Wenn alteingesessene Mieter verdrängt werden

Von: Martin Teigeler, dapd
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Düsseldorf. Als zahlreiche Bürger Ende November im angesagten Düsseldorfer Stadtteil Flingern die Einladung zum „Mitternachts-Shopping” nutzten, trafen sie auf Protest.

Junge Demonstranten verteilten Flugblätter mit deftigen, nicht zitierfähigen Slogans an die flanierenden Passanten.

Die Aktion richtete sich gegen die schleichende Veränderung des früheren Arbeiterstadtteils, in dem seit einigen Jahren die Mieten steigen, weil immer mehr Gutverdiener zuziehen. Wo früher Pommesbuden, Spielotheken und Internet-Cafés zu finden waren, residieren jetzt Feinkostläden oder trendige Mode-Shops.

Soziologen nennen das Gentrifizierung - ein Aufhübschen ganzer Stadtteile, das oft mit der Verdrängung alteingesessener Bewohner einhergeht.

Proteste gegen die mal mehr, mal weniger gewollte Umwandlung traditioneller Kleine-Leute-Stadtteile zu Quartieren für Besserverdienende gibt es seit Jahren in Großstädten wie Berlin und Hamburg. Aber auch in Nordrhein-Westfalen wächst das Problembewusstsein in einwohnerstarken Kommunen wie Köln oder Düsseldorf.

Land hat keine Förderhebel

ie rot-grüne Landesregierung beschäftigt sich mit dem Problem, weiß aber noch nicht so recht, wie sie damit umgehen soll. „Das Thema Gentrifizierung wird innerhalb unseres Hauses auf Fachebene diskutiert”, sagt eine Sprecherin des Landesbauministeriums. „Wir haben aber keinen fördertechnischen Hebel.” Sie fügt hinzu: „Wir wollen keine Verdrängungsprozesse, sondern ein gutes Lebensumfeld für alle Menschen im Quartier.”

Gentrifizierung könne durchaus ein Ziel von Stadtentwicklung sein. Als Beispiele nennt sie auch Flingern oder Hafen/Bilk in Düsseldorf. „So etwas entsteht überall, wo ein Strukturwandel stattfindet”, sagt die Ministeriumssprecherin. „Die Frage, wie sich ein Quartier entwickeln soll, unterliegt im übrigen der kommunalen Selbstverwaltung.”

In Düsseldorf entwickeln sich die Mieten flächendeckend nach oben. In der Landeshauptstadt gebe es einen „Mangel an bezahlbarem Wohnraum”, sagt Andreas Rimkus, wohnungspolitischer Sprecher der SPD-Ratsfraktion. In Düsseldorf seien die Mieten im vergangenen Jahr um zehn Prozent und mehr gestiegen. Studenten klagen, dass selbst ein WG-Zimmer in der Stadt am Rhein kaum noch unter 350 Euro zu haben ist.

b>Tendenzen auch im Ruhrgebiet

Auch im Ruhrgebiet, das eigentlich mit Bevölkerungsschwund und Wohnungs-Leerständen zu kämpfen hat, gibt es Gentrifizierungs-Tendenzen. Das Kreuzviertel in Dortmund hat einen solchen Wandel hinter sich. Die Mieten dort sind gestiegen, es gibt ein buntes Angebot an Läden und Kneipen. Auch in Arbeiterstadtteilen wie Bochum-Ehrenfeld haben Luxussanierungen begonnen. Zugleich aber wohnen dort noch recht billig Kreative und Studenten billig. Die Frage ist: Wie lange noch?

Von einem zwiespältigen Phänomen spricht der Soziologe Reinhold Knopp: „Gentrifizierung ist ein Prozess, der über den Markt läuft. Aber auch die jeweiligen Städte können ihn positiv oder negativ beeinflussen.”

Der Wissenschaftler der Fachhochschule Düsseldorf findet, die Planer in Rathäusern sollten einschreiten, wenn Investoren ein Viertel oder einen Straßenzug mit Luxussanierungen grundlegend verändern wollten. Zudem sollten sie prüfen, wie sie die Interessen der bisherigen Bewohner unterstützen können.

„Aufwertungen von Stadtteilen sind positiv, wenn sie eine spannende Mischung herstellen zwischen Alteingesessenen, Neuankömmlingen, Kreativen, Studenten und Bewohnern mit Zuwanderungsgeschichte”, sagt Knopp. „Ein negativer Trend tritt ein, wenn Mieterhöhungen oder komplette Veränderungen der umliegenden Ladengeschäfte den bisherigen Bewohnern die Lebenswelt nehmen”, fügt der Forscher hinzu.

„NO-tting Hill”

In Düsseldorf werden die Anti-Gentrifizierungs-Proteste mittlerweile vom polizeilichen Staatsschutz beobachtet. Bisher liefen aber alle Proteste friedlich ab. In Hamburg und Berlin hatte es gewalttätige Aktionen von Linksautonomen gegeben. Unter anderem gingen in Szenevierteln geparkte Luxus-Autos in Flammen auf.

Besonders erbost sind die Kritiker in Düsseldorf über ein Wohnungsbauunternehmen. In einem Werbefilm für neue Luxusimmobilien in Flingern hatte die Firma den Stadtteil mit dem Viertel Notting Hill in London verglichen.

Das teure Künstlerrevier in der britischen Hauptstadt war einst durch einen Kinofilm mit Julia Roberts und Hugh Grant berühmt geworden. In Düsseldorf-Flingern sind nun im Straßenbild warnende Protestaufkleber mit der Aufschrift „NO-tting Hill!” zu lesen.
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