Was ist ein zerstörtes Leben in Euro wert?

Von: Heiner Hautermans
Letzte Aktualisierung:

Aachen. Im Johannes-Höver-Haus an der Rütscher Straße in Aachen, heute Wohngebäude, früher ein Kinderheim, hat es in den 1950er Jahren Fälle von schwerem sexuellen Missbrauch gegeben. Eines der Opfer, ein ein jetzt 65-Jähriger, kämpft um finanzielle Entschädigung.

Er fühlt sich von den Verantwortlichen hingehalten. Als Elf- und Zwölfjähriger sei er mehr als 100 Mal unter Gewaltanwendung von einem inzwischen verstorbenen Bruder vergewaltigt worden, schreibt er an die „Nachrichten”: „Über fünf Jahrzehnte hat mich diese böse Geschichte enorm belastet. Ich konnte zu keinem Menschen Vertrauen haben, konnte nie eine Familie gründen. Kurz gesagt, mein ganzes Leben wurde durch diese Sache negativ beeinflusst und quasi zerstört.”

Er habe Hilfe bei anderen Ordensbrüdern gesucht, aber nicht bekommen, weil diese ein Sprechverbot auferlegt bekommen hätten, führt Walter S. weiter an. Bruder A., 1915 in Alsdorf geboren, sei 1966 in anderen Fällen wegen Unzucht mit Minderjährigen und Abhängigen rechtskräftig verurteilt worden. Er habe also noch jahrelang weitermachen können und sicher auch andere Kinder missbraucht.

„...zutiefst entschuldigen”

Der 65-Jährige hat sich 2010 an die Deutsche Bischofskonferenz und die Armen-Brüder vom Hl. Franziskus gewandt und auch Post bekommen. „Das verantwortungslose Handeln von Bruder A. ist nicht zu rechtfertigen. Er hat als Ordensbruder Ihr Vertrauen schamlos ausgenutzt und Ihnen dadurch einen bleibenden Schaden zugefügt, der Sie in Ihrer Persönlichkeit verletzt hat. Weil er das als damaliges Mitglied unserer Ordensgemeinschaft getan hat, möchte ich mich bei Ihnen zutiefst entschuldigen und anerkenne das große Unrecht, das Ihnen widerfahren ist”, antwortete Bruder Matthäus Werner von der Deutschen Provinz der Ordensgemeinschaft des Hl. Franziskus im Mai dieses Jahres.

Eher negativ äußert sich der Bruder dagegen zur materiellen Wiedergutmachung. Er sei der Meinung, dass seine Gemeinschaft heute nicht mehr verantwortlich „für das sündhafte Verhalten” gemacht werden könne: „Damit Sie wissen, dass ich Sie als Missbrauchsopfer anerkenne, überweise ich Ihnen eine Wiedergutmachung von eintausend Euro und hoffe mit Ihnen, dass Sie durch meine Anerkennung und Entschuldigung versöhnt weiterleben können.” Damit will sich Walter S. jedoch nicht abspeisen lassen. Er fordert eine Entschädigung von 120.000 Euro und verweist auf die Handhabung in Irland und Österreich, wo Summen in ähnlicher Größenordnung an Missbrauchsopfer gezahlt worden seien.

In ihm sei durch die Fragen des Ordensbeauftragten „alles, was bei mir Jahrzehnte geschlummert hatte, noch einmal aufgewühlt” worden: „Ich bin persönlich sehr enttäuscht und verärgert, ich habe nach dem schönen Schreiben vom 18. Mai bis heute über sechs Monate gewartet und gehofft.” Er hoffe auf eine Zahlung noch vor Weihnachten und wolle sich ersparen, Klage einzureichen, weil er dann „nochmal ein oder zwei Jahre auf Gerechtigkeit warten” müsse. Die Ordensspitze dagegen verweist auf den Runden Tisch „Sexueller Kindesmissbrauch”.

Die Bischofskonferenz „hat das Thema der materiellen Anerkennung des erlittenen Unrechts von Missbrauchsopfern ausdrücklich im Blick”, teilt Bettina Janssen vom Sekretariat der Bischofskonferenz Walter S. mit.

Diesen Mittwoch tagt der Runde Tisch

„Wie und in welcher Höhe die materielle Anerkennung des erlittenen Unrechts geschehen soll, kann darum nicht für jeden Einzelnen bestimmt, sondern muss im gesamtgesellschaftlichen Kontext aller Opfer von sexuellem Missbrauch geklärt werden.” Dazu sei ein Vorschlag eingebracht worden, der derzeit in der Diskussion sei. Auch die Beauftragte der Bundesregierung, Christine Bergmann, wolle noch in diesem Jahr ein eigenes Modell einbringen. Der Runde Tisch sexueller Missbrauch tagt am 1. Dezember, der Runde Tisch Heimerziehung am 9. und 10. Dezember. Bruder Matthäus Werner: „Wir warten auf die Entscheidung.”

Hintergrund: Tausende Kinder besuchten die Klosterschule in Aachen

Das Johannes-Höver-Haus am Lousberg war eine Gründung des Pädagogen und Genossenschaftsschaftsgründers Johannes Philipp Höver (1816-1964), der im Aachener Armenviertel St. Peter die Verwahrlosung der Jugend erlebte und dann die franziskanische Bruderschaft zur Pflege und Ausbildung armer Knaben gründete.

In der 1867 errichteten Klosterschule wurden tausende Kinder unterrichtet. Das Gebäude wurde in der 1970er Jahren wegen Überalterung der Ordensbrüder aufgegeben. Heute sind dort Studentenwohnungen.

Der Orden der Armen-Brüder des hl. Franziskus verbreitete sich bis Nordamerika und hat heute noch etwa 70 Mitglieder.
Leserkommentare

Leserkommentare (2)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert