Was ist das Etikett „Denkmal“ noch wert?

Von: Angela Delonge
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Das Postgebäude in Eschweiler dient gewerblichen Zwecken und wurde mit einem Denkmalkredit des Landes saniert. Foto: R. Müller
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Der privat genutzte Bardenberger Wasserturm wurde mit Zuschüssen der Denkmalpflege saniert. Foto: S. Klassen

Aachen. Ist die neue Denkmalförderung des Landes eine Erfolgsgeschichte oder Etikettenschwindel? Die Ansichten darüber könnten nicht unterschiedlicher sein. Nordrhein-Westfalens Bauminister Michael Groschek (SPD) spendet Lob. Andrea Pufke, oberste Denkmalschützerin im Rheinland, übt Kritik.

Sie leitet das Amt für Denkmalpflege beim Landschaftsverband Rheinland (LVR). Die Vorzeichen für die Denkmalförderung haben sich in NRW grundlegend geändert: Eine finanzielle Förderung erfolgt kaum noch über Zuschüsse des Landes, sondern weitgehend über Darlehen der NRW-Bank. Demnach erhält jetzt jeder ein zinsgünstiges Förderdarlehen, der historisch erhaltenswerte Bausubstanz oder ein Denkmal sein Eigen nennt und dieses sanieren oder umbauen will. Lediglich 1,1 Millionen Euro an Zuschüssen gesteht das Land noch zur Verteilung zu.

Die Darlehen würden inzwischen gut angenommen, vermeldet der Bauminister. Das mit 40 Millionen ausgestattete Programm der NRW-Bank wurde 2014 vollständig ausgeschöpft. Deshalb wird der Darlehenstopf in diesem Jahr auf 50 Millionen Euro aufgestockt, der Mindestzinssatz von 1,5 auf 1,15 Prozent gesenkt.

Gute Nachrichten für Denkmaleigentümer, sollte man meinen. Doch Andrea Pufke hat eine andere Sicht auf die Dinge. Dem Land gehe es in erster Linie gar nicht mehr um die Förderung von Denkmaleigentümern, sondern allgemein um Investitionsanreize für historische Bausubstanz, sagt sie. Die „wahre Erfolgsgeschichte“ sei die Denkmalförderung früherer Jahre – mit 87.000 eingetragenen Denkmälern in Nordrhein-Westfalen seit 1980. Die vom Minister so gelobte neue Denkmalförderung ist in ihren Augen dagegen eine Art „Etikettenschwindel“.

Ein hartes Wort dafür, wie hierzulande nun Denkmalförderung funktioniert. Unter diesem Stichwort schüttet das Land seit anderthalb Jahren mit dem Füllhorn billige Kredite aus. Was die einen freut, findet Andrea Pufke „schade“. Denn durch diese neue Förderpraxis werde das Etikett „Denkmal“ deutlich verwässert: „Es herrscht die totale Intransparenz.“

Dass der Fokus der Darlehensförderung nicht mehr nur auf Baudenkmälern, sondern auf historisch erhaltenswerter Bausubstanz insgesamt liegt, ist neu und politisch gewollt. Denn die Förderpraxis soll nun mehr in die Breite statt in die Tiefe wirken.

Der Plan geht auf: Bei den Darlehen herrscht „große Nachfrage“, hat Minister Groschek erfreut mitgeteilt. 46 Projekte erhielten im vergangenen Jahr einen Kredit – rund die Hälfte davon waren gewerbliche Objekte. Wohlgemerkt: Da geht es nicht um die denkmalgerechte Erneuerung von Fenstern für 30.000 Euro, sondern um Investitionen von insgesamt 58 Millionen Euro.

Mit diesen Darlehen seien aber bisher leider kaum Denkmäler, sondern in erster Linie historisch erhaltenswerte Bausubstanz gefördert worden, beklagt Andrea Pufke. Weshalb man nicht mehr von einem Denkmalförderprogramm sprechen könne: „Das Ganze unter diesem Titel firmieren zu lassen, ist nicht ehrlich.“

So wurde ein Altenheim zum quartiersoffenen Seniorenzentrum umgebaut, ein zu groß gewordenes Einfamilienhaus ist nun ein „Bed & Breakfast“-Hotel, ein früheres Turbinenhaus beherbergt eine karitative Einrichtung. Das denkmalgeschützte ehemalige Eschweiler Postgebäude wurde zwecks Vermietung an Postbank und Jobcenter saniert.

Die Entscheidung darüber, was historisch erhaltenswert und was ein Denkmal ist, treffen Städte und Gemeinden. Historisch erhaltenswert ist dabei ein dehnbarer Begriff. Für die Kreditvergabe bei der NRW-Bank reicht der Hinweis auf die Denkmaleigenschaft des Gebäudes und die Vorlage einer denkmalrechtlichen Erlaubnis für die beantragte Maßnahme. Das sorgt in den Augen von Denkmalschützern für „vielfältige Irritationen“.

Die wichtigste sei, so Pufke, dass nun in erster Linie Banken und nicht mehr Fachleute über Förderzusagen entscheiden. Die übergeordnet beratende Stelle, das LVR-Amt für Denkmalpflege, ist jedenfalls aus dem Verfahren der neuen Denkmalförderung „völlig raus, die Fachämter haben keine Bedeutung mehr“, sagt Andrea Pufke und ärgert sich: „Es kann doch nicht sein, dass ein Eigentümer (zum Beispiel eine Stadt, die Red.) sich quasi selber bescheinigt, dass er ein Denkmal hat.“

Für Denkmalschützer stehen eine Menge Fragen im Raum: Warum muss ein Eigentümer seinen Antrag auf Darlehensförderung nicht mit den Denkmalbehörden abstimmen? Warum werden Dachaufbauten oder Aus- und Umbauten als förderwürdig erachtet? Wird da unter dem Deckmäntelchen der Denkmalförderung Investoren in die Hände gespielt? Gar durch die Hintertüre Städtebauförderung betrieben?

Mit der jetzigen Förderpraxis würden der Beliebigkeit Tür und Tor geöffnet, fürchtet Andrea Pufke. Weder vorher noch nachher werde kontrolliert, was am und im Denkmal gebaut wird. „Die Denkmalbehörden erfahren ja nicht einmal, wenn eine Darlehensförderung ausgesprochen wird.“ Und nicht jede erlaubte Maßnahme sei im Sinne des Denkmalschutzgesetzes förderfähig.

Früher sei es Aufgabe staatlicher Denkmalpflege gewesen, vor allem die Substanz von Denkmälern finanziell zu fördern, erläutert Pufke. Eigentümer, die diese aufwendige, von Experten begleitete Erhaltungsleistung im öffentlichen Interesse tätigten, hätten so einen gewissen finanziellen Ausgleich bekommen. So will es das Gesetz. Die neue Denkmalförderung über Darlehen sei „nicht mehr im Sinne des Gesetzes“, weil es nicht mehr nur um Substanzerhalt, sondern um allgemeine Investitionsförderung gehe.

Zwei Dinge wünscht sich die Amtsleiterin: „Denkmalbehörden sollten in den Prozess eingebunden werden.“ Und: „Wir brauchen wieder eine angemessene Zuschussförderung durch das Land – plus Darlehensförderung.“ Das wäre nach dem Geschmack von Andrea Pufke der Königsweg für eine weitere Erfolgsgeschichte.

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