Aachen/Berlin - Welttag des Buches: Ganz ohne Papier läuft es im Studium doch nicht

Welttag des Buches: Ganz ohne Papier läuft es im Studium doch nicht

Von: Peter Pappert und Sabine Komm
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Bücherwelten: Ulrike Eich, Direktorin der Aachener Universitätsbibliothek, im Depot, wo Fachliteratur zur Ausleihe bereitsteht,... Foto: Andreas Herrmann
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...und ein Blick in den Lesesaal der neuen Stuttgarter Stadtbibliothek. Foto: Franziska Kraufmann

Aachen/Berlin. Wer am Aachener Templergraben schon morgens früh eine Warteschlange vor der Universitätsbibliothek (UB) der RWTH sieht, sollte keine falschen Schlüsse ziehen. Es ist weniger die unbändige Lust am Buch, die die Studierenden hierher zieht als vielmehr der Wunsch nach einem ruhigen Arbeitsplatz. Das wird auch am Montag – am Welttag des Buches – nicht anders sein.

Bibliotheksdirektorin Ulrike Eich kommt gar nicht auf die Idee, sich irgendwelchen Illusionen hinzugeben. „Das hat mit Büchern gar nichts zu tun. Die Studenten wollen einen Ort haben, wo sie konzentriert arbeiten können“, sagt sie im Gespräch mit unserer Zeitung. Die Arbeit falle leichter, wenn man sieht, dass die anderen auch büffeln müssen – eine psychologische Frage also. „Sobald Klausuren anstehen, sind die Bibliotheken rappelvoll.“

Die Grundsatzfrage

Die 45.000 RWTH-Studenten arbeiten weitgehend mit sogenannten Lehr- und Lernplattformen, also in geschützten digitalen Bereichen innerhalb des RWTH-Netzes, wo für jedes Seminar die nötigen Materialien eingestellt werden. Funktioniert heute ein Studium ohne Buch? „Wahrscheinlich nicht so ganz“, sagt Eich, zumal noch nicht die gesamte Literatur digitalisiert werden dürfe – vor allem das gesamte 20. Jahrhundert nicht.

Das liegt in erster Linie am Urheberrecht; schließlich leben die Autoren noch. Eine rechtliche Hürde also – das habe nichts mit dem Kulturgut Buch zu tun und gelte vor allem für die Geistes- und Sozialwissenschaften. Aber auch Naturwissenschaftler und Mathematiker greifen nach Aussage von Eich lieber zum Buch, wenn sie intensiv lernen wollen. Und die Lehrbuchsammlung werde auch noch benutzt.

Die Frage, ob sich der Leser auf einen längeren Text besser konzentrieren und dessen Inhalt intensiver reflektieren kann, wenn er ihn auf Papier statt auf dem Bildschirm liest, wird häufig diskutiert. Eich will sich da auch als Chefbibliothekarin nicht festlegen; das hänge von individuellen Befindlichkeiten ab. „Ich bin keine Psychologin. Ich habe lange gedacht: Richtig lesen kann ich nur im Buch. Aber heute arbeite ich wie selbstverständlich mit der elektronischen Version, zumal die oft schneller verfügbar ist. Längere Zeitungsartikel lese ich aber nur sehr ungern auf dem Bildschirm. Die gedruckte Zeitung ist mir wichtig.“

Ulrike Eich ist mit Büchern groß geworden und hat ihnen als Bibliothekarin ihr Berufsleben gewidmet. Dennoch offenbart sie ein betont unsentimentales Verhältnis zu diesem Kulturgut. „Publikation hat nach wie vor große Bedeutung. Ob es immer ein gedrucktes Buch sein muss, steht dahin. Aber noch besteht Respekt vor dem, was Menschen geschrieben haben – ein Gedicht, einen Roman, ein wissenschaftliches Werk.“ Sie schwärmt nicht von alten bibliophilen Zeiten. „Gedanken und Wissen können sich auch anders verbreiten.“ Ein Lieblingsbuch hat sie nicht. Sie schätzt die zeitgenössische europäische Literatur.

Bibliotheksarbeit läuft heute überwiegend digital; die Ausleihzahlen gehen deutlich zurück – an der UB Aachen in den letzten Jahren um rund zehn bis 20 Prozent. Trotzdem stoßen hier und in vielen Großstädten Bibliotheken an ihre Grenzen – weiteres Beispiel: Berlin. Während der Klausuren-Phase sind die Arbeitsplätze im Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrum der Humboldt-Universität umkämpft. Direktor Andreas Degk- witz spricht – mit Blick auf Leute, die schon früh morgens Liegestühle am Pool mit Handtüchern für den ganzen Tag belegen – von einem Mallorca-Effekt: „Wir haben Parkscheiben eingeführt, damit die Besucher die Plätze nicht ganztägig blockieren, ohne in der Bibliothek zu sein.“ Solche Parkscheiben gibt es auch an der Aachener UB.

Der Imagewandel

Im Gegensatz zur konzentrierten Ruhe in den von Stararchitekt Max Dudler gestalteten Leseterrassen geht es im Foyer des Grimm-Zentrums um Austausch und Kommunikation. Gerade im Internet-Zeitalter brauche man solche Räume der Begegnung, sagt Degk-witz. „Bibliotheken sind die Schwimmbäder des 21. Jahrhunderts.“ Auch die 2017 ausgezeichnete Universitätsbibliothek Leipzig müsste während der Prüfungszeiten deutlich größer sein. „In dem Maße, in dem Inhalte online gehen, erleben die Lesesäle einen Boom“, beobachtet Direktor Ulrich Johannes Schneider.

Der Imagewandel der Bibliotheken spiegelt sich auch in der Architektur. Die Stadtbibliothek Stuttgart steht auf der Liste der schönsten Bibliotheken der Welt. „Wenn ein Gebäude die Leute zu Diskussionen anregt, hat man bereits gewonnen“, sagt Direktorin Christine Brunner. Längst zieht der imposante Glaswürfel des koreanischen Architekten Eun Young Yi Touristen an – nicht nur wegen der Dachterrasse mit City-Blick. Der Galeriesaal gehört mit seinen Flanierwegen zu den meist fotografierten Räumen in Stuttgart.

Der Bau wurde 2011 für eine Million Besucher konzipiert. Im vergangenen Jahr seien 1,7 Millionen Menschen gekommen, rechnet Brunner vor. Im Erdgeschoss informieren Großbildschirme über junge Autoren und Computerkunst. Schülerlotsen helfen älteren Menschen bei der Orientierung in der digitalen Welt. Spiele-Entwickler und Wikipedia-Autoren treffen sich hier.

Dass Stadtbibliotheken wegen des Arbeitszeitgesetzes sonntags nach wie vor nicht geöffnet sein dürfen, ist für Volker Heller, Manager der Zentral- und Landesbibliothek in Berlin-Mitte, ein Unding: „Freibäder, Museen, Kinos, selbst Bordelle haben am Sonntag auf, deshalb öffnen auch wir unsere Bibliothek als Kommunikationsort und lebendige Kulisse fürs Wohlfühlen.“

 

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