Was Aachener Chefärzte im Dritten Reich machten

Von: Axel Borrenkott
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Martin Staemmler: Der NS-Rassehygieniker war von 1950 bis 1960 leitender Pathologe in Aachen.

Aachen. Zum vielleicht letzten Mal beschäftigt sich derzeit die deutsche Öffentlichkeit damit, dem übelsten Teil der deutschen Geschichte mithilfe von Strafverfahren beizukommen. Zwei Greise stehen vor Gericht, John Demjanjuk in München, Heinrich Boere in Aachen.

In Aachen waren auch einmal diejenigen tätig, deren Verstrickung gerade die wissenschaftliche Forschung aufarbeitet - auch reichlich spät: „Leitende Aachener Mediziner im Dritten Reich.”

Unter diesem Titel wird am Donnerstag der Medizinhistoriker Dominik Groß im Aachener Rathaus öffentlich berichten, welche Chefärzte während der NS-Zeit zum Beispiel an der NS-Euthanasie beteiligt, aber auch, welche Aachener Mediziner zu Unrecht in solchen Verdacht geraten waren.

Groß, Direktor des Instituts für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin, hatte das Projekt an der RWTH im vergangenen Jahr angestoßen. Nach gut einem Jahr Forschungsarbeit sind die Wissenschaftler seines Instituts sicher genug, eine ganze Reihe von Ergebnissen öffentlich machen zu können. Insgesamt hat man an die 30 Ärzte im Visier, deren Namen an verschiedenen Stellen in der bisherigen Literatur zur NS-Medizin aufgetaucht waren.

Eindeutig und vielfach belegt zählte zu den führenden NS-Rassehygienikern Professor Martin Staemmler (1890 - 1974), der sich spätestens 1933 für „die Sterilisierung Minderwertiger” stark machte und bis 1943 Rektor der Universität Breslau war, einer Nazi-Hochburg. Unbehelligt aber leitete er dann von 1950 bis 1960 das Institut für Pathologie der Aachener Städtischen Krankenanstalten, aus denen 1966 das Uniklinikum hervorging. Noch bis 1972 war Staemmler danach Chef-Pathologe bei Grünenthal.

Kontrastfiguren hingegen waren, wie Groß berichten wird, Eduard Borchers und Max Krabbel. Beide Ärzte waren 1934 - wie fünf weitere Ärzte an Aachener Krankenhäusern - ermächtigt worden, Zwangssterilisierungen vorzunehmen, und zumindest verdächtigt, dies auch getan zu haben. Bei Professor Borchers (1885 - 1977), seit 1929 Chefarzt der Chirurgie am Aachener Luisenhospital, soll das allerdings nur „in seltenen Fällen” der Fall gewesen sein, soweit das die Quellen hergeben.

Die Aachener Medizinhistoriker fanden aber Hinweise auf die aktive Gegnerschaft Borchers zur NSDAP. Seit 1940 sind Kontakte zur Widerstandsgruppe „Weiße Rose” und namentlich zu den Geschwistern Scholl belegt. 1944 wurde Borchers verhaftet und wegen „Sabotage” deportiert. 1946 entnazifiziert, leitete Eduard Borchers noch bis 1955 die Chirurgie des Aachener Luisenhospitals.

Dr. Max Krabbel (1885 - 1961) jedoch, Chefarzt der Chirurgie der Aachener Städtischen Krankenanstalten von 1932 bis 1944, war, so die Recherchen der Medizinhistoriker, das „Beispiel eines rassehygienischen Überzeugungstäters”. Nach dem Krieg verzichtete er auf eine Wiedereinstellung in Aachen, behielt jedoch seine Pensionsansprüche, und wurde bis zu seiner Pensionierung 1952 Leitender Arzt in einer Klinik in Bad Godesberg.

Geschichte eines NS-Euthanasieopfers

Der Vortrag mit anschließender Diskussion über „Leitende Aachener Mediziner im Dritten Reich” findet am Donnerstag, 10. Dezember, 19.30 Uhr, im Aachener Rathaus statt. Veranstalter ist RWTH extern („Uni im Rathaus”).

Ebenfalls öffentlich ist eine Veranstaltung zu „Euthanasie-Verbrechen” am Freitag, 11. Dezember, im Institut für Medizingeschichte, Wendlingweg 2 (Melaten, beim Uniklinikum), 18.30 Uhr.

Vorgestellt wird die Geschichte von Paul Brune, Überlebender der NS-Kindereuthanasie. Gezeigt und diskutiert wird ein WDR-Film über Brune, der auch anwesend ist.
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