Weg aus dem Beratungsdschungel im Pflegebereich suchen

Von: Sabine Rother
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Resi Conrads-Mathar ist beim Caritasverband für das Bistum Aachen im Bereich „Facharbeit und Sozialpolitik“ tätig. Foto: Ralf Roeger

Aachen. Welche Qualität hat Pflege? Wie erfährt man, wo Hilfe zu finden ist? Was kann pflegende Angehörige effektiv unterstützen? Für den „Tag der Pflege“, den die Freie Wohlfahrtspflege mit ihren Verbänden am 12. Mai als Anlass zum Nachdenken nimmt, hat man in diesem Jahr das Motto „Wir für Sie. Wir begleiten Sie – würdevoll bis zuletzt” gewählt.

Wir sprachen zu diesem Thema mit Resi Conrads-Mathar aus dem Bereich „Facharbeit und Sozialpolitik“ beim Caritas-Verband für das Bistum Aachen.

Das Motto ist ein großes Versprechen. Müssen wir uns dennoch darauf einrichten, dass wir bei Pflegebedürftigkeit nicht mehr zu Hause bleiben können, weil professionelle Hilfe fehlt?

Conrads-Mathar: Im Gegenteil. Wenn Sie das möchten und als kranker, alter pflegebedürftiger Mensch einen guten Kontakt zu Ihren Angehörigen oder zugehörigen Mensch haben, denke ich, dass Sie das gut begleitet auch tun können.

Die Freie Wohlfahrtspflege scheint das aber anders zu sehen.

Conrads-Mathar: Wir stecken in einem Dilemma. Wir wollen den Menschen vermitteln, dass sie bei uns gut aufgehoben sind. Wir haben aber zugleich Kritik an den Rahmenbedingungen, die verbessert werden müssen.

Was tut sich da auf der Gesetzesebene, stimmt die Basis?

Conrads-Mathar: Es gibt Entwicklungen. Mit dem Pflegestärkungsgesetz II Anfang 2016 haben wir neue beziehungsweise veränderte Rahmenbedingungen erhalten – besonders für die ambulante Pflege. Hinzu kommt das Hospiz- und Palliativgesetz das seitEnde 2015 in Kraft ist und die Versorgung verbessert.

Lassen sich diese Veränderungen auch umsetzen?

Conrads-Mathar: Es sind Schritte in die richtige Richtung. Eine eindeutige Verbesserung: Es wird nicht mehr ausschließlich auf die somatische – also die körperliche – Pflegebedürftigkeit geschaut, etwa bei der Einstufung durch den Medizinischen Dienst. Kognitive Einschränkungen und demenzielle Veränderungen oder psychische Erkrankungen werden stärker berücksichtigt. Menschen mit diesen Erkrankungen können weit mehr Leistungen erwarten.

Wie sind die Pflegedienste bis jetzt damit umgegangen?

Conrads-Mathar: Sie haben natürlich bemerkt, dass das von ihrer Klientel eingefordert wird. Unser Tag der Pflege hatte im vergangenen Jahr das Motto ,Hilfe! Mehr Zeit für Pflege’. Das ist dauerhaft gültig.

Wie kann man die gesetzlichen Formulierungen deuten?

Conrads-Mathar: Wenn von pflegerischer Betreuung die Rede ist, bedeutet das auch Begleitung im Alltag. Man kann gezielt schauen, was der Mensch braucht, zum Beispiel kann sich eine Pflegekraft Zeit zum Gespräch nehmen oder mit jemandem Kaffee trinkt.

Was ist aktivierende Pflege?

Conrads-Mathar: Die Menschen werden dazu angehalten, so viel wie möglich selbst zu tun, die Eigenbestimmung ist wichtig.

Was bedeutet das für die Arbeit vor Ort?

Conrads-Mathar: Unsere Aufgabe der nächsten Monate wird sein, noch einmal genau hinzuschauen, besonders bei der ambulanten Pflege. Wir müssen uns fragen, wie wir sie weiterentwickeln können. Ein psychisch veränderter Mensch braucht zum Beispiel Begleitung bei Behördengängen, zum Arzt, vielleicht sogar zu einem Familiengeburtstag.

Wird denn die Hilfe überhaupt angenommen?

Conrads-Mathar: Dem Pflegereport der AOK, für den 1000 Pflegebedürftige befragt wurden, kann man entnehmen, wie häufig sich Angehörige schämen, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Der Bürger weiß ja zum Teil gar nicht, was er in Anspruch nehmen kann, etwa als pflegender Angehöriger. Ist die Beratung unzureichend?

Conrads-Mathar: Ich möchte den Begriff ‚Pflegenotstand‘ nicht im Sinne des Fachkräftemangels verwenden, sondern gehe ganz nah heran an den Menschen. Jemand, der als Betroffener oder als Angehöriger plötzlich mit dem Thema Pflege konfrontiert wird, muss sich zunächst orientieren. Aber das ist kompliziert.

Was erfährt man denn als Ratsuchender?

Conrads-Mathar: Ich erfahre etwas über das komplexe Leistungsspektrum von Pflegediensten. Es gibt Pflegestützpunkte, bei denen ich mal anrufen kann. Ich kann auch unmittelbar mit Pflegediensten sprechen, dann erhalte ich Auskunft, werde aufgeklärt, etwa darüber, dass ich eine Pflegestufe und auch Pflegegeld bei der Pflegekasse beantragen kann.

Und da beginnt es bereits mit der Bürokratie und mit Begriffen, die man nicht richtig versteht.

Conrads-Mathar: Genau, etwa die Unterscheidung zwischen Pflegegeld und Pflegesachleistungen oder Kombinationsleistungen. Es gibt die Verhinderungspflege, die Kurzzeitpflege und die Tagespflege. Es gibt auch unterschiedliche Budgets, je nach Pflegegrad. Das ist schwer zu verstehen.

Dem Laien schwirrt dabei doch der Kopf.

Conrads-Mathar: In diesem System finden sich selbst die Profis nur schwer zurecht. Wie sollen sich da die Betroffenen ohne Beratung, ohne Begleitung zurechtfinden!

Und was tun die Pflegestützpunkte?

Conrads-Mathar: Dort spricht man über das Leistungsspektrum, aber kaum über die Tatsache, was zum Beispiel die plötzliche Pflegebedürftigkeit mit den Betroffenen und ihrem Umfeld macht.

Was beunruhigt Sie da besonders?

Conrads-Mathar: Es gibt keine unabhängige Beratung. Mit dem Thema Pflege wird man irgendwann konfrontiert, ob man will oder nicht. Wann und in welcher Heftigkeit es kommt, weiß man nicht, und dann ist man recht hilflos dem bestehenden System ausgeliefert.

Ist die Beratung, die zur Zeit möglich ist, denn unzureichend?

Conrads-Mathar: Wir haben zwar ambulante Hospiz- und Palliativdienste, aber wir brauchen eine andere Informationspolitik. Alle im System Beteiligten müssen stärker auf die Menschen zugehen – am besten koordiniert und vernetzt. Hausärzte und die sozialen Dienste der Krankenhäuser sind die ersten Schnittstellen, da muss die Kommunikation verbessert werden.

Was könnte man noch verbessern?

Conrads-Mathar: Wir als Caritas im Bistum Aachen wollen genau dort ansetzen, wir plädieren für eine andere Form der psychosozialen Beratung. Wir möchten modellhaft etwas entwickeln, zum Beispiel ein Fallmanagement im Bereich der Pflege. Nur so kann man einen Weg durch den Beratungsdschungel finden.

Wie ist Ihr grundsätzlicher Eindruck von Beratung, was fällt Ihnen auf?

Conrads-Mathar: Die Beratung läuft zurzeit über die Pflegekassen, und die sind ja zugleich die Kostenträger. Träger der Pflegestützpunkte sind die Pflegekassen und die Kommunen, das ist auch im Gesetz festgelegt. Die Kommunen sind aber auch Sozialhilfeträger. Wenn bei Menschen die Pflegekasse nicht mehr greift, muss die Kommune als Sozialhilfeträger eintreten.

Ein Interessenkonflikt?

Conrads-Mathar: Ja, da besteht nach unserem Eindruck ein Interessenkonflikt, wenn gerade dort die Beratung angesiedelt ist. Beratung können theoretisch auch Pflegedienste übernehmen.

Was fordern Sie?

Conrads-Mathar: Wir brauchen eine neutrale, ergebnisoffene Beratung, die zielgerichtet auf das eingeht, was die Menschen benötigen und die Wunsch- und Wahlfreiheit der Betroffenen berücksichtigt. Bei einer Erziehungsberatung kann ich ja auch entscheiden, zu wem ich gehe. Ich würde gern fachlich in eigenen Kreisen und mit Politikern diskutieren. Wir haben doch Beratungsstrukturen. Gerade die Freie Wohlfahrtspflege ist in Netzwerke eingebunden. Meine Idee ist, dass Träger von Beratungsdiensten auch das Segment „Alter und Pflege“ einbauen.

Würde sich ein neues Berufsbild entwickeln?

Conrads-Mathar: Die Qualifikation von Beratern wird zukünftig zu diskutieren sein, etwa die Frage, wie viel pflegefachliche Kenntnis und wie viel psychosoziale und systemische Kompetenz bei denen gefragt ist, die beraten, auch bei den Ehrenamtlern, die wir dringend brauchen.

Was kann man insgesamt tun?

Conrads-Mathar: Wir müssen politisch aktiv werden, uns einmischen, Lobbyarbeit leisten. Neue Vergütungssätze müssen mit den Kostenträgern, den Pflegekassen, Kommunen, der Freien Wohlfahrtspflege und den privaten Leistungsträger verhandelt werden. Unser Plan für die kommenden Jahre ist, die ambulanten Dienste besser für die hospizlich-palliative Arbeit zu qualifizieren.

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