Aachen - Welche Rolle spielte die Atomaufsicht?

Welche Rolle spielte die Atomaufsicht?

Von: René Benden
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Einstiges Vorzeigeobjekt: Der AVR-Reaktor in Jülich (Bild aus dem Jahr 1976) galt als Hoffnungsträger für ein eigenes deutsches Reaktorkonzept. Seit dieser Woche steht fest, dass diese gefährliche Technik nie vollständig beherrscht wurde. Foto: stock/Sven Simon
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Experte für Reaktorsicherheit: Rainer Moormann. Foto: S. Hermann

Aachen. Reaktorsicherheit war immer das Thema des Nuklearforschers Rainer Moormann. Als er nach über 30 Jahren am Jülicher Forschungszentrum öffentlich machte, dass der Kugelhaufenreaktor gravierende Sicherheitsdefiziete aufwies, behandelten ihn viele Kollegen wie einen Nestbeschmutzer. Die Befürworter von Hochtemperaturreaktoren (HTR) versuchten, seine Glaubwürdigkeit zu zerstören.

Für seinen Mut wurde Moormann 2011 mit dem Whistleblower-Preis im nuklear-industriellen Komplex ausgezeichnet. Seit dieser Woche steht fest, dass Moormanns Kritik an den Jülicher Experimenten berechtigt war. Eine unabhängige Expertenkommission hat ihn in weiten Teilen bestätigt. Derzeit arbeitet er mit dem Umweltjournalisten Jürgen Streich an einem Buch, in dem er die Verfehlungen im Zusammenhang mit der Jülicher Kernforschung aufarbeiten will. Ein aktuelles Thema, wie er im Interview betont. Denn aus seiner Sicht zieht das Forschungszentrum Jülich immer noch nicht die richtigen Schlüsse aus der Vergangenheit.

Was für Reaktionen haben sie in den vergangenen Tagen erfahren?

Moormann: Anerkennung vor allem dafür, dass ich in der Sache am Ball geblieben bin und nicht aufgegeben habe.

Fühlen Sie sich rehabilitiert?

Moormann: Ich hatte nie das Gefühl, dass ich eine Rehabilitation benötige. Ich fühle mich bestätigt, denn das Gutachten hat ja viele wesentliche Kritikpunkte am Kugelhaufenreaktor entweder nicht widerlegt oder untermauert.

Ist denn dieses Gutachten eine tatsächliche Aufarbeitung der Jülicher Vergangenheit, oder hat man wesentliche Punkte ausgespart?

Moormann: Es sind Punkte ausgelassen worden, was aufgrund der Komplexität der Materie nicht anders möglich war. So ist beispielsweise die Rolle der Atomaufsicht nicht beleuchtet. Wesentlich ist aber, dass dieses Gutachten grundsätzliche Defizite im Betrieb des Jülicher Kugelhaufenreaktors aufzeigt. Und das ist schon ein gewaltiger Fortschritt im Vergleich zu dem, was die Kugelhaufenlobby noch heute behauptet – nämlich dass dieser Reaktor sicher ist.

Warum hat es so lange gedauert, bis man die Vergangenheit eines 1988 schon stillgelegten Reaktors aufgearbeitet hat?

Moormann: Eigentlich waren wir vor sieben Jahren ja schon fast so weit wie heute. Es gab damals schon ein internes Gutachten aufgrund dessen das Forschungszentrum vor dieser Technologie warnen wollte. Doch damals war die Kugelhaufenlobby wohl mit Unterstützung aus der damaligen Landesregierung noch stark genug, um diese Warnung zu verhindern.

Es war doch schon in den 70er Jahren klar, dass diese Technik problematisch war. Warum wurde sie so lange unterstützt?

Moormann: Je größer die technischen Probleme wurden, desto mehr haben die Verantwortlichen ein scheinbar überlegenes Sicherheitskonzept in den Vordergrund gestellt. Der Traum vom inhärent sicheren Atomreaktor hat in der Politik noch begeistert, als in Fachkreisen längst klar war, dass es das nicht gibt.

Kann man daraus schließen, dass es für die fehlgeleiteten Arbeiten in Jülich eine politische und behördliche Deckung gab?

Moormann: Es hat eine massive Deckung gegeben. Soweit, dass die Atomaufsicht wohl weggesehen hat. Als Experte kann ich das Übersehen der massiven Sicherheitsdefizite im Betrieb des Kugelhaufenreaktors nicht verstehen. Das kann eigentlich nur gewollt gewesen sein. Hier ist das Sicherheitsbedürfnis der breiten Öffentlichkeit wohl mit Füßen getreten worden. Das Interesse der AVR-Betreiber war von größerer Bedeutung.

Bis wann sind diese Vorgänge gedeckt worden?

Moormann: Bis 2010. Erst da hat es im rot-grünen NRW-Koalitionsvertrag eine Zusage zur Aufarbeitung der Vergangenheit gegeben.

Wie sollte es jetzt weitergehen? Mit einer parlamentarischen Aufarbeitung rund um die Rolle der NRW-Atomaufsicht?

Moormann: Zumindest sollte der Frage nachgegangen werden, welche Rolle die Atomaufsicht gespielt hat. Zwar glaube ich nicht, dass man rechtssicher beweisen kann, dass sie ein Teil der Manipulationen am Reaktor war – die Atomaufsicht würde schon dafür Sorge getragen haben, dass man dafür keine Belege findet – aber es verfestigt sich ja der Eindruck, dass die Atomaufsicht ihrer zentralen Rolle, nämlich die Sicherheit der Atomkraftwerke zu gewährleisten, nicht gerecht geworden ist. Das sollte meines Erachtens noch aufgearbeitet werden.

Leidet die Forschung am Fall Jülich, weil das Misstrauen in der Öffentlichkeit wächst?

Moormann: Ja. Hier kann jeder sehen, dass die Forschung am Kugelhaufenreaktor nicht sauber war und ist. Und dennoch gibt es Leute aus dem Forschungszentrum und der RWTH Aachen, die herumreisen und immer noch behaupten, dieser Reaktor sei sicher. Dass diese Aussage jetzt so drastisch widerlegt worden ist, schadet natürlich dem Forschungszentrum und der RWTH Aachen. Immerhin hat das Forschungszentrum eingeräumt, dass es wissenschaftliches Fehlverhalten auf diesem Gebiet gegeben hat. Allerdings kann ich beim Forschungszentrum noch immer nicht die notwendigen Schritte erkennen, die zeigen, dass man die richtigen Konsequenzen aus den Erfahrungen der Vergangenheit ziehen will.

Sprechen sie damit an, dass in Jülich in Zusammenarbeit mit der RWTH immer noch an der Kugelhaufentechnik geforscht wird?

Moormann: Ja. Es gibt diese Forschung und die notwendigen Fördergelder bis auf den heutigen Tag ja nur, weil man sicherheitsrelevante Fakten, die nun die Expertenkommission herausgearbeitet hat, lange Zeit verheimlicht hat. Solange das Forschungszentrum und die RWTH aus diesem wissenschaftlichen Fehlverhalten nicht die richtigen Konsequenzen ziehen, ist die Vergangenheitsbewältigung auch noch nicht abgeschlossen.

Die Forschung am Kugelhaufenreaktor müsste also aus Ihrer Sicht sofort eingestellt werden.

Moormann: Ja.

Sowohl RWTH als auch Forschungszentrum verweisen immer darauf, dass es bei dieser Art von Forschung vor allem um Entwicklung von Wissen geht, damit man die Kugelhaufentechnik in Zukunft mit Blick auf den Abbau und die Lagerung sicher beherrschen kann.

Moormann: Das ist ein Trick. Es wird vor allem Reaktorentwicklung betrieben. Das ist zwar in Deutschland seit 1998 nicht mehr erlaubt. Da aber alles, was man an Kernreaktoren entwickelt, auch Sicherheitsrelevanz besitzt, sagt man einfach, man betreibe Sicherheitsforschung.

In Jülich wird nicht geforscht, wie man den AVR-Reaktor zurückbaut und entsorgt?

Moormann: Man weiß nicht wohin mit den Kugeln, und der Rückbau des Reaktors verzögert sich immer und immer wieder. Man sieht doch an dem Debakel, was sich da gerade abspielt, dass dort keine schlüssigen Entsorgungskonzepte verfolgt werden. Es gibt für die spezifische HTR-Entsorgung in Jülich keine Forschung mehr. Das ist nicht zu rechtfertigen: Auf der einen Seite immer noch Geld in die Reaktorentwicklung stecken, während man auf der anderen Seite den Steuerzahler mit diesen gewaltigen Summen für die Entsorgung alleine lässt.

Geld ist eine Sache, Zeit eine andere: Was glauben Sie, wie lange der AVR-Reaktor noch in Jülich lagern wird?

Moormann: Diese Prognose ist schwierig. Weil er so stark verstrahlt ist, wird man ihn in den nächsten 100 oder 200 Jahren nicht zerlegen können. Also wird er noch lange in Jülich bleiben. Vielleicht ist es ohnehin günstiger, ihn dort zu belassen. Das muss man abwarten. Doch diese Entscheidung werden weder Sie noch ich erleben.

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