Aachen - „Warum hat jemand für die Stasi gearbeitet?“

„Warum hat jemand für die Stasi gearbeitet?“

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„Meine Biografie hilft mir, diese Funktion auszuüben“: Roland Jahn, Leiter der Berliner Stasi-Akten-Behörde, war selber Opfer des Staatssicherheitsdienstes und wurde aus der DDR ausgebürgert. Foto: dpa

Aachen. Mittwoch wird im Justizzentrum Aachen die Ausstellung „Feind ist, wer anders denkt“ über die Arbeit und die Methoden der berüchtigten Staatssicherheit der DDR eröffnet. Bernd Mathieu sprach mit dem Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik (so der offizielle Name der Behörde in Berlin), Roland Jahn.

Herr Jahn, Sie verwenden den Begriff „Unrechtsstaat DDR“ sehr bewusst. Andere haben mit dem Begriff Probleme, warum?

Jahn: Es ist wichtig, diesen Begriff Unrechtsstaat zu benutzen, weil wir deutlich machen, dass eine Partei, die SED, einen ganzen Staat vereinnahmt hat, um ihre Macht zu sichern und mit Menschenrechtsverletzungen durchzusetzen. Dazu hat sie die Instrumente des Staates – Justiz, Polizei, Grenztruppen, Militär, Staatssicherheit – ganz bewusst genutzt. Das müssen wir benennen, damit jeder herausgefordert ist, seine eigene Rolle in diesem Staat zu überdenken.

Das scheuen viele ehemalige DDR-Bürger.

Jahn: Ja, es ist zum Beispiel der Linkspartei gelungen, die Kritik am Staat so darzustellen, als würde man damit die Menschen mit ihrer Biografie in die Ecke stellen. Wir aber sollten das System klar und deutlich beschreiben und dabei gleichzeitig Respekt haben vor der Biografie einzelner Menschen. Ich wünsche mir aber auch ein Bekenntnis zur Biografie mit Fragen nach Verantwortung und den Folgen des eigenen Handelns.

Sie sind bespitzelt, inhaftiert und ausgebürgert worden. Wie gehen Sie mit Menschen um, bei denen Sie das Gefühl haben, dass sie sich nicht zu ihrer Biografie bekennen?

Jahn: Für mich ist ein Klima wichtig, in dem auch Versöhnung möglich ist. Dazu gehören in erster Linie jedoch die Aufklärung über das geschehene Unrecht und die Übernahme von Verantwortung für das Geschehen von Unrecht. Das passiert noch viel zu wenig. Das gilt für die Funktionäre der SED, die hauptamtlichen Mitarbeiter der Staatssicherheit, aber auch für Leute, die in verschiedenen staatlichen Ämtern funktionierten.

Neben diesen Funktionären in der SED gab es den „normalen“ Mitläufer, aber auch Juristen und Wissenschaftler, bei denen man ein stärkeres Aufbegehren hätte erwarten können.

Jahn: Wir haben insgesamt in den über 20 Jahren Aufarbeitung eine zu starke Fixierung auf die Spitzenfunktionäre und auf die Staatssicherheit gehabt. Der Alltag in der Diktatur ist noch gar nicht intensiv aufgearbeitet worden. Es ist angebracht, da nicht mit Schuldzuweisungen aufzutreten und Biografien nicht abzustempeln. Mir ist es wichtig, dass die Menschen bereit sind, über ihre Zwänge, in denen sie gelebt haben, zu erzählen. Das war oft ein Weg zwischen Anpassung und Widerspruch.

Was bedeutete das konkret im DDR-Alltag?

Jahn: Wenn Sie als Wissenschaftler in Widerspruch gingen, bestand die Gefahr, dass Ihre berufliche Karriere ein Ende hat. Welche Kompromisse geht man ein, um überhaupt studieren zu dürfen? Antworten auf diese Frage waren nicht leicht zu finden. Letztlich konnte das jeder nur für sich alleine beantworten; denn es gibt keinen allgemeinen Maßstab für das Verhalten in der Diktatur.

Es geht um Aufklärung, nicht um Abrechnung. Viele empfinden es aber doch eher als Abrechnung, zum Beispiel die Linke.

Jahn: Deshalb ist es wichtig, dass Aufarbeitung verantwortungsvoll und menschlich respektvoll geschieht. Menschen müssen die Gelegenheit haben zu erzählen, warum sie so gehandelt haben: Warum hat jemand zum Beispiel für die Stasi gearbeitet, wie ist er dazu gekommen, warum hat er sich als Inoffizieller Mitarbeiter eingelassen?

Ist die Linke immer noch die SED-Nachfolgepartei?

Jahn: Die Linke ist vom rechtlichen Konstrukt her in der Verantwortung der SED-Nachfolge. Damit müssen auch die Linken im Westen Deutschlands leben. Sie haben sich hier mit der SED eingelassen, sie besteht rein rechtlich weiter, nur unter anderem Namen. Auch die Linke in Westdeutschland muss sich doch fragen, in welchem Verhältnis man selber zu diesem Unrechtsstaat DDR gestanden hat. Hat man die DDR vielleicht damals mit der rosaroten Brille gesehen?

Die DDR war keine Stasi-, sondern eine SED-Diktatur. Kann es sein, dass da die historische Aufarbeitung noch unpräzise ist?

Jahn: Es gab bislang einen besonderen Blick auf die Rolle der Stasi, es ist deshalb umso wichtiger, alle Möglichkeiten zu nutzen, den Horizont zu erweitern. Es war eine SED-Diktatur und keine Stasi-Diktatur. Die Stasi war Schild und Schwert der Partei, wie sie es selber formuliert hat. Das gilt es immer wieder zu benennen.

Die Stasi wollte auch Sie, den Regimegegner, anwerben. War das die normale Vorgehensweise der Stasi, Gegner mit erpresserischen Methoden einzuspannen?

Jahn: Die Stasi hatte den Leitsatz von ihrem Chef Mielke „Genossen, wir müssen alles wissen“. Sie hat versucht, sich in alle oppositionellen Kreise einzuschleichen, gerade in der Szene, in die sie ihre hauptamtlichen Leute nicht schicken konnte, weil sie aufgefallen wären. Denken Sie an Kunst, Kultur, Musikszene: Die Stasi konnte sich schwer als Punker verkleiden. Sie versuchte deshalb, jemanden aus der Punkerszene zu bekommen, der Informationen für sie lieferte. Dabei hat sie sich nicht gescheut, sogar Jugendliche anzusprechen und Schwachpunkte in der Persönlichkeitsentwicklung genutzt. Manchmal hat man die Leute erpresst, manchmal hat auch Geld gewirkt, manchmal eine Anerkennung, die sie in ihrem Elternhaus nicht gehabt haben.

Welche Empfindungen hatten Sie, als Sie Ihre eigenen Akten sahen?

Jahn: Das ist ein Moment, in dem ich erschrocken war, selbst wenn ich Vieles ahnte. Was man schwarz auf weiß liest, bekommt eine andere Dimension. Für mich war das Ausmaß, wie die Stasi mich im Westen beobachtet hat, sehr bedeutsam. Ich habe nach meiner Ausbürgerung ab 1983 in West-Berlin gelebt. Stasi-Mitarbeiter waren in meiner Wohnung, sie haben Skizzen angefertigt und genau aufgezeichnet, welches Möbelstück wo steht. Sie haben meinen Hausflur observiert, sie haben den Briefkasten genau dokumentiert, und sie haben sogar den Schulweg meiner achtjährigen Tochter überwacht.

Sie sind im September 1982 verhaftet worden, als Sie an Ihrem Fahrrad eine Solidarnosc-Fahne hatten. Sie waren in einer Gruppe aktiv. Haben Sie in Ihren Akten Namen von Leuten aus dieser Gruppe gefunden, die damals für die Stasi arbeiteten?

Jahn: Ich habe in den Akten Leute gefunden, die persönliche Freunde von mir waren. Das hat mich sehr verletzt. Ich fühlte mich verraten und habe dann das Gespräch gesucht, um zu erfahren, warum es diesen Verrat gab.

Haben diese Gespräche für Sie etwas Positives gebracht?

Jahn: Verschieden. Es gab Leute, die offen mit mir gesprochen haben, die sich auseinandergesetzt haben, die mir auch versucht haben zu erklären, wie es dazu gekommen ist. So konnte ich auch vergeben. Aber es gibt auch Leute, die bis heute nicht bereit sind, mit mir darüber zu reden.

Welche Reaktionen gab es auf Ihr Buch „Die Angepassten“?

Jahn: Ich hatte am Wochenende Klassentreffen und fand es besonders schön, dass meine Leute, mit denen ich vor 43 Jahren in Jena Abitur gemacht habe, bestätigt haben, was ich in meinem Buch benannt habe: dass die Rahmenbedingungen in der Diktatur nicht einfach waren, dass es eine ständige innere Zerrissenheit zwischen Anpassung und Widerspruch gab und dass es nicht möglich ist, einen Maßstab für das richtige Verhalten festzulegen. Mit einem differenzierten Blick auf die Verhältnisse haben die Menschen die Chance, einen Weg der Selbsterkenntnis zu gehen.

Wie relevant ist das Thema für einen heute 18- oder 20-Jährigen, der in den neuen Bundesländern geboren und aufgewachsen ist? Gibt es einen Dialog zwischen den Generationen?

Jahn: Das kommt zunehmend in Gang. Die Möglichkeiten, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen, frei seine Meinung zu sagen, schätzen junge Leute sehr. Das merke ich in vielen Diskussionen mit Schülern oder Studierenden.

Es gibt ungefähr 111 Kilometer Stasi-Akten. Finden Sie bei der Auswertung noch Dinge, die Sie überraschen?

Jahn: Das sind nicht nur Akten, sondern menschliche Schicksale. Es ist erschreckend zu erleben, wie die Geheimpolizei in das Leben von Menschen eingriff und ihnen ein Stück Selbstbestimmung stahl. Das ist immer wieder schockierend, erst recht, wenn man die Menschen persönlich kennenlernt. Es hat aber auch eine positive Seite: Gerade durch die Akteneinsicht wird vielen Menschen geholfen, dieses Stück gestohlenen Lebens zurückzubekommen. Das gibt einem die Gewissheit, dass wir mit der Aufarbeitung der Akten auf einem guten Weg sind.

Wie intensiv ist zurzeit die Arbeit Ihrer Behörde, was ist Ihre aktuelle Aufgabe?

Jahn: Wichtig ist, dass die Akten zugänglich sind. Das Stasi-Unterlagen-Archiv ist ein modernes Archiv, in dem wir Akten digitalisieren, die Möglichkeit zur Recherche schaffen. Die Basis für Forschung und Bildung auf Grundlage dieser Akten muss bestmöglich organisiert sein. Darum geht es auch in der Arbeit einer Expertenkommission des Deutschen Bundestages, die Vorschläge erarbeiten soll, wie die Aufarbeitung mit Hilfe der Akten weiter organisiert wird. Eines ist vom Bundestag schon klar benannt: Die Akten sollen offen bleiben und Forschung und Bildung weiter gehen.

Die Ausstellung ist jetzt in Aachen und Teil Ihrer Aufklärungsarbeit. Sie wollen, so haben Sie es formuliert, damit die „Sinne schärfen“ und möglichen „Gefahren vorbeugen“.

Jahn: Die Wanderausstellung ist ein Beitrag mit Informationen über die Staatssicherheit, damit wir die Menschen befähigen, hier und heute genau hinzusehen. Wir zeigen, wie die Geheimpolizei in der DDR gearbeitet hat und wie sie Grundrechte verletzt hat. Das kann gerade heute wichtig sein, um die Arbeit von Geheimdiensten in der Demokratie besser zu betrachten. Wir wollen die Sinne schärfen, damit die Menschen spüren, wo Menschenrechte verletzt werden und wo es wichtig ist, ein Stoppzeichen zu setzen und sich vor Ungerechtigkeiten hier und heute zu schützen.

Welche Rolle spielt in diesem Zusammenhang die aktuelle Diskussion über den Bundesnachrichtendienst und die NSA?

Jahn: Die aktuellen Diskussionen zeigen, gerade mit dem Blick in die Vergangenheit, wie wichtig es ist, dass es eine umfassende demokratische Kontrolle der Geheimdienste gibt, die uns und unsere Freiheit zum Beispiel vor Terrorismus schützen sollen.

Haben Sie das Amt als Bundesbeauftragter aktiv angestrebt wegen Ihrer Biografie?

Jahn: Nein, ich bin gefragt worden, aber meine Biografie hilft mir, diese Funktion auszuüben. Ich stehe ja auch stellvertretend für viele politisch Inhaftierte und Verfolgte in der DDR. In dieser Hinsicht ist das natürlich ein Symbol. Damit wurde für die Aufarbeitung ein Signal gesetzt – mit dem Respekt vor allen, denen in der DDR Unrecht geschehen ist.

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