Würselen - „Wenn der Himmel keine Sterne trägt“: Claudia Borrmanns Leidensgeschichte

„Wenn der Himmel keine Sterne trägt“: Claudia Borrmanns Leidensgeschichte

Von: Christoph Pauli
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Nach sieben Jahren Kampf gegen den Krebs ist Claudia Borrmann in der Nacht zu Donnerstag gestorben.

Würselen. Dieser Tag, an dem für sie die Welt zusammenbrach, ist exakt sieben Jahre her. Claudia Borrmann hat den Tonfall der Ärztin an der Uni-Klinik in Essen nie mehr vergessen, ihre Augen, die keinen Halt fanden, ihre Nachricht.

„Gehen Sie nach Hause, die Lage ist aussichtslos, genießen Sie die letzten Tage mit Ihrer Familie.“ Wie kann man mit dieser Perspektive noch genießen? Der Himmel hat keine Sterne mehr, dachte die junge Frau aus Würselen. Es war himmelschreiend ungerecht, sie ist jung, hat zwei Kinder, Pläne, hängt am Leben – und hat Krebs.

Die Schockstarre weicht nur langsam. Aber dieser Befund weckt Kräfte, die sie selbst bei sich nicht vermutet hätte. „Man sagt, die Zeit ändert alles. Das stimmt nicht – man muss es selbst tun“, sagt sie – und beginnt es selbst zu tun. Sie nimmt ihre Heilung selbst in die Hand. Die gelernte Rettungssanitäterin organisiert den Widerstand gegen die Krankheit. Sie vertraut nicht nur der Schulmedizin, sucht ihre eigenen Wege auch in der alternativen Medizin.

Sie führt Buch und hat ihre Geschichte veröffentlicht. Es ist ein Buch, das vor Kraft und Energie strotzt. Sie hat es „Einfach weitergehen“ genannt, auf das Buch wurde vor drei Jahren auch in dieser Zeitung hingewiesen. „Mein Anliegen war es, dass nicht alles, was mit der Krankheit zu tun hat, negativ zu sehen ist. Ich habe gelernt, das Leben mit dem Herzen zu sehen.“ Borrmann beschreibt schonungslos ihre Krankengeschichte. An einer Stelle im Buch schreibt sie: „Die Welt scheint mich abzustoßen wie ein schlecht transplantiertes Organ. Man will mich loswerden. Ich hebe die weiße Fahne, kapituliere. Ich wünsche mir für meine Familie, dass dieses Leben endlich vorbei ist. Sie soll wieder einen sorgenfreien Alltag erleben.“

Natürlich hat es in den letzten sieben Jahren viele dieser dunklen Tage gegeben, wenn sie wieder isoliert im Krankenhaus liegen musste, wenn der Tumormarker schlechte Werte anzeigte. Aber sie ist immer wieder von ihrem Leidensweg abgebogen. Sie hat einen außergewöhnlichen Kampfgeist, und das macht auch die Lektüre ihres Buches so wertvoll.

Viele Menschen haben sich damals bei ihr gemeldet, Verzweifelte waren darunter. Helfen konnte sie nicht, weil jeder Fall für sich ein Buch füllen könnte. Aber sie hat mit ihrer Geschichte Zuversicht verbreitet. So gesehen war es ein Mutbuch. Ihr Leben ist ein eindrucksvoller Beleg dafür, wie man Grenzen verschieben kann. Aber es war und ist auch ein Wutbuch, denn es hat viele Ärzte widerlegt. Wenn die Mediziner schon mal aufgegeben haben, Claudia Borrmann ging weiter. Immer weiter.

Sie hat vor ein paar Monaten an ihr letztes Buch noch ein paar Kapitel angefügt, wie ihr Leben weitergegangen ist. Sie hätte sich noch ein paar Seiten mehr gewünscht, aber nach einem Schlaganfall im letzten Jahr habe „sie die Leichtigkeit“ verloren. Claudia Borrmann ist inzwischen im Hospiz in Walheim. Sie lehnt weitere Behandlungen ab, nach etwa 50 Operationen, nach dutzenden Wochen in Kliniken, nach vielen Schmerzen und Chemotherapien, ungezählten Komplikationen.

Seit vielen Jahren ist sie Patientin bei der Aachener Psychoonkologin Andrea Petermann-Meyer. Ihre Patientin habe sich entschieden, die unausweichlichen Einschränkungen, die mit dieser Krankheit verbunden sind, hinzunehmen, sagt sie. „Es gibt Dinge, die man akzeptieren muss und solche, die man verändern kann. Sie beherrscht die Kunst, sich mit Dingen zu beschäftigen, die sie verändern kann und will.“

Der Tod spielt in den Gesprächen eine Rolle, er hat an Schrecken verloren. „Ich habe ihn mir so lange angeschaut, bis er nicht mehr ganz so grausig aussah“, sagt Claudia Borrmann. Die Angst ist nicht verflogen, sie macht sich Sorgen, vor allem, was aus ihren Söhnen wird.

Sieben Jahre gekämpft

Das neue Buch trägt den Titel „Wenn der Himmel keine Sterne trägt“. Auf dem Titel ist ein Mensch auf einer freischwebenden Leiter zu sehen, der die heruntergefallenen Sterne mühsam selbst wieder aufhängt. Claudia Borrmann hat ihr Leben in die Hand genommen, auch wenn der Weg beschwerlich, wacklig war. Sie hat sieben Jahre gekämpft, sie hat ihre eigenen Sterne angebracht.

Auch das Buch gehört dazu, es ist ihre Geschichte mit vielen Tiefen und Höhen, aber es ist faszinierend, wie viel Energie und Kraft die 40-Jährige aufbringt. „Sie lehrt uns Therapeuten achtsam unsere Worte zu wählen und unseren Statistiken weniger, der individuellen Lebensbejahung aber mehr Bedeutung zu schenken“, sagt ihre Kohlscheider Therapeutin Antje Rosenbaum, die eine Freundin geworden ist. „Claudia lehrt uns alle, dass wir immer wieder Zugang zu unseren Stärken finden und Regisseure unseres eigenen Lebens bleiben können.“ Sie sei eine „besondere Persönlichkeit“, findet die Medizinerin.

Zu den Sternen, die Claudia Borrmann aufgehängt hat, gehört dieses Buch, auf das sie so stolz ist. Die letzten vier Zeilen lauten: „Ich hoffe, meine Geschichte kann noch mehr Menschen Mut machen und ihnen Lebensmut und Lebenskraft vermitteln. Und denkt vor allem daran: Der Tod ist nicht das Ende. Er ist nur der Anfang von etwas Neuem.“

Das Buch, das im Kachina-Verlag erschienen ist, kann für 22,50 Euro unter der E-Mail-Adresse: himmelstern49@gmx.de bestellt werden.

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