Was in den Kitas sonst noch alles schiefläuft

Von: Angela Delonge
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Kita-Streik Eltern Kinder Kind
Nicht nur die Erzieher haben Grund zu klagen: Auch Kita-Eltern sind mit der Situation alles andere als zufrieden. Foto: Susann Prautsch/dpa

Aachen. In den Kindergärten stehen die Zeichen auf Sturm: Die Erzieher streiken seit Wochen, viele Eltern wissen in diesen Monaten mal wieder nicht, ob, wo, wann und für wie lange ihr Kind im kommenden Kindergartenjahr einen Kita-Platz erhalten wird, und nun steigen vielerorts auch noch die Elternbeiträge. Kein Wunder, dass nicht nur Erzieher, sondern auch Eltern mit der Betreuungssituation mehr als unzufrieden sind.

Vor allem der Übergang von einem Platz für unter Dreijährige (U3) zu einem Platz für über Dreijährige (Ü3) stellt Eltern zunehmend vor Probleme. Manche wissen nicht einmal, ob ihr Kind, das aus Altersgründen in die Ü3-Betreuung wechseln muss, überhaupt in der bisherigen Kita bleiben kann. Manche Kitas bieten Eltern deshalb neuerdings erst mal nur einen Jahresvertrag an. Manchen wird nahegelegt, in jedem Fall einen Antrag für die höchste Betreuungsstufe – 45 Stunden pro Woche – zu stellen, weil das die Chancen auf einen Platz erhöhe.

„Das ist unzumutbar“, sagt Susanne Moers. Die Vorsitzende des Landeselternbeirats (LEB) sieht ihre Aufgabe darin, solche Probleme zu benennen und Lösungen dafür zu erarbeiten. Die Organisation, in der ausschließlich ehrenamtlich gearbeitet wird, möchte Kita-Eltern bei allen Schwierigkeiten zur Seite stehen. Es wäre nach Ansicht von Moers schon mal eine gute Lösung, im Kitabereich einheitliche Strukturen und Transparenz zu schaffen. Doch das sei bei der „gigantischen Trägerlandschaft“ in NRW fast unmöglich.

Marcel Hafke sieht größere Probleme beim Ü3-Übergang. Der jugendpolitische Sprecher der FDP-Landtagsfraktion sagt: „In diesem Sommer kommt auf die Kitas die erste große Welle ehemaliger U3-Kinder zu.“ Durch den seit 2013 geltenden erweiterten Rechtsanspruch (mit Vollendung des ersten Lebensjahrs hat jedes Kind Anspruch auf einen Kita-Platz) mussten Kommunen 2012 und 2013 massiv U3-Plätze schaffen. Hafke schätzt, dass 80 Prozent der vorhandenen Ü3-Plätze im August an die Kinder gehen, die vor zwei Jahren in die U3-Betreuung kamen.

„Zahlenwirrwarr“

Nach Einschätzung des Familienministeriums zeichnen sich im kommenden Kindergartenjahr dagegen keine Engpässe in der Ü3-Beteuung ab. Einen Rechtsanspruch auf einen Platz in der „Wunsch-Kita“ gebe es aber nicht. Im Einzelfall könne der Ausbau der U3-Plätze dazu geführt haben, dass in einer Kita nun weniger Ü3-Plätze zur Verfügung stünden. Dies werde vor Ort durch die Zuweisung in eine andere Kita ausgeglichen.

„Zahlenwirrwarr“, so lautet ein weiterer Vorwurf der Opposition. Die Zahl der von den Jugendämtern beantragten Plätze stimme nicht mit der Zahl der tatsächlich betreuten Kinder überein, monierte die FDP jüngst. Tatsächlich würden weniger Kinder betreut als veröffentlichte Zahlen glauben machen. Dafür sprächen auch die enormen Rückflüsse an das Land für nicht in Anspruch genommene Plätze. „Kein Mensch erhebt die Zahl, wie viele Kinder tatsächlich in nordrhein-westfälischen Kitas betreut werden“, sagt Hafke, „das ist extrem intransparent.“

Kita-Plätze auf Vorrat? Es ist gängige Praxis vieler Jugendämter, mehr Kita-Plätze beim Ministerium zu beantragen als zunächst gebraucht werden. „Das muss so sein“, sagt Alexander Franzen. Der Arbeitsgruppenleiter für Kindertagesbetreuung bei der Städteregion Aachen weiß: „Wir landen immer über den ursprünglichen Anmeldezahlen.“ Es kämen stets zugezogene Kinder, Flüchtlingskinder und Kinder hinzu, die im Laufe eines Jahrs von U3 zu Ü3 wechseln.

Tatsächlich tun sich viele Jugendämter in der Region schwer, die Zahl der betreuten Kinder in Relation zu den beantragten Plätzen zu nennen – ein undurchsichtiges Rechenexempel. Für die Städteregion Aachen (im Jugendamtsbereich zuständig für Baesweiler, Monschau, Roetgen, Simmerath) liegen die Zahlen vor: Aktuell werden 2291 Kinder betreut. Das sind 118 mehr, als es 2014 Anmeldungen (2173) gab, aber nur noch 27 mehr als 2014 beim Land beantragt wurden (2264). Das „Vorhalten“ von Kita-Plätzen ist durchaus im Sinne des Familienministeriums. „Wir haben ein Interesse daran, dass jedes Kind einen Platz bekommt“, sagt eine Sprecherin. Das Land finanziere jeden gemeldeten Kitaplatz; Plätze, die nicht genutzt werden, müssten von den Kommunen zurückgezahlt werden.

Wer bei den Kitaplätzen Transparenz fordert, kommt schnell an Grenzen, denn das jetzige System ist ein Labyrinth, in dem es fast unmöglich ist, nachvollziehbare Zahlen zu erstellen. Wie will man verlässliche Zahlen bekommen, wenn es für die U3-Versorgungsquote verschiedene Berechnungen gibt? Wenn manche Städte nur die Kinder mit Rechtsanspruch zählen, andere alle theoretisch „kitafähigen“ Kinder ab dem dritten Lebensmonat? Wenn Eltern zwischen 25, 35 und 45 Stunden Betreuung wählen können? Ein Kitaplatz ist eben nicht ein Kitaplatz. Es ist schwer, für solch ein pluralistisches System zu planen – personell, finanziell und überhaupt.

Nicht wenige Jugendamtsleiter wünschen sich mehr Stringenz: einen Stichtag für die Anmeldung, einheitliche Betreuungs- und Öffnungszeiten, eine übergeordnete Verteilung auf die Träger – nicht mehr oder weniger als ein einfaches Modell. Kommentar

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