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Wenn das Leitungsteam zum Pastor wird

Von: Peter Pappert
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Eine sichere Bank: So wünschen sich Gläubige ihre Kirche. Die Laien müssen selbst mehr dafür tun; viele Ehrenamtler sind dazu bereit. Viele Priester müssen sich daran gewöhnen. Foto: stock/Westend61

Aachen/Bochum. Manche Katholiken finden ihre Kirche derzeit regelrecht spannend. In der Weltkirche stößt Papst Franziskus auf Aufmerksamkeit und Sympathie. Er will die vatikanische Kurie umbauen und sorgt dafür, dass in Rom in bislang ungewohnter Offenheit über zentrale Fragen des Glaubens und der Kirche diskutiert wird. Die Erwartungen, wohin das führt, sind enorm hoch.

In der hiesigen Region fühlen sich zahlreiche Katholiken durch die franziskanische Wende motiviert. Das Bistum selbst befindet sich mitten im Umbruch. Der neue Generalvikar Andreas Frick hat sein Amt gerade angetreten und setzt ausdrücklich auf mehr Kommunikation. Bischof Heinrich Mussinghoff wird sein Amt im Oktober aller Voraussicht nach aufgeben. Er hat für neue Strukturen in seinem Bistum gesorgt – zum Teil aus personeller und finanzieller Notlage, aber auch aus Überzeugung.

Matthias Sellmann, Professor für Pastoraltheologie an der Universität Bochum, befasst sich als Chef des Zentrums für angewandte Pastoralforschung (ZAP) mit Veränderungen und der pastoralen Situation in den deutschen Bistümern. Er hat einen guten Überblick und viele Vergleichsmöglichkeiten. „Im Bistum Aachen werden die Weichen für ein zukunftsfähiges Christsein gestellt. Es zeigt sich eine neue Kultur des Kircheseins“, sagt er im Gespräch mit unserer Zeitung.

Was heißt zukunftsfähig? „Ein Christsein, das auch den Menschen von morgen und übermorgen einleuchtet, das sich an den Standards des modernen Lebens ausrichtet und sich von ihnen inspirieren lässt“, sagt Sellmann. „Ein Christentum, das nicht autoritätshörig, nicht nur auf Erhalt der Kirche bedacht ist, nicht nur religiös, sondern auch politisch ist, das sich nicht von der Versorgung durch Hauptamtliche abhängig macht.“

Sellmann sieht im Bistum Aachen „Innovationen, die es anderswo in gleicher Intensität, Klugheit und Breite nicht gibt“. Elisa Kröger, Wissenschaftliche Mitarbeiterin am ZAP und dort vor allem für die Diözese Aachen zuständig, erkennt eine „neue Kultur des Kircheseins“ im Teamgedanken: „Das gibt es im Bistum Aachen seit 20 Jahren; damit steht es vorneweg.“

Mussinghoff hat in seiner Diözese neue Formen der Gemeindeleitung ermöglicht. In der herkömmlichen Form leitet ein Priester eine große Gemeinde (heute meist als Fusion vormals selbstständiger Pfarren) oder mehrere Pfarreien in einer sogenannten Gemeinschaft von Gemeinden (GdG). Als drittes Modell leiten zwei Priester eine große Gemeinde oder eine GdG. Im Bistum Aachen gibt es derzeit gut 270 aktive Priester, zudem 48, die im Ruhestand als Subsidiare seelsorgerische Aufgaben wahrnehmen.

Der Aachener Bischof kann viertens einen Diakon oder eine Person ohne Priesterweihe mit der Seelsorge beauftragen, während ein Priester, der nicht zum ordentlichen Pfarrer ernannt ist, als „Moderator der Seelsorge“ tätig ist. Angesichts des Priestermangels hat er so die Möglichkeit, einen pensionierten oder hauptberuflich anderweitig beschäftigten Priester für die rein priesterlichen Aufgaben in einer Gemeinde zu gewinnen, ohne ihn mit weiteren Leitungsfunktionen belasten zu müssen.

Dieses Modell, das vier Gemeinden im Bistum Aachen eingeführt haben, ist innerkirchlich umstritten. Es wurde früher im Bistum Limburg in fast 50 Gemeinden praktiziert, bis der damalige Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst es nach seinem Amtsantritt 2008 abschaffte.

Schließlich leiten in der fünften Variante („Gemeindeleitung in Gemeinschaft“) Pfarrer, Hauptamtliche und Ehrenamtler gemeinsam eine Gemeinde. Die ehrenamtlichen verantwortlichen Lei- ter werden von den Angehörigen der Pfarreien gewählt beziehungsweise von den Pfarreiräten oder Kirchenvorständen der einzelnen Pfarreien vorgeschlagen; so oder so müssen sie vom Bischof beauftragt werden.

Diese Form der Gemeindeleitung beruht ausschließlich auf diözesanem Recht des Bistums Aachen und wird derzeit nur in einer GdG verwirklicht – und zwar im Verbund der Aachener Pfarreien St. Laurentius, St. Martinus und St. Heinrich (Laurensberg, Richterich, Horbach).

In jeder dieser drei Pfarreien haben die Gläubigen zwei Kandidaten in die Gemeindeleitung gewählt, der zudem fünf Hauptamtler (Pfarrer, Gemeindereferenten und Kirchenmusiker) angehören. „Wir wollten, dass die Ehrenamtler in der Mehrzahl sind“, sagt Josef Voß, Pastor dieser drei Pfarreien, im Gespräch mit unserer Zeitung.

„Wir müssen den Laien beweisen, dass wir sie ernstnehmen.“ Deshalb akzeptiere er auch, wenn er in der Gemeindeleitung überstimmt werden sollte. „Dann habe ich eben Pech gehabt. Wir müssen bereit sein, Macht abzugeben.“

„Das ist eine erfreulich kreative Gestaltung kirchenrechtlicher Vorgaben“, meint Sellmann. „Kirchenrecht wird leider viel zu oft als Blockadewerkzeug missbraucht; es soll aber Handlungsspielräume öffnen. Bischof Mussinghoff ist Kirchenrechtler; er weiß, wie man den Sinn der einzelnen Regelungen erfüllt.“ Das sei nachahmenswert und entspreche dem Sinn von Kirche.

Voß bringt es auf den Punkt: „Wir elf sind der Pastor.“ Solch neuem Selbstverständnis würden von den rund 270 aktiven Priestern im Bistum höchstens zehn Prozent zustimmen, schätzt Voß. Die Exklusivität des Priesteramtes sei durch diese oder ähnliche Modelle gefährdet, beanstanden Konservative. Vor deren Kritik müsse niemand Angst haben, meint Voß. „Aber man muss damit rechnen.“

Mussinghoff hat eine breite Basis geschaffen, um Erwartungen an eine zeitgemäße Seelsorge zu erfüllen, ohne die dafür Verantwortlichen zu überlasten. Aachen sei zudem eines der zentralen Bistümer mit innovativen pastoralen Neugründungen, „zu denen Gruppen aus ganz Deutschland mit dem Bus fahren“, sagt Sellmann: Jugendkirche Kafarnaum, das Trauerkirchenprojekt „Diesseits“, die neue Gemeinde „Zeitfenster“ in der Pfarre Franziska von Aachen – alles in der Aachener Innenstadt.

„Dass das alles im Bistum entstanden ist, ist kein Zufall; da existiert einfach eine freundliche, kreative Kultur.“ Mussinghoff habe viel zugelassen und seine engagierten Leute ermutigt. „Er lässt alle leben – die Konservativen wie die Progressiven. Manch andere Bischöfe sind auf einem viel schmaleren Sektor unterwegs.“

Viel muss sich allerdings ändern: Kompetente Laien sind nötig, deren Engagement auf längere Zeit gewährleistet ist. Die neuen pastoralen Aufgaben für die Laien und deren Verantwortung in der Gemeinde haben sich zudem aus der Notsituation des Priestermangels heraus ergeben, als Ausnahme von der Regel und weniger aus Überzeugung vom „gemeinsamen Priestertum der Gläubigen“.

Eine entscheidende Frage bleibt also, ob Ämter und Verantwortung der Laien – unabhängig vom priesterlichen Personalbestand – prinzipiell anerkannt werden?

Noch mehr wird sich ändern müssen: „Es wurden über Jahrzehnte hinweg bestimmte Kirchen-, Priester- und Eucharistiebilder tradiert und verinnerlicht“, sagt Sellmann. „Was es bedeuten soll, die Eucharistie häufig zu empfangen, variiert durch die Kirchengeschichte hindurch beträchtlich. Manche Erwartungen sind gar nicht haltbar – genauso wenig wie der Anspruch, nur ein Priester dürfe die Beerdigung vornehmen und auf keinen Fall ein Laie. Oft regiert in diesem Anspruchsdenken die althergebrachte Überzeugung, man habe ja Kirchensteuer bezahlt.“

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