Warum viele Sportarten um den Fußball kreisen

Von: Christoph Pauli
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Eishockey, Golf, Volleyball, Basketball, Billard, Reiten? In ARD und ZDF finden diese Sportarten nur am Rande statt. König Fußball dominiert das Programm. Doch nicht nur die Programmentscheider sind schuld an der Misere. Viele Sportverbände haben es verschlafen, ihre Marke weiterzuentwickeln. Montage: Horst Thomas

Aachen. An seine Zeit in Düren kann sich Christian Dünnes noch gut erinnern. Seine Volleyball-Mannschaft erreichte die Champions League – aber übertragen wollte niemand die spektakulären Spiele, auch der WDR winkte ab. So trug Evivo Düren selbst die Produktions- und Sendeplatzkosten – und baut nun die Schulden immer noch in einem Zehnjahres-Plan ab.

Inzwischen ist aus dem ehemaligen Nationalspieler der Sportdirektor beim Deutschen Volleyballverband geworden, an dem Dilemma hat sich nicht viel geändert: Volleyball bleibt ein Nischenprodukt. „Früher haben wir gesagt, dass sich mit dem sportlichen Erfolg auch die mediale Präsenz steigert“, sagt Dünnes. Die These sei längst widerlegt, die Nationalmannschaften klettern in der Weltrangliste nach oben, beim Beachvolleyball werden olympische Erfolge gefeiert. Die Siege finden im Verborgenen statt. Der dritte Platz der Männer bei der WM 2014 fand in keiner Minute bei ARD und ZDF statt.

Während in Polen, in Osteuropa, Brasilien oder Italien der Sport zuverlässig über die Mattscheibe flimmert, wird er in Deutschland kaum abgebildet. Bundesligaspiele werden bei Sportdeutschland.tv im Internet mit geringem Aufwand gezeigt. Das sei „besser als nichts“, sagt Dünnes, aber er ärgert sich dennoch über die Ignoranz in den gebührenfinanzierten Fernsehstuben. Die nächsten Europameisterschaften bis 2021 in Volleyball und Beachvolleyball werden beispielsweise lediglich von Sport 1, Sport1+ oder im Livestream des Senders zu sehen sein.

Die Gesellschaft verliere zudem ein wichtiges Instrument für die Integration von jungen Menschen, wenn der Stellenwert von Randsportarten medial weiter abnehme, findet Dünnes.

Mit seiner Klage ist Dünnes nicht alleine. Die Handball-WM 2017 fand nicht live statt, die Hockey-EM 2017 gibt es nur beim Spartensender Sport 1. Randsportarten heißen so, weil nur am Rande über sie berichtet wird. Bei Fußball sind die Öffentlich-Rechtlichen dagegen viel übertragungsfreudiger. „Fußball erdrückt alles“, ärgert sich Sven Ressel, Sportdirektor Deutscher Fechterbund. Die ARD zeigte in der letzten Saison mehr als 100 Spiele der dritten Liga in ihren regionalen Programmen, zuletzt feierte sie sich, als sie die Landespokalfinales und somit sieben Stunden Amateurfußball übertrug. Die Quoten stimmten.

Wolfgang Hillmann, Präsident Deutscher Hockeybund, monierte: „Die Öffentlich-Rechtlichen sollten, statt um teure Fußballrechte gegen Private mitzubieten, lieber viele der olympischen Randsportarten kontinuierlich präsentieren und so ihren Auftrag zur Grundversorgung und Programmvielfalt im Sport gerecht werden.“

Noch eine Stimme aus der Nische: „Alles was wir an Übertragungszeit bekommen, müssen wir uns redlich erkämpfen und verdienen, für unsere Sportarten werden derzeit keine strategischen Preise bezahlt. Dafür werden wir im Programm auch nicht strategisch behandelt“, sagt Gernot Tripcke, Geschäftsführer der Deutschen Eishockey-Liga (DEL).

Nur „20 bis 25 Prozent“ Fußball

Axel Balkausky kennt solche Vorbehalte. Der ARD-Sportkoordinator reicht andere Zahlen an. Der Fußball mache nur „20 bis 25 Prozent“ aller Sport-Übertragungen aus, der Wintersport rund 40 Prozent, bleiben 35 bis 40 Prozent Sendezeit für die übrigen Athleten. „Die Vielfalt ist da.“ Die Quote ist wichtig, aber nicht alleine seligmachend, sagt Balkausky. „Es ist nicht das allein zählende Argument, sonst hätten wir so einige unserer Übertragungen wohl nicht mehr im Programm.“

Was erwarten die Fernsehmacher im Gegenzug von den Verbänden, die sie gerne kritisieren? „Die Vergangenheit hat gezeigt, dass Verbände und TV-Sender gemeinsam eine Sportart im Fernsehen weiterentwickeln können. Über viele Jahre wurden so beispielsweise beim Biathlon Wettbewerbsformen gefunden, die besonders attraktiv sind. Nichtsdestotrotz muss ein Grundinteresse an einer Sportart vorhanden sein, damit sie im Fernsehen funktioniert.“

Beim Reitturnier in Aachen will man in das Klagelied vieler Verbände nicht einstimmen. Reiter sind bei ARD und ZDF nur selten unterwegs (siehe Kurzinterview mit Isabell Werth), aber der CHIO ist ein Hochglanzprodukt – ergo: eine Ausnahme. Vom Turnier werden mehr als 30 Stunden in ZDF/ARD und WDR übertragen, weltweit gibt es Bilder in 140 Ländern, auch in den großen Märkten China und USA.

Auch andere Sportarten haben Probleme, sagt der Turnierdirektor Frank Kemperman und verweist auf die drastisch eingeschränkte Berichterstattung über Golf, die vergangenen Jahre der Tour de France oder Tennis. Deren Boomjahre sind erst einmal vorbei. „Jede Sportart braucht Stars, aber nicht jeder Athlet ist dafür geeignet.“

Vielleicht sollte man aber auch nicht darauf warten, dass die Öffentlich-Rechtlichen ihre Sendezeiten ausdehnen. Tradition habe nur dann einen Wert, wenn man sie mit Innovationen weiterentwickelt, sagt der CHIO-Vermarkter Michael Mronz, „sonst verstaubt sie und wird wertlos“. In Aachen tüfteln sie gerne. „Unsere Partner merken, dass wir uns immer hinterfragen.“ Der Nationenpreis wurde auf den Abend verlegt, die Eröffnungsfeier ist inzwischen eine richtige Show geworden. „Die Einschaltquoten sind sehr positiv.“ Erstmals hat der ALRV den Vertrag nun mit dem WDR selbstständig ausgehandelt, bislang war das die Aufgabe der Deutschen Reiterlichen Vereinigung FN. Zudem gibt es neue Distributionswege. „Die sozialen Medien sind eine Chance, stärker noch den Konsumenten gezielt zu erreichen.“

Am Donnerstag werden einzelne Reiter den ganzen Tag über den Facebook-Kanal des ALRV begleitet, bis sie dann abends in den Sattel beim Nationenpreis steigen. Der Aachener Veranstalter sieht sich als „Vorreiter“ für solche Ideen, die mal Trends werden können. Die „Judging App“ (integriert in die CHIO-App), mit der Zuschauer im Dressur- und Voltigierstadion selbst werten können, ist längst Standard bei den großen Turnieren dieser Welt geworden. Diesmal können auch die TV-Zuschauer aus dem Wohnzimmer mit richten – zum Beispiel am Sonntag bei der Kür.

Mronz jedenfalls findet, dass die Öffentlich-Rechtlichen ihrem Anspruch durchaus nachkommen und zumindest in ihren Sportmagazinen einen guten Überblick geben. „Auf der anderen Seite müssen sie den Publikumsgeschmack abbilden, und Fußball ist eben hoch attraktiv.“ Aber auch er beobachtet, wie der tägliche Fußball andere Sportarten verzwergt. „Jede andere Sportart muss sich noch mehr anstrengen, um wahrgenommen zu werden.“

Mronz ist ein erfahrener Vermarkter, der auch Hockey-, Tennis-, Beachvolleyball-, Basketball- und Leichtathletik-Events begleitet. „Es ist schwieriger geworden, diese Sportarten im Fernsehen unterzubringen. Auf der anderen Seite gibt es nun Plattformen, mit denen sich Zielgruppen genau ansprechen lassen.“

Positivbeispiel Skispringen

Der 50-Jährige findet, dass nicht überall die Hausaufgaben gut gemacht werden: „Wenn Sportarten immer ehrlich zu ihrer Marke sind, haben sie eine Chance. Wenn sie aber eine Mogelpackung aufbauen und sich größer machen als sie sind, oder wenn ihnen eine klare Positionierung fehlt, dann bekommen sie Schwierigkeiten.“

Auch Balkausky vermisst „Flexibiliät von vielen Verbänden“. Sportarten wie Biathlon oder Skispringen seien dagegen sehr fortschrittlich. „Beim Skispringen wird die grafische Umsetzung immer zuschauerfreundlicher, und es werden Maßnahmen ergriffen, um den Wettbewerb so kurzweilig und planbar wie möglich zu gestalten.“ Positivbeispiele.

Balkausky fordert, dass Verbände ihre Interessen koordinieren. Im übernächsten Jahr ist im Verbund mit der Stadt Berlin ein Wochenende von Deutschen Meisterschaften in vielen Sommersportarten geplant. „Wir hoffen damit, auch Sportarten, die sonst nicht so populär sind, wie zum Beispiel Bogenschießen, und die deshalb alleinstehend nie übertragen werden würden, im Rahmen der Gesamt-Übertragung an unser Publikum heranzuführen.“

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