Aachen - Wenn der Hase Lunte riecht und in die Binsen geht

Wenn der Hase Lunte riecht und in die Binsen geht

Von: Walter Schmidt
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Dieses Wörterbuch wäre hilfr
Dieses Wörterbuch wäre hilfreich, gibt es aber nicht: Auch wenn zahlreiche Redewendungen aus dem Jäger-Deutsch längst in die Alltagssprache eingegangen sind, bleiben doch viele der lodengrünen Vokabeln für Laien ziemlich rätselhaft.Foto: imago/imagebroker, Montage: Horst Thomas

Aachen. Der Fachjargon der Jäger hat die deutsche Sprache derart bereichert, dass man sich fragen kann, wie arm sie ohne all die Redensarten der Grünröcke wäre. Der folgende Beispieltext ist mit Fachausdrücken zwar künstlich überfrachtet, wirkt aber dennoch vertraut, weil alle 18 Begriffe oder Wendungen geläufig sind.

Wer einen unliebsamen Minister, der schon lange auf der Abschussliste steht, gerne aus dem Amt befördern möchte, sollte ordentlich Zielwasser getrunken haben, bevor er auf die Pirsch geht, sonst geht der Anvisierte durch die Lappen - wenn er nicht schon vorher Lunte gerochen hat. Wer den Mann also - und zwar möglichst Knall auf Fall - zur Strecke bringenwill, sollte etwas auf der Pfanne haben, denn schlaue Politiker sind wachsam wie Schießhunde, halten die Löffel gespitzt und bekommen leicht Wind von einer drohenden Hetzjagd auf sie. So kann es passieren, dass am Ende sie selber am Drücker sind. Wenn der Gejagte Glück hat, geht der ihm geltende Schuss in die Binsen und er muss bloß Federn lassen. Landet der Minister aber einen Blattschuss, bleibt dem Opfer nur noch der letzte Bissen, und der Minister kann sich an seinem Sieg weiden.

„Die Jägersprache ist sehr bildhaft”, sagt Torsten Reinwald, Sprecher des Deutschen Jagdschutz-Verbandes (DJV) in Bonn. Vergleichbar und ähnlich bedeutsam sind die ebenfalls tief in der deutschen Sprache verwurzelten Fachjargons der Soldaten (zum Beispiel „Flinte ins Korn werfen”) und Bauern („Ernte einfahren”). Selbst manches alltägliche Verb stammt aus der Jägersprache - so etwa „aufstöbern”, das Aufjagen eines am Boden ruhenden Wildtiers mit dem Stöberhund, oder auch „abfangen”. Darunter versteht man das im Mittelalter bis etwa ins 17. Jahrhundert gängige Töten des Schalenwildes mit einer blanken Waffe - zum Beispiel eines Hirschs mit dem Nicker oder Hirschfänger, einem großen Jagdmesser mit feststehender Klinge, oder einer Wildsau mit dem Saufänger.

Regelrechte Abfangjäger

„Das Abfangen kommt aus der Zeit, als es noch keine Schusswaffen gab; da wurde der Hirsch auf Hetzjagden solange verfolgt, bis er nicht mehr konnte, und dann von vorne möglichst direkt ins Herz gestochen”, erklärt Torsten Reinwald die heute hierzulande nicht mehr erlaubte Hetzjagd. Insofern waren mit einem Nicker bewaffnete Waidmänner damals regelrechte Abfangjäger. Wer heutzutage ungeduldig den Briefträger schon am Gartentor abfängt, macht sich freilich in aller Regel nicht strafbar.

Nun gibt es unter den laut DJV über 6000 Jäger-Vokabeln allerdings auch ungeheuer viele, die Laien nicht kennen oder über die sie eine falsche Vorstellung hegen. Zu den bekannteren der ungewöhnlichen dürfte noch die Blume gehören, also der Schwanz des Hasen oder Kaninchens.

Wiederum ist das „Sauwetter” allen Deutschsprachigen ein Begriff, doch nur scheinbar klar, denn was soll Regen mit Schweinefrauen zu tun haben? Gar nichts, doch einiges mit Jägern, denn diese können stetem Landregen durchaus etwas abgewinnen, tummeln sich dann doch nur wenige störende Spaziergänger im Wald, so dass die Waidmänner und -frauen den Wildschweinen ohne Rücksicht auf Verluste unter Wanderern und Dauerläufern auf den Pelz - pardon: die Schwarte - rücken können.

Auf die falsche Fährte lockt - wieder so eine Jäger-Redensart - auch der so genannte Pensionshirsch. Das ist mitnichten ein mit viel Glück in die Jahre gekommener Waldbewohner mit wohlverdienter Schonzeit bis zum letzten Röhren, sondern ein Abschiedsgeschenk an einen aus dem Dienst geschiedenen Forstbeamten in Gestalt eines Trophäenträger-Abschusses. Der Senior im grünen Rock darf also garantiert ein stattliches Geweih ernten - nur treffen muss er noch. Waldökologisch sinnvoller wäre freilich das Erlegen eines Jungtiers, da ausreichend Pensionshirsche nur um den Preis vieler jüngerer Hirsche und Hirschkühe zu haben sind, und diese knabbern an der Waldverjüngung.

Wenn ein angeschossenes Reh schweißt, dann transpiriert es zum Erstaunen vieler Nichtjäger keineswegs, sondern blutet aus der Schusswunde. Die Blutspur, die es bei der Flucht hinterlässt, verfolgt der Schütze mit Hilfe speziell ausgebildeter Schweißhunde (Bluthunde) und leistet dabei in zweifacher Hinsicht Schweißarbeit.

Im Bestreiten irgendwelcher Aussagen sind viele Menschen geübt. Doch im Jägersprech bedeutet „bestreiten” etwas völlig anderes, nämlich das fruchtbare Begatten einer bestimmten Anzahl Fasanenhennen durch einen männlichen Fasan. Wer hätte das gedacht!

Oder auch, dass Jäger unter Bisten das Lockrufen des Haselhahnes verstehen. Und unter einem Blatter nicht etwa den Präsidenten des Weltfußballverbandes FIFA, sondern ein Instrument zum Nachahmen von Lauten der Ricke, mithin des weiblichen Rehs.

Bisweilen klingen die lodengrünen Redensarten seltsam umständlich. Ein Jäger, der einem Hirsch den Schuss anträgt, feuert ganz schnöde auf ihn. „Den Schuss antragen” klingt aber weniger derb und fast höflich. Hätte der Jagdmann beim Hirsch hingegen wirklich den Todesschuss beantragt, würde das Tier wohl dankend abgelehnt haben.

Wie jeder Fachjargon dient auch das Jägerdeutsch dazu, sich von anderen Berufsgruppen abzugrenzen. Doch das dürfte kaum der entscheidende Grund sein. „Jäger benutzen die traditionelle Fachsprache immer noch, um sich präzise untereinander zu verständigen”, sagt Torsten Reinwald. Für den Laien unverständlich heiße es zum Beispiel unter Jägern: „Der noch rote Hirsch zog orgelnd auf dem Wechsel in den Einstand.” Übersetzt bedeute das: „Der Hirsch, noch in seinem Sommerfell, markierte laut röhrend sein Revier und ging dabei langsam einen Pfad entlang, den diese Tierart schon seit Generationen nutzt, in jenen Waldteil, den er tagsüber bevorzugt aufsucht.”

Sag ich doch!, könnte jetzt ein Jäger rufen.
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