Was der Maastrichter Vertrag für Maastricht bedeutet

Von: Katharina Menne
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Europäisch statt kleinstädtisch: Maastrichts Geschäftsstraßen. Foto: Harald Krömer
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Der Parlamentssaal, in dem der Vertrag unterzeichnet wurde. Foto: Harald Krömer
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Platz mit Geschichte: der Plein 1992. Foto: Harald Krömer
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Projektkoordinatorin Lincey Bastings (l.) und Pressesprecherin Inge Dovermann freuen sich, dass das Programm zum Vertragsjubiläum gut ankommt. Foto: Harald Krömer

Maastricht. Gut geschützt hinter Glas liegt sie, die mehrere tausend Seiten dicke Geburtsurkunde der Europäischen Union. Wobei – eigentlich ist es nur eine Kopie, die hier im Provinciehuis von Maastricht ausliegt, zusammen mit historischen Fotos und einer für den damaligen Bürgermeister angefertigten massiven Sternenkette. Das Original wird in Rom aufbewahrt.

Aufgeschlagen ist die Seite, auf der der damalige Außenminister der Bundesrepublik, Hans-Dietrich Genscher, und Finanzminister Theo Waigel am 7. Februar 1992, also vor genau 25 Jahren, ihre Unterschrift hinterließen.

Dass die Stadt Maastricht neben den zwölf damaligen Mitgliedsstaaten eine 13. Kopie des Vertrags ausstellen darf, liegt wohl daran, dass er hier im Parlamentsgebäude der Provinz Limburg verhandelt und unterzeichnet wurde. Noch immer ist das Werk eng mit dem Namen der niederländischen Stadt an der Maas verknüpft und heißt im Volksmund nur „Maastrichter Vertrag“.

Für Theo Bovens, Governeur der Provinz Limburg, und Annemarie Penn-te Strake, Bürgermeisterin von Maastricht, ist das Fluch und Segen zugleich. Einerseits laste dieses Erbe schwer auf den Schultern der Stadt, sagen sie. Andererseits sei es unendlich wertvoll für das Stadtmarketing. Überall in Maastricht wird man an den Vertrag erinnert: sei es durch den „Plein 1992“, der seinen Namen dem Jahr der Vertragsunterzeichnung verdankt, oder durch so beeindruckende Kunstinstallationen wie die „Stars of Europe“. Selbst der Geldautomat, der 2002 den ersten Euroschein ausspuckte, steht hier.

Verhandlungsgeschick

Dass der Vertrag damals in Maastricht unterzeichnet und die Stadt untrennbar mit der Europäischen Union verbunden wurde, lag auch am Verhandlungsgeschick der Niederländer. Sie hatten zwar während der Vertragsverhandlungen den Vorsitz des Europarats. Dieser ging mit dem Jahreswechsel aber an die Portugiesen über. Doch das brandneue und gut abzusichernde Parlamentsgebäude, die vielen Hotels und Restaurants und die Lage im Dreiländereck waren schließlich überzeugend genug.

Zusammen mit Bürgermeisterin Penn-te Strake hat Governeur Bovens deshalb beschlossen, dass es keinen passenderen Ort für die Erinnerungsfeierlichkeiten zum 25-jährigen Jubiläum des Maastrichter Vertrags gibt als die Stadt selbst. Unter dem Motto „Europa ruft“ (Europe Calling) finden seit vergangenem Juli zahlreiche Veranstaltungen statt, die sich mit der Vergangenheit und der Zukunft der Europäischen Union beschäftigen.

Besondere Aufmerksamkeit liegt dabei auf all denen, die wie der Vertrag im Jahr 1992 und danach das Licht der Welt erblickten. Sie gehören zur „Generation Maastricht“, der Generation, die in ein Europa mit offenen Grenzen hineingeboren wurde, in ein Europa mit einer gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik, in ein Europa, das sich mit dem Maastrichter Vertrag eine gemeinsame demokratische Basis geschaffen hat. Diese Generation kennt gar kein anderes Europa.

Auch Theo Bovens hat eine Tochter, die im September 1992 geboren wurde und damit zu dieser Generation gehört. Für Bovens ist das ein Grund mehr, die europäische Idee hochzuhalten. „Für meine Tochter ist es ganz normal, dass man von Südportugal nach Nordfinnland fahren kann, ohne ein einziges Mal den Pass vorzeigen zu müssen“, sagt er. Doch sei diese Selbstverständlichkeit auch gefährlich: Sie dürfe nicht dazu führen, die stetigen Bemühungen zu unterschätzen, die nötig sind, um die friedliche Gemeinschaft zu erhalten.

2500 junge Menschen

Da diese Verantwortung auch oder vor allem in den Händen der „Generation Maastricht“ liegt, richtet sich das Programm rund um den 25. Jahrestag der Vertragsunterzeichnung vorwiegend an sie. Über 2500 junge Leute zwischen 18 und 25 werden am 7. Februar zum „YO!-Fest“ im Sphinxkwartier in Maastricht erwartet. „YO“ steht dabei für „Youth Opinion“ – die Meinung der Jugend. Das Fest wird vom European Youth Forum in Zusammenarbeit mit über 30 europäischen Jugendverbänden organisiert und findet bereits zum achten Mal statt – zum ersten Mal jedoch in Maastricht.

Zahlreiche Diskussionsforen, Treffen mit EU-Vertretern und Workshops, aber auch sportliche Aktivitäten und Konzerte sollen dazu einladen, sich unabhängig von sozialen und nationalen Hintergründen auszutauschen. „Wir denken, dass es wichtig ist, die harten politischen Themen mit einer Festival-Atmosphäre zu verbinden, um möglichst viele Jugendliche anzusprechen“, sagt Lincey Bastings. Sie leitet das gesamte „Europe calling“-Projekt vonseiten der Stadt.

Viele junge Leute seien heute eher unpolitisch oder hätten ihr Vertrauen in die Politik verloren. „Wir möchten junge Europäer deshalb dazu aufrufen, über ihre Zukunft in Europa zu diskutieren – auch kontrovers“, sagt Bastings. Wichtig sei ihnen deshalb bei der Planung gewesen, dass das Festival von der Jugend für die Jugend organisiert wird.

Die Workshops, zwischen denen die Jugendlichen wählen können, stellen sechs Schlagwörter ins Zentrum: Frieden, Gesundheit, Teilhabe, Inklusion, Nachhaltigkeit und Grundrechte. Diese Begriffe sollen Diskussionen entfachen, in denen die Teilnehmer ihre Vision von einer Zukunft Europas formulieren, und deren Ergebnisse sie später bei der Abschlussveranstaltung dem Plenum vorstellen.

Darüber hinaus finden den ganzen Tag politische Diskussionen zu verschiedenen Themen wie Diskriminierung, Abtreibung oder der wirtschaftlichen Zukunft Europas statt. Es werden Filme gezeigt, es gibt Rhetorik-Kurse und Gruppenspiele.

Während des ganzen Tages ist die „Human Library“ (Menschen-Bibliothek) geöffnet. Anstatt sich Bücher auszusuchen, leiht man sich dort Menschen aus und anstatt zu lesen, unterhält man sich. „Wir hoffen, dass dabei spannende und anregende Gespräche entstehen und viele Kontakte geknüpft werden“, sagt Lincey Bastings.

Die Sprecherin der Bürgermeisterin, Inge Dovermann, sieht in den Veranstaltungen rund um das Jubiläum auch viele Vorteile für die Stadt selbst. „Wir möchten damit die grenzübergreifende Zusammenarbeit weiter stärken, aber natürlich auch Maastricht als offene und internationale Stadt bewerben und die ganze Provinz Limburg in den Fokus rücken“, sagt sie. Deshalb soll „Europe calling“ auch viele weitere Veranstaltungen in den nächsten Jahren anstoßen, die im Zeichen eines lebendigen Europa stehen.

Probleme für Grenzpendler

Immer wieder heben Lincey Bastings, Inge Dovermann, Theo Bovens und Annemarie Penn-te Strake hervor, dass die enge Zusammenarbeit in der Euregio ein Paradebeispiel für ein funktionierendes Europa ist – aber auch für all das, was noch zu tun ist. „Die Einführung des Euro und die Abschaffung der Grenzzölle war für die Region eine große Erleichterung“, sagt Bovens. „Aber die unterschiedlichen Steuer-, Sozialversicherungs- und Gesundheitssysteme stellen Grenzpendler noch immer vor Probleme.“ Auch sei es in den 25 Jahren nicht gelungen, Europa für den einfachen Bürger verständlich zu machen.

Doch neben all dem, was man besser machen könne, sei doch das Wichtigste, sagt Bovens, dass sich der Blick auf die Nachbarn grundsätzlich gewandelt habe, alte Feindbilder verschwunden seien und eine Zusammenarbeit nicht nur ermöglicht, sondern gelebt werde. Etwa 30 Prozent der 123000 Einwohner Maastrichts haben keinen niederländischen Pass und die Universität zieht durch die meist in Englisch gehaltenen Vorlesungen Studenten aus der ganzen Welt an. Belgier und Deutsche nutzen die Stadt als Shopping-Paradies und die Museumslandschaft ist weit über die Region hinaus bekannt.

Ein Abrücken von all den Vorteilen, die der Maastrichter Vertrag den Ländern in Europa gebracht hat, würde Städte wie Maastricht zerstören, das müsse den Kritikern auch klar sein, sagt Bovens. Und schließlich sehe man an der „Generation Maastricht“, dass ihr Selbstverständnis über das einer einzigen Nation hinausgehe. „Meine Tochter ist Niederländerin, klar – aber auch Europäerin.“

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