele empirische Untersuchungen, die festgestellt haben, wie stark sich die Mutterbeziehung schon während der frühen Kindheit bei Mädchen und Jungen unterscheidet.

Sie zitieren aus einer kriminologischen Studie des Landes Niedersachsen, das die Unterschiede von Mütterbeziehung zu Söhnen und Töchtern untersucht hat. Mit welchem Ergebnis?

Hopf: Das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen hat empirische Untersuchungen mit vielen Tausend Probanden durchgeführt. Danach fühlen sich die Mütter sechs Monate alter Jungen schon häufiger am Ende ihrer Kräfte als die Mütter der Mädchen. Töchter wurden als fröhlicher empfunden und bereiteten Müttern mehr Freude. Im Alter von 30 Monaten wurden die Mädchen von ihren Müttern unter anderem als gesprächiger, empathischer und gesünder als die Jungen eingeschätzt. Mädchen wurde mehr emotionale Zuwendung entgegengebracht als Jungen. Sie werden in ihrem Verhalten aber auch stärker beaufsichtigt und kontrolliert als die Jungen. Später üben sie weniger Gewalt aus und erzielen bessere Schulleistungen.

Ab welchem Alter treten die typischen Störungen der Mädchen häufiger auf?

Hopf: Im Kindesalter werden 80 Prozent der Jungen wegen sozialer Störungen vorgestellt, weil sie Sand ins gesellschaftliche Getriebe tragen. Während der Pubertät kehrt sich das Verhältnis um, bei Mädchen werden dann zwischen 80 und 90 Prozent Depressionen, Selbstverletzendes Verhalten und Essstörungen diagnostiziert.

Warum gehen psychische Störungen bei Mädchen oft mit Selbstverletzungen einher?

Hopf: Die Sozialisation vieler Mädchen ist durch eine enorme Verhaltenshemmung und Kontrolle gekennzeichnet. Mädchen unterdrücken darum spontane Impulse, Temperamentsausbrüche stärker als gleichaltrige Jungen. Die Erwachsenen, die Lehrer und Eltern, regulieren das Verhalten und die Emotionen von Mädchen viel stärker als bei Jungen. Darum haben Mädchen in der Regel ein gut gefestigtes Gewissen, das sie zu überragenden Leistungen befähigt, zum Ertragen von Spannungen und besseren Aushalten von Gefühlen.

Und wo ist das Problem?

Hopf: Ihr Gewissen kann eine höchst problematische Entwicklung nehmen: Auf einem langen Entwicklungs- und Erziehungsprozess kann es streng und verfolgend werden. Dann lernen Mädchen, Aggressionen nach innen zu wenden und versuchen, ihren Körper zu zerstören. Diese nach innen gewendete Aggression ist sowohl für die Depression als auch für die vielen autoaggressiven Symptome wie selbstverletzendes Verhalten und lebensbedrohliche Essstörungen verantwortlich.

Wie können Eltern die typischen Fallen vermeiden? Und brauchen Mädchen und Jungs unterschiedliche Erziehungsstile?

Hopf: Mädchen sind mit ihren psychischen Ausstattungen – Empathie, Durchhaltevermögen und Zuverlässigkeit – den Jungen weit überlegen. Doch Schuld, Scham und Ängste vor Liebesverlust können Mädchen und Frauen bei ihrer Ich-Durchsetzung hemmen. Darum können sich Jungen und Männer dennoch mit ihrer oft rücksichtslosen Aggression häufig besser durchsetzen. Die Untersuchungen machen deutlich, dass Jungen viel früher begrenzt werden sollten, sowohl in ihren Aggressionen wie in ihren Größenfantasien. Mädchen und Frauen sollten lernen, mit ihren Aggressionen bewusster umzugehen. Die Erfahrungen haben gezeigt, dass diese Geschlechtsunterschiede besonders ausgeprägt sind, wenn Mädchen ein liebevoller Vater fehlt, Jungen ein begrenzender.

Die Seelenqualen der Mädchen fallen weniger auf. Was sind Alarmzeichen?

Hopf: Die Pubertät ist eine Zeit der Krisen und Gefährdungen. Die autoaggressiven Tendenzen der Mädchen sind stumm, weil sich Mädchen so lange es geht, anzupassen suchen. Rückzug und Isolierung sind immer ernsthafte Anzeichen für problematische Entwicklungen.

Wie groß ist der Einfluss von Freunden? Können sie den Jugendlichen helfen?

Hopf: Gleichgeschlechtliche Freundschaften spielen eine bedeutsame Rolle, weil sich die Mädchen zur gleichen Zeit den gleichen Entwicklungsaufgaben stellen müssen. Enge Freundschaften können zwar konfliktreich sein, sie liefern jedoch vor allem emotionale Sicherheit und Identität.

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