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Was machen eigentlich Schulsozialarbeiter? Alles, außer Pause

Von: Bernd Müllender
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„Das ist mein Ding“: Brigitte Thull ist Schulsozialarbeiterin. Sie hilft Schülern bei Problemen, fördert Stärken, organisiert aber auch Schulfeste mit. Foto: Gudrun Petersen

Region. Netzwerken, Kooperationsmanagement, Einzelgespräche, Gruppenarbeit, Amtskontakte: Was Schulsozialarbeiter so machen? Alles. Und sie sind Fantasiereiseleiter oder Kummerkasten. Um 18 Uhr 18 macht Brigitte Thull den PC aus. Eine nennenswerte Pause hatte es in elf Stunden Arbeitszeit nicht gegeben.

 Kurze Momente nur für sich hatte sie erst am späten Nachmittag. Ein ganz normaler Arbeitstag für die 54-jährige Schulsozialarbeiterin an der städtischen Gesamtschule Aachen-Brand.

Um hatte Thull ihr Büro im Erdgeschoss aufgeschlossen. „Wir sind immer vor den Kindern da“, sagt Thull, „manche sind froh, wenn gerade morgens jemand zum Ansprechen da ist.“

Klasse 5.4, Wahrnehmungstraining im „Stille-Spiele-Raum“. 26 Kinder liegen auf dem Rücken. „Das Wichtigste ist“, sagt Brigitte Thull freundlich-bestimmt, „dass du auf deiner Matte ganz bei dir bleibst.“ Der Gong erklingt, es ist schlagartig ruhig. 30 Minuten Fantasiereise für Zehn- und Elfjährige. Es geht um Körpergefühl, Konzentration, Koordination. Bein aufstellen, Schultern kreisen lassen, tief atmen. „Es hat sich so frei angefühlt“, sagt einer nachher. „Ich habe das Blut durch die Adern fließen gefühlt“, meint eine. Brigitte Thull lächelt.

Klasse 5.3, Fragebogenaktion. Was gefällt mir, was nicht, Skala von 1-10, wie sind die Jungs („cool“), die Mädchen („oft sehr unterhaltsam“); wie wichtig ist der Klassenverbund („sehr“)? Viele Kinder sind unruhig, quasseln – und schreiben: „Es ist oft zu laut.“ Auf dem Weg zurück ins Büro alle paar Meter ein Kurzgespräch: „Frau Thull, kannst du mal?... Brigitte, machen wir das Treffen lieber um 14.45?“ So wird das den ganzen Tag gehen. „Du kommst nie ohne etwas von hier nach da.“

Die Diplom-Sozialpädagogin, Spitzname Bre („das steht für Brigitte ohne igitt“), macht den Job seit 20 Jahren. „Ich hatte mehrfach andere Ideen und Angebote. Aber das hier ist mein Ding“.

Leon ist der erste im Einzelgespräch heute. Der 14-jährige Schlacks artikuliert gut, hört aufmerksam zu, wirkt sehr höflich. Doch, seit den Therapiestunden laufe es deutlich besser, sagt er, er habe sich mehr unter Kontrolle. Thull redet ihm gut zu. Ein ganz lieber Kerl, oder? „Problemschüler“, sagt Thull. „Leon hat ne lange Akte. Im Gespräch ist er gut. Aber er hat andere gepiesackt und böse beleidigt, auch geschlagen.“ Beim Gespräch sollte der Vater auf Leons Wunsch nicht dabei sein, „weil der mich vor allen immer nur fertig machen will“. Thull sagt: „Dem Leon fehlt ne männliche Identifikationsperson. Aber wir sind auf einem guten Weg.“

Hohe Ansprüche

Schule heute: Klassische Familienstrukturen lösen sich öfter auf, die Ansprüche an die Lernanstalten werden größer. Die Elternhäuser sind zunehmend das Problem, nicht die Lösung. Zudem hätten „die Kinder nach der Grundschule immer unterschiedlichere Fähigkeiten, geistig, körperlich, sozial. Immer mehr Kindern fehlen grundlegende Dinge wie Konzentrationsfähigkeit, Durchhaltevermögen, Empathie.“ Und dann seien da, sagt Thull, „super-intelligente Kinder mit Sprachproblemen“ – wegen Zuwanderung. „Eigentlich bräuchten wir viel mehr Leute.“

Große Pause. Für Thull nicht mal eine kleine. Sie macht Pausenaufsicht, weil die eingeteilte Lehrerin aufgehalten worden ist. Zwischendurch Medikamentenausgabe; vereinzelt ist auch Ritalin dabei.

Schnelldurchsicht der Umfrage aus der 5.3. Der Klassenlehrer stöhnt: „Puuuh, das klingt sehr problematisch mit Ben.“ Den hatten viele Mitschüler als nervig, störend und beleidigend eingestuft: „Sehr akresiv“ sei der und beschimpfe einen „mit Du Misstgebut oder so“. Ben schrieb: „Ich fühle mich unwohl in der Klasse, weil mich die anderen immer hänseln.“ Brigitte Thull sagt: „Wir werden ein Konzept entwickeln, mit Einzel- und Elterngesprächen und Konzentrationstrainings in, wie wir das nennen, persönlichkeitsstärkenden Gruppen.“ Es gilt den Kreislauf zu stoppen: Zurückschlagen, zurückhänseln und -treten. Lernziel: Frustrationstoleranz.

Gespräch mit Maik (11). Der sagt, er könne sich mittlerweile „besser untermischen in der Klasse“. Und wenn die Aggressivität wieder in ihm aufflamme? „Dann“, sagt der Junge und tippt an seine Schläfe, „weiß ich: roter Alarmknopf; aber den brauche ich immer seltener.“ Brigitte Thull lobt ihn. Probleme? „Ja“, sagt Maik, der Vater seines Freundes habe ihn neulich rausgeworfen und bis auf die Straße brüllend verfolgt. „Aber der ist doch psychophren.“ Thull müht sich nicht loszulachen bei dem Begriff. „Ein Kind hat mal gesagt: Ich geh zum Psychopathen statt zum Psychologen.“

Mittagspause, fast 15 Minuten. Brigitte Thull nimmt einen schnellen Salat in der Mensa.

Ab ins Fitnesscenter nebenan. Ein Dutzend Schülerinnen macht Zumba. Über Wochen guckt sich Thull alle Schul-AGs an, was zum Schulfest passen könnte. Talente-Casting. Beim Fest sollen alle auf die Bühne: Fast 1300 Schüler, 120 Lehrer. Im Büro legt Thull die DVD von 2014 ein. Ein Schüler aus der 11 hat den Film gemacht, sehr witzig, schnelle Schnitte, tolle Musik. „Ja, wir haben richtig kreative Kids dabei.“

Stippvisite beim Schulleiter

Stippvisite beim Schulleiter. Andreas Lux findet die Frage nach der Wertschätzung von Schulsozialarbeitern geradezu lästig. „Was soll man da noch sagen! Ich würde auf viele Lehrer verzichten können, aber nicht auf sie.“ Die Arbeit reiche auch „locker für vier Leute“. „Aber“, sagt der Schulchef, „wir sind mit zwei Stellen ja noch gut aufgestellt.“ Andreas Lux setzt noch einen Hieb auf so manches Gymnasium: „Durch Selektion gut sein, kann jede Schule. Da brauche ich mich nicht um Problemkinder zu kümmern. Das ist bei uns anders. Wir können nicht alle Kinder retten, aber viele.“ Und an die Schulbehörden („Ich muss aufpassen, wie ich formuliere“) gerichtet: „Alles soll besser werden, aber alles ist gedeckelt. Es kommt immer mehr von außen, und wir als Schule müssen immer mehr leisten.“

Zwei Sechstklässlerinnen warten zum nächsten Casting. Sie singen im Duett, witzig, empathisch, gekonnt. „Machen wir!“ Die beiden trällern gelobt von dannen. Draußen wartet schon die Mutter von Sarah (11) zum Gespräch. Die Alleinerziehende kommt mit ihrer Tochter nicht klar: „Die ist so aufmüpfig, frech wie nix. Vorgestern hat sie Arschloch zu mir gesagt.“ Thull schlägt die Erziehungsberatungsstelle vor. Ja, gern. Die Mutter macht einen sehr resoluten, klaren Eindruck. „Naja“, sagt Thull später, „aber sie kann sich wohl nicht abgrenzen von Sarah.“

Jetzt noch Mails, Berichte schreiben, für die Stadt ein paar Statistiken. „Und die Zeiterfassungskarte ausfüllen“. So heißt Stechuhr auf schulbürokratisch. Zusätzliche Hausbesuche, Jugendamtstermine und große Konferenzen stehen erst wieder in der nächsten Woche an. Was machen eigentlich Schulsozialarbeiter? Alles, außer Pausen. Und dabei viel Kaffee trinken.

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