Weniger Adoptionen sind keine schlechte Nachricht

Von: Madeleine Gullert
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In Nordrhein-Westfalen sinken die Zahlen. Experten sehen als Grund dafür unter anderem die niedrige Geburtenrate.

Aachen. Im vergangenen Jahr sind in Nordrhein-Westfalen 867 Kinder in einer Adoptivfamilie untergekommen, vor 20 Jahren wurden noch 2188 Kinder adoptiert. Woran liegt dieser immense Rückgang um knapp 60 Prozent?

Zwar suggerieren prominente Persönlichkeiten wie Angelina Jolie oder Madonna, es sei ein Trend, Kinder zu adoptieren – doch nicht nur in NRW, sondern in Deutschland insgesamt geht die Zahl der Adoptionen stetig zurück. Und das ist keine schlechte Nachricht, im Gegenteil. Es gibt nämlich nicht mehr so viele Kinder, die adoptiert werden können, erklärt Carmen Thiele, Fachreferentin beim Bundesverband der Pflege- und Adoptivfamilien (Pfad), gegenüber unserer Zeitung.

„Der demografische Wandel führt dazu, dass es weniger Adoptivkinder gibt“, sagte ein Sprecher des NRW-Familienministeriums. Seit einigen Jahren bewege man sich nun konstant auf diesem recht niedrigen Niveau. Auch Thiele sieht in dem Rückgang der Geburten den Hauptgrund für die sinkenden Adoptionszahlen. Tatsächlich wollen viel mehr Paare ein Kind adoptieren, als es Kinder gibt. In NRW kamen laut Ministerium über viele Jahre zehn Paare auf ein Kind, seit vergangenem Jahr seien es aber nur noch etwa sieben Paare. Denn auch die Zahl der potenziellen Adoptionspaare ging in den vergangenen Jahren zurück. „Die merken auch, dass es weniger Kinder gibt“, sagte Thiele.

Die Experten sehen den Rückgang der Adoptionsverfahren aber auch darin begründet, dass sich die Hilfen für Familien und Alleinerziehende verbessert haben. Es gebe inzwischen ein sehr flexibles und gut ausgebautes System, erklärt Jacqueline Kauermann-Walter, Adoptionsexpertin beim Sozialdienst katholischer Frauen Gesamtverband in Dortmund. „Bei vielen Frauen oder Paaren, die in die Beratung kommen, beginnen die Gespräche mit dem Adoptionswunsch, enden aber nicht mit der Freigabe, weil andere Lösungswege gefunden werden“, sagte Kauermann-Walter unserer Zeitung. Zu diesen Hilfen zählen Mutter-Kind-Einrichtungen oder ambulante Jugendhilfemaßnahmen und nicht zuletzt Pflegefamilien.

Die Änderung des Kinder- und Jugendhilfegesetzes 1990 sei maßgeblich für diese Entwicklung gewesen, sagt Thiele. Seit der Jahrtausendwende sei das Gesetz gelebte Praxis. So sei es konsequent, dass die Adoptionen seitdem abnehmen. „Es ist positiv, dass Eltern ihre Kinder nicht mehr abgeben, weil sie glauben, es sich nicht leisten zu können“, sagte Kauermann-Walter. Auch die Gesellschaft übt weniger Druck aus. Wurde vor 20 Jahren eine junge alleinerziehende Frau eher dazu getrieben, ihr Kind wegzugeben, werde es heute nicht mehr negativ gesehen, wenn Kinder bei Alleinerziehenden aufwachsen, sagte Thiele.

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