Weisweiler droht 2020 das Aus

Von: Patrick Nowicki
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Wer produziert den Strom der Zukunft? Braunkohlekraftwerke stehen wegen ihres hohen CO2-Ausstoßes in der Kritik. Foto: dpa
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RWE Power-Chef Matthias Hartung sprach mit unserer Redaktion über den Wandel in der Energiebranche. Foto: Harald Krömer

Köln. Sollte die CO2-Abgabe für ältere Braunkohlekraftwerke von der Bundesregierung beschlossen werden, droht das Aus für zahlreiche Standorte. Dies untermauert der RWE-Power-Chef Matthias Hartung im Interview mit unserer Zeitung. Über die Zukunft der Braunkohle diskutieren wir am 27. Mai mit hochrangigen Vertretern aus Energiewirtschaft, von Umweltverbänden, betroffenen Menschen aus der Region - und Ihnen, unseren Lesern.

Während im Wirtschaftsministerium an einem Kompromiss für die Braunkohlebranche gearbeitet wird, warnt RWE-Power-Chef Hartung davor, einen „Strukturbruch“ zu riskieren. Zwar werde der Braunkohlestrom deutlich abnehmen, aber andere Technologien könnten an seine Stelle treten, sagt der 59-Jährige.

Herr Hartung, fühlen Sie sich im Moment als Krisenmanager?

Hartung: Ich bin nach wie vor Energiemanager.

Sie haben als Ingenieur zahlreiche Stationen im RWE-Konzern durchlaufen. Was empfinden Sie, wenn jemand die Braunkohle-Kraftwerke als „Dreckschleudern“ bezeichnet?

Hartung: An der Stelle bin ich weniger Ingenieur, sondern Mensch, weil ich spüre, welche Belastungen und Unsicherheiten durch solche Art der Stimmungsmache für die Menschen in der Region entstehen. Damit meine ich nicht nur unsere Mitarbeiter, sondern auch die von der Umsiedlung Betroffenen. Deswegen muss diese Unsicherheit schnellstmöglich vom Tisch.

Als im März die Inhalte des Gabriel-Papiers mit den Plänen zur Braunkohle-Abgabe bekannt wurden, wirkte RWE überrascht. Haben Sie solche Vorschläge nicht erwartet?

Hartung: Ja, wir waren überrascht. Um allen Legendenbildungen vorzubeugen: Wir waren in keinster Weise eingebunden. Natürlich sprechen wir mit dem Bundeswirtschaftsministerium. Wir haben bereits im vergangenen Oktober dort diskutiert, als ein erster Vorschlag kam, der ebenfalls nicht abgestimmt war. Auch bei dem neuen Vorschlag wäre es abenteuerlich zu glauben, dass ein Vorschlag, der zu solchen Strukturbrüchen führt, mit uns im Vorfeld so besprochen wurde.

Gibt es einen neuen Sachstand zur Braunkohle-Abgabe?

Hartung: Wir sind in Gesprächen. Wir haben ja auch klar Stellung zu dem Modell bezogen. Wir lehnen es ab, um eben Strukturbrüche zu vermeiden.

Aus der Politik kommt der Vorwurf, dass die Stromindustrie sich im November 2014 einer „Diskussion verweigert“ habe. Stimmt das?

Hartung: Man muss nur in die Pu­blikationen unserer Fachverbände hineinschauen, die wir schon vor dem Novembergespräch veröffentlicht haben. Wir haben konkrete Vorschläge gemacht, zum Strommarktdesign, die aus unserer Sicht volkswirtschaftlich und betriebswirtschaftlich sinnvoll und verträglich sind. Diese sind weggefegt worden.

Sie sprechen den Vorschlag eines „Kapazitätsmarkts“ an, also eine Vergütung für das Bereithalten eines Kraftwerkparks für windstille und dunkle Zeiten. Im Papier des Bundeswirtschaftspapiers ist von einer „Kapazitätsreserve“ die Rede. Ist damit nicht ähnliches gemeint?

Hartung: Nein, der Mechanismus eines Kapazitätsmarkts ist grundsätzlich anders. Wenn man den aber nicht will, dann braucht man eine Kapazitätsreserve. Im Moment sprechen wir aber mit dem Bundeswirtschaftsministerium vor allem über dessen Vorschlag, eine zusätzliche Klimaschutzabgabe einzuführen. Die würde viele Braunkohlekraftwerke und damit auch Tagebaue in die Stilllegung zwingen. Das haben uns auch Wirtschaftsprüfer bestätigt. Ein solches Modell, das quasi den Kohleausstieg bedeutet, muss vom Tisch.

Die „Kapazitätsreserve“ ist in Ihren Augen also kein Entgegenkommen?

Hartung: Man muss bei diesem komplexen Thema sehr aufpassen, weil mit ähnlichen Begriffen agiert wird, aber Unterschiedliches gemeint ist. Um es auf den Punkt zu bringen: Der Strom muss bezahlbar bleiben, er muss sicher bereitgestellt werden und das Ganze muss dem Klimaschutz dienen. Und das derzeit vorliegende Modell mit der Klimaschutzabgabe ist dazu nicht geeignet. Das sagen nicht nur wir und die gesamte Strombranche, sondern auch andere Unternehmen, Verbände und Experten.

Wird hinter den RWE-Kulissen an einem Kompromiss gearbeitet?

Hartung: Wir sind ja gesprächsbereit. Es gibt viele Möglichkeiten, um CO2 zu sparen. Zum Beispiel im Bereich Energieeffizienz oder auch durch Kraft-Wärme-Kopplung. Aber noch mal: Dafür muss das Modell mit den Strafzahlungen erst einmal vom Tisch und dann kann man über Lösungen sprechen. Ich bin zuversichtlich, dass wir am Ende Teil einer Lösung sein werden. Es muss aber eine Lösung sein, die einen Wandel ermöglicht und nicht zu Strukturbrüchen führt.

22 Millionen Tonnen Treibhausgas soll die Stromindustrie bis 2020 zusätzlich einsparen. Wie viel kann das Rheinische Revier beitragen?

Hartung: Zunächst muss klar sein, wie hoch die Ist-CO2-Emissionen sind und wie viel Strom wir in Zukunft benötigen. Dazu erstellt die Bundesregierung einen Projektionsbericht. Unser Beitrag ist zum einen, die Flexibilität und Effizienz der Kraftwerke zu steigern, darin haben wir bereits viel Geld investiert. Außerdem haben wir neue Anlagen gebaut und Anlagen stillgelegt. Dadurch sparen wir in der Summe schon jetzt 9 Millionen Tonnen jährlich. Natürlich werden wir mittel- und langfristig auch Altanlagen abschalten. Als Zukunftsoption entwickeln wir BoAplus weiter, auch wenn gegenwärtig die niedrigen Strompreise keine Investitionsentscheidung erlauben würden. Im Übrigen sprechen wir ja über den gesamten Strommarkt der fossilen Energieträger, also auch über Gas und Steinkohle.

Inwieweit glauben Sie, dass die Pläne des Wirtschaftsministeriums die Leitentscheidung zu Garzweiler II beeinflussen?

Hartung: In Berlin geht es um die Einhaltung der Klimaschutzziele bis 2020, die wir nicht in Frage stellen. Der Prozess zur Leitentscheidung berücksichtigt natürlich auch die Rahmenbedingungen, die aus Berlin vorgegeben werden. Gleichzeitig müssen auch die energiepolitischen Belange Nordrhein-Westfalens gesehen werden. Zur Leitentscheidung laufen im Moment die Expertengespräche. Wenn bis zum Sommer in Berlin die Eckpunkte klar sind, und das haben die Kanzlerin Angela Merkel und der Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel so zu verstehen gegeben, dann wird die Landesregierung dies sicher auch im zweiten Halbjahr 2015 in die Vorbereitung der Leitentscheidung einfließen lassen. Dabei geht es um den Zeitraum nach 2030.

Umweltverbände fordern, den Tagebau Garzweiler II an der A 61 enden zu lassen. Ist das eine Option?

Hartung: Die Braunkohle wird auch in Zukunft für die Stromgewinnung und Veredlung, aber auch als Rohstoff zum Beispiel für die Herstellung von Synthese-Gas für die chemische Industrie benötigt. Man sollte Braunkohle nicht allein auf die Stromproduktion beschränken. Die Notwendigkeit, Braunkohle aus Garzweiler II noch langfristig zu gewinnen, hat die Landesregierung ja im vergangenen Jahr noch mal bestätigt. Daher ist das Ende an der A 61 gar keine Option. Die Umweltverbände bringen das immer wieder ins Spiel. Da wird in meinen Augen mit der Betroffenheit der Umsiedler und der unserer Mitarbeiter ein Stück weit verantwortungslos gespielt.

Um die Ziele des Gabriel-Papiers zu erreichen, müsste man nur die 300-Megawatt-Blöcke vom Netz nehmen. Wieso ist das aus Ihrer Sicht nicht machbar?

Hartung: Die 300er-Blöcke stellen über ein Drittel unserer installierten Stromerzeugungskapazität dar. Diese Anlagen werden derzeit gebraucht, sie laufen ja mit hohen Nutzungsstunden. Es macht also auch stromwirtschaftlich keinen Sinn, sie vom Netz zu nehmen. Erst Recht, wenn nach 2022 die Kernenergie wegfällt. Man darf nicht vergessen, wir gewinnen heute noch etwa 18 Prozent des Stroms aus Kernkraftwerken. Darüber hinaus muss man das Gesamtsystem Braunkohle im Auge behalten. Die Kraftwerke dürfen nicht isoliert betrachtet werden, vielmehr muss man die Tagebaue mit all ihren Kosten dazurechnen.

Nehmen wir als Beispiel das Kraftwerk Weisweiler: Könnte man den Standort nur mit den zwei 600er Blöcken weiterbetreiben?

Hartung: Schaltet man dort die 300er-Blöcke ab, dann hat das eine unmittelbare Wechselwirkung mit dem Tagebau Inden. Es würde dann zwar weniger Braunkohle benötigt, aber viele Kosten wie zum Beispiel für die Wasserwirtschaft und die Rekultivierung bleiben. Die spezifischen Kosten steigen also und treffen damit auch die 600-Megawatt-Blöcke. Dies ist auch auf andere Standorte im Rheinischen Revier übertragbar. Das ist der Domino-Effekt, von dem wir immer sprechen. Aber mal ganz unabhängig davon, die geplante Klimaschutzabgabe würde auch die 600er-MW-Blöcke unwirtschaftlich machen. Ökonomisch bliebe uns also nichts anderes übrig, als bis spätestens 2020 die Stilllegung des Kraftwerks Weisweiler und damit des gesamten Standortes, also auch des Tagebaus, vorzunehmen.

Die Innovationsregion Rheinisches Revier (IRR) hat ihre Arbeit aufgenommen. Wo müssen aus Ihrer Sicht die Schwerpunkte für den Strukturwandel gesetzt werden?

Hartung: Die Initiative ist sehr gut, weil sie die Kräfte der Region bündelt. Wir sind als Unternehmen ja ein Teil des Bündnisses und arbeiten da gerne mit. Wir sehen uns in der Verantwortung, die Veränderungen zu begleiten. Es sind unterschiedliche Interessen und Kompetenzen in der IRR vertreten, und es sind auch schon einige Projekte entstanden. Wir beteiligen uns unter anderem mit der Entwicklung von Gewerbegebieten und von kommunalen Siedlungsbereichen. Übrigens kommt auch aus der IRR das Signal, die Energiewende mit Augenmaß zu betreiben, um den Strukturwandel intelligent zu gestalten und nicht Brüche entstehen zu lassen.

Aber es kommt auch Kritik, dass sich RWE mehr einbringen müsse…

Hartung: Die in 2015 organisatorisch neu ausgerichtete IRR ist in der Lage, Vorschläge für die Region zu erarbeiten. Die beiden Konferenzen, an denen ich auch teilgenommen habe, zeigen die Richtung von Projektansätzen auf. Vor wenigen Tagen hat NRW-Minister Garrelt Duin bei der Tagung am Blausteinsee einen sehr begrüßenswerten neuen konkreten Vorschlag vorgetragen.

Noch mal zur Herstellung von Synthese-Gas aus Braunkohle: Sind Sie damit nicht etwas spät dran?

Hartung: Diese Überlegungen sind nicht neu. Die Wurzeln der Verbindung von Braunkohle und chemischer Industrie liegen ja schon Jahrzehnte zurück. Das erfreuliche ist, dass die Vorschläge der Enquete-Kommission von der chemischen Industrie und der Politik mitgetragen werden. Wer sich die aktuelle politische Weltlage anschaut, sieht, dass man die eigenen Rohstoff-Ressourcen nicht leichtfertig aufgeben sollte. Warum sollte man die Nutzung der Braunkohle künstlich limitieren, wenn keine Not besteht?

Glauben Sie, dass die Enkel der heutigen Generation noch im Rheinischen Revier arbeiten werden?

Hartung: Die Nutzung der Braunkohle hat eine langfristige Perspektive. Auch wenn die Förderung zurückgehen wird, wird der Energieträger und Rohstoff auch in Zukunft gebraucht. Wir haben ja Lagerstätten, die bis weit nach 2030 genehmigt sind. Diese sollten wir nutzen. Welcher Wirtschaftszweig nach 2050 die vorrangige Rolle spielt, lässt sich heute sicherlich noch nicht abschließend abschätzen.

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