Was von der Schlacht noch übrig blieb

Von: Verena Müller
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Skelette gießen? Nein: Damit d
Skelette gießen? Nein: Damit die Sonne den Boden nicht zu sehr austrocknet und hart macht, müssen einzelne Stellen immer wieder begossen werden. Foto: Harald Krömer

Maastricht. Es muss ein grauenhafter Anblick gewesen sein, vom Gestank einmal ganz abgesehen, damals vor rund 350 Jahren. An die 60 Pferdekadaver wurden nach einer Schlacht in den Graben hinter dem Wall des Reiterlagers bei Maastricht-Borgharen gewuchtet.

Der Platz war knapp bemessen, „wenn hier und da ein Körperteil nicht mehr in den Graben passte, wurde es mit Gewalt reingedrückt”, sagt Jessica Grimm, Archäozoologin und Leiterin der Ausgrabung.

Aus dem rötlich-braunen, von der Hitze hart gewordenen Boden ragen die Skelette jetzt hellbraun und weiß hervor, wie ein bizarres riesiges Relief wirkt das. Ein einzigartiges dazu. „So etwas ist meines Wissens noch nirgends gefunden worden”, sagt Jessica Grimm. Ein paar einzelne Pferde, ja. Teure Reitpferde etwa, die mit Zaumzeug und Trense mit Herrschern beigesetzt wurden, damit diese auch im Jenseits ein Pferd zur Verfügung hatten. Auf dem Feld bei Borgharen hatte sich aber etwas völlig anderes zugetragen.

Münzen wären nicht schlecht

Die Tiere sind definitv bei Schlachten verendet, zwei Daten kommen da in Frage: 1632 bei der viermonatigen Belagerung Maastrichts durch Frederik Hendrik, Sohn von Willem von Oranje, oder 1673 bei der einmonatigen Belagerung der Stadt während des Holländischen Kriegs durch Ludwig XIV. „Aus den Chroniken aus der Zeit geht hervor, dass bei der ersten Schlacht 25.000 Soldaten, davon 7000 Kavalleristen, hier waren”, sagt Gilbert Soeters, Archäologe der Gemeinde Maastricht. Zu den 7000 Pferden müssten dann noch weitere gerechnet werden, die beispielsweise Wagen oder Kanonen gezogen haben. „An die 10.000 Pferde können hier unterm Strich gewesen sein”, sagt Soeters.

Dass das Pferdemassengrab in einem so guten Zustand ist, ist wahrscheinlich zwei Umständen geschuldet: dass ein Meter Erde die Knochen bedeckte - ein Pflug reicht nur 30 Zentimeter tief - und dass auf dem Gelände nie gebaut wurde.

Auf zwei Metern Breite und rund 40 Metern Länge scheinen die Überreste der Tiere mal wild durcheinander zu liegen, mal sind einzelne Körper noch klar zu erkennen. „Das ist wie ein riesiges Puzzle”, sagt Jessica Grimm. Pferde, die dicht beeinanderliegen, sind zur leichteren Trennung unterschiedlich farbig markiert, jetzt werden die Einzelteile numeriert und in Tüten gepackt. Die ersten drei Meter sind geräumt.

Am anderen Ende steht Stefan Stahn und zeichnet gegen die Zeit an. Auf die Knochen hat der aus Titz-Ameln stammende 48-Jährige einen Holzrahmen gelegt, rote Fäden bilden ein Raster, die Mitte markiert eine Wäscheklammer. Mit dem Bleistift überträgt er die Aufsicht auf die Skelette quadratweise aufs Millimeterpapier. „Meine größte Sorge ist, dass unter dieser Schicht noch weitere Pferde drunterliegen”, sagt Stahn.

Ein paar Meter von der Grube entfernt fahren schwere Baustellenmaschinen, ein Bagger bewegt dröhnend lockeres Erdreich. In diesen Tagen müssen die Archäologen fertig sein, dann wird das Consortium Grensmaas auch hier weiter Kies abtragen. Das Unternehmen hat den Auftrag, das Ackerland zu renaturieren. Die Maas soll das erweiterte Ufer wieder in eine Auenlandschaft verwandeln können, statt Wohngebiete unter Wasser zu setzen. Mit dem Kies, der abgebaut wird, wird ein Teil der Kosten gedeckt.

Die Archäologen müssen aber nicht nur jeden Knochen numerieren und einpacken, sie hoffen auch, mehr Anhaltspunkte zur Datierung der Schlacht finden zu können. Und die machen sich rar. Metall beispielsweise ist kaum zutage gekommen. Eine bronzene Schnalle, Eisenringe, Munition, ein paar Hufeisen. Das war’s. „Münzen wären nicht schlecht”, sagt Gilbert Soeters. Aber vielleicht lasse sich von den Knochen wenigstens die Pferderasse ablesen. Das könnte wiederum Aufschluss über die Herkunft geben.

Was langfristig mit den Skeletten passiert, ist noch unklar. „Derzeit ist das Interesse in Maastricht und Umgebung an einer Ausstellung groß, aber das kann auch schnell wieder vorbei sein”, sagt Soeters. Und dann gibt es da ja noch die bronzezeitliche oder früh-eisenzeitliche Siedlung, die irgendwo in der Nähe vermutet wird. Anzeichen für Bebauung aus der Zeit seien bereits gefunden worden, sagt Soeters. Aber das sei erst das nächste Projekt. Erst mal muss er sich um die Pferde kümmern.
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