Wenn Computer Einbrüche vorhersagen

Von: Madeleine Gullert
Letzte Aktualisierung:
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Mit Technik gegen Einbrecher: Neue Methoden sollen vorhersagen, wo bald ein Wohnungseinbruch geschehen wird. Das zumindest versprechen „Predictive Policing“-Programme Auch NRW testet das Verfahren per Algorithmus.

Köln/Düsseldorf. Jeden Montag schaut Thomas Sawatzki in die Zukunft. Dann erhält er vom Landeskriminalamt (LKA) eine Einbruchsvorschau für Köln und Leverkusen. Kriminaloberrat Sawatzki bekämpft beim Kölner Polizeipräsidium für den Bereich Köln und Leverkusen Einbrecher. Seit etwas mehr als einem Jahr nutzen Sawatzki und seine Kollegen dazu eine neue Art der Verbrechensbekämpfung.

„Predictive Policing“ steht für vorausschauende Polizeiarbeit. Das Ziel ist es, vorherzusagen, wann und wo eine Straftat geschehen wird. Was sich ein wenig nach Science-Fiction anhört, ist reine Mathematik. Algorithmen sollen zu den Einbrechern führen. In den USA und Großbritannien nutzen Polizeibeamte diese Methode schon länger. Mehrere IT-Firmen weltweit bieten eine Software an, mit der sich solche Straftatvoraussagen tätigen lassen.

Eigene Parameter eingespeist

Auf der Karte, die das LKA montags an Sawatzki schickt, sind kritische Bereiche eingefärbt. Ausgespuckt hat diese der Computer. „Wir trauen nicht nur der Maschine, sondern gleichen die Vorhersagen mit unserem Sachverstand ab“, sagt Sawatzki. „Predictive Policing“ ist für ihn aber ein willkommenes Instrument, das das ergänzt, „was wir ohnehin schon machen“.

Während in Baden-Württemberg und Bayern das Programm „Precop“ einer Oberhausener Firma getestet wird, setzt Nordrhein-Westfalen auf eine eigene Version des IBM-Programms SPSS-Modeler. Das LKA nennt das Programm, in das es selbst die Parameter einspeisen konnte, „Skala – System zur Kriminalitätsanalyse und Lageantizipation“. Den Verantwortlichen in NRW war es wichtig, dass das Programm nicht nur eine Liste ausspuckt, sondern die eigenen Experten das Programm mit Leben füllen können. „Wir benötigten eine flexible und transparente Software, deshalb haben wir uns für ein System entschieden, bei dem wir alle fachlichen Parameter selbst eingespeist haben“, erklärt Joachim Eschemann, Leitender Kriminaldirektor beim LKA. So hat das LKA auch während der Pilotphase noch die Möglichkeit, Parameter zu ändern, das Programm zu optimieren.

Langfristig müsse man ausloten, worin die Möglichkeiten, aber auch die Grenzen von „Predictive Policing“ bestehen, sagt Eschemann. Seit Ende 2015 gibt es mit Köln und Duisburg die ersten beiden Pilotbehörden. NRW hat das Projekt seit einigen Wochen auf weitere Städte ausgeweitet: Düsseldorf, Essen, Gelsenkirchen nutzen „Skala“ nun ebenfalls.

Die Zwischenbilanz: Es gelinge darzustellen, wo eine erhöhte Wahrscheinlichkeit für Einbrüche besteht. Die Rückmeldungen aus den Pilotbehörden bezüglich der Nutzbarkeit seien positiv, so Eschemann. In Zahlen heißt das: „Wir können mit einer bis zu dreifach erhöhten Wahrscheinlichkeit berechnen, ob ein Wohnungseinbruch passiert – und zwar sieben Tage im Voraus.“

In der Vergangenheit habe man nach hinten geschaut und Facheinschätzungen von erfahrenen Polizisten gehabt, erklärt Eschemann. Heute könne das LKA darüber hinaus die künftige Wahrscheinlichkeit für Wohnungseinbrüche berechnen. „Die Maschine zeigt uns nicht nur das, was wir ohnehin schon wisse. Die Erkenntnis geht darüber hinaus“, sagt auch Sawatzki.

In Köln sind die Wohnungseinbruchszahlen zuletzt deutlich zurückgegangen, berichtet Sawatzki. Das liege an einem Bündel von Maßnahmen. Wie hoch der Anteil dieses Erfolges auf „Skala“ zurückzuführen ist, könne er nicht sagen. Die Karten mit den markierten Bereichen werden den Polizisten zur Verfügung gestellt. In den gefährdeten Ortsteilen zeigen die Beamten mehr Präsenz. Sawatzki kann sich gut vorstellen, dass „Skala“ irgendwann landesweit genutzt wird. Es sei ein gutes Angebot an die Behörden. Doch ob es dazu kommt, steht noch nicht fest: „In der Technik steckt viel Potenzial, aber es ist zunächst einmal ein Pilotprojekt. Eine Aufwand-Nutzen-Rechnung muss zeigen, ob sich der flächendeckende Einsatz lohnt“, sagt Eschemann.

Nordrhein-Westfalen wird das für sich entscheiden. Andere Bundesländer haben ihre eigenen Projekte, mit eigenen Systemen. „Da werden Millionen verbrannt“, kritisiert André Schulz, Bundesvorsitzender beim Bund deutscher Kriminalbeamter (BDK). Aber auch inhaltlich äußert Schulz Kritik. „Predictive Policing“ könne nicht mehr als das, was gute Kriminalisten auch können. Das System untersuche, wo sich Einbrüche gehäuft hätten und kombiniere das etwa mit Wetter- und Feriendaten. Nicht sehr innovativ, findet Schulz. „Wir müssen im 21.Jahrhundert ankommen“, fordert er und meint damit: alle Möglichkeiten, die Big Data bietet, zu nutzen. Es werde erst interessant, wenn Massendaten mit personenbezogenen Daten verknüpft würden. Doch das ist bislang nicht geplant, auch aus Datenschutzgründen.

„Mit der zunehmenden Nutzung von Algorithmen werden die Ermittler den Ausbau polizeilicher Datenbanken verlangen. Einen solchen Datenhunger beobachten wir derzeit in allen Bereichen der digitalen Polizeiarbeit“, sagt der Aachener Bundestagsabgeordnete Andrej Hunko (Linke) kritisch. „Mich besorgt, dass die Funktionen der Anwendungen stetig ausgebaut werden.“ Er fürchtet insbesondere Vorhersagen, die sich auf Personen statt wie hierzulande bislang üblich auf Orte richten. In den USA, Großbritannien und Australien gibt es Versuche, die Straffälligkeit von Verdächtigen oder die Rückfälligkeit von Verurteilten zu berechnen. Hunko: „Hier zeigt sich, dass die Vorhersagesoftware nach ihrer Anschaffung kaum einhegt werden kann.“

Täter ins Visier nehmen

BDK-Vertreter Schulz würde sich aber genau das wünschen, also dass man potenzielle Täter in den Fokus nimmt. Doch in Deutschland und NRW wird das äußerst kritisch gesehen: „Für mich ist das auch kein ,Predictive Policing‘ mehr, sondern Profiling“, sagt Kriminaldirektor Eschemann. „Die Daten, die uns zur Verfügung stehen, reichen uns. Wir haben von Beginn an die Datenschutzbeauftragte des Landes mit in das Projekt einbezogen“, erklärt Eschemann.

In NRW wird man lieber das „Predictive Policing“ auf weitere Delikte ausweiten. Bald wird es die Vorhersagen auch für Diebstahl und Straßenraub geben.

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