Weltkonferenz der Telefonseelsorge in Aachen

Von: Elke Silberer, dpa
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Telefonseelsorge
Ein offenes Ohr im Notfall: In Aachen findet von Mittwoch bis Freitag die Weltkonferenz der Telefonseelsorge statt. Foto: Oliver Berg/dpa

Aachen. Das Telefon klingelt. Der Telefonseelsorger in Aachen hebt ab. Am anderen Ende ist ein Mann. Er rast über die Autobahn - eine Hand am Steuer, die andere am Handy. Er droht, gegen den nächsten Brückenpfeiler zu fahren. Der Seelsorger spricht mit ihm. Er weiß: Ein falsches Wort - und der Mann macht Schluss.

Der Seelsorger vertraut seiner Intuition, schlägt dem Fahrer einen Deal vor: „Sie fahren rechts ran und ich spreche so lange mit Ihnen, wie Sie wollen.” Der Fahrer hält an.

Der Helfer muss das hinterher verarbeiten und macht das mit dem Leiter der Aachener Telefonseelsorge, mit Frank Ertel. „Wenn Menschen anrufen, gehen wir davon aus, dass es irgendetwas in ihnen gibt, das noch leben will”, sagt Ertel: Sie wollen sprechen, suchen jemanden, der zuhört, sie ernst nimmt. Alle zwei Tage rufe in Aachen jemand an, der deutlich macht: „Ich will nicht mehr”.

Wie geht man am Telefon mit lebensmüden Menschen um? Damit setzen sich seit Mittwoch 1600 Telefonseelsorger bei ihrem Weltkongress in Aachen auseinander. In den mehr als 200 Vorträgen, Seminaren und Workshops geht es um diese zentralen Themen: Was bringt das Zuhören lebensmüden Menschen, wie geht Zuhören und wie können Angehörige nach dem Suizid eines Menschen weiterleben?

Es sind auch Menschen wie Kevin Briggs aus San Francisco dabei. Der Mann hat als Polizist 20 Jahre lang an der Golden Bridge Dienst getan. Von der Brücke springen immer wieder Menschen in den Tod. Briggs sollte sie davon abhalten.

Zuhören ist wichtig, Anonymität und Ehrlichkeit, wie Gabi betont. Die Frau ist 72 und seit über 30 Jahren ehrenamtliche Telefonseelsorgerin in Aachen. „Wenn jemand keine Arbeit hat, die Beziehung kaputt ist, sich die Freunde abgewandt haben, niemand mehr zu Besuch kommt – dann kann ich nur sagen: Ihr Leben ist aber traurig”, sagt sie. Und sie frage dann: Gibt es wirklich nur diese eine Lösung, den Tod? Manchmal wolle sie auch wissen, wie er oder sie „es” denn tun wolle.

Anliegen der Telefonseelsorge ist, dass der Mensch es nicht tut, wie die katholische Sprecherin der Telefonseelsorge Deutschland, Barbara Sönksen sagt: „Es geht erst mal um das Gespräch, um das Zuhören, um einen ersten Kontakt.” Aber selbst wenn sich daraus keine Brücke weg vom Suizid und hin zum Leben ergebe, seien die Seelsorger für diesen Menschen da.

Gleich wird Gabi in Aachen ihre Schicht beginnen, ein paar Türen weiter an einem Schreibtisch. Es ist später Vormittag. Die Nacht wird anders sein. „In der Nacht ist die Seele anders als am Tag”, sagt Pfarrer Ertel: Bis zwei Uhr in der Nacht rufen Menschen an. „Dann sind auch die Belasteten erschöpft.” Um fünf Uhr kommen dann wieder die ersten Anrufe: „Die Depressiven wachen früh auf, wenn die Seele den Schlaf zerquält.”

„Damit das Leben weitergeht”, ist der Weltkongress überschrieben. Und meint damit auch die Angehörigen nach einem Suizid. „Da gibt es die Scham der Angehörigen, die hinterher nicht dazu stehen und den Trauernden erzählen, dass es ein Herzinfarkt war”, sagt Pfarrer Ertel.

Teresa Enke gehört nicht dazu. Ihr Mann, Nationaltorhüter Robert Enke, nahm sich 2009 das Leben. Er litt unter Depressionen. Teresa Enke will laut Ertel erzählen, wie es ihr ergangen ist. Davor und danach.

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