Warum 14 Tonnen Tabak in Rauch aufgehen

Von: Ulrich Simons
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Im freien Fall in den Müllbunker. 15 Meter tief geht es an diesen Rampen hinunter. Unten landete der Tabak im Hausmüll. Das war wichtig, weil man ihn nicht separat verheizen konnte. Denn Tabak brennt wie Zunder – die Öfen wären zu heiß geworden. Foto: Ulrich Simons

Eschweiler. Auf einem Autobahnparkplatz in der Region erregt im Frühjahr 2013 der Fahrer eines südeuropäischen Sattelzuges die Aufmerksamkeit einer Kontrollgruppe des Hauptzollamtes Aachen. Warum gerade er? „Der stand ein bisschen blöde“, sagt Zollinspektor Mark Gerner und grinst. Die Zöllner klopfen also mal an der Fahrertür. Stichprobe – Volltreffer.

Am Mittwoch wurde die Ladung in der Müllverbrennungsanlage in Weisweiler vernichtet.

Man hätte rund 14 Millionen „Selbstgedrehte“ daraus machen können. Mindestens. Dann wären allerdings auch 800.000 Euro an Steuern fällig geworden. Die wollte sich offensichtlich irgendjemand sparen, dem die Zöllner mit ihrer Aktion im vergangenen Jahr einen gewaltigen Strich durch die Rechnung machen.

„Rohtabak“ steht auf den Einfuhrdokumenten, die der Fahrer des Sattelzuges den Kontrolleuren präsentiert, erzählt Rudolf Esser, der damals die Kontrollgruppe leitete. Doch als seine Leute einen Blick in den Laderaum werfen, entdecken sie knapp 14 Tonnen Feinschnitt für die Zigarettenproduktion. Der kleine Unterschied: Rohtabak wäre steuerfrei gewesen, Feinschnitt ist das nicht. Der Zoll beschlagnahmt den Laster, fährt ihn zu einer Spedition in der Nähe und lässt den Tabak dort umladen.

Vier Container sind am Ende randvoll, insgesamt 110 Kartons mit jeweils 125 Kilo Feintabak. Dann kommt ein Schloss drauf, die Stahltüren werden versiegelt, und die Mühlen der Justiz setzen sich in Bewegung.

„Wir konnten den Tabak nicht sofort vernichten, weil es sich um ein Beweismittel handelte“, erklärte Mark Gerner, der die Hintermänner im Bereich der organisierten Kriminalität vermutet, Mittwochmorgen in Weisweiler. Wo sonst die Müllfahrzeuge der Region ihre stinkende Fracht in den gewaltigen Müllbunker kippen, herrscht gespannte Vorfreude. Immerhin hatte nach Angaben des Zolls die Ladung einen Verkaufswert von rund drei Millionen Euro.

Das ganze sei auch für ihn „ein sehr außergewöhnlicher Fall“, sagte MVA-Sprecher Michael Uhr. Zwar kämen öfters Polizei und Staatsanwaltschaft vorbei, meist mit abgeräumten Cannabis-Plantagen, aber 14 Tonnen Tabak sei ein ganz anderes Kaliber.

Auch, weil man den Tabak nicht einfach in die Verbrennung befördern könne. „Tabak brennt wie die Hölle“, sagt Michael Uhr. „Daher müssen wir ihn zuerst mit normalem Müll mischen.“ Sonst geht der Ofen kaputt? Nein, sagt Michael Uhr, aber es entsteht bei der Verbrennung zuviel Dampf, der Druck wird zu hoch, die Sicherheitsventile gehen auf, und der Dampf gelangt ungefiltert in die Umwelt. Muss ja nicht sein. Vor allem, weil das im wahrsten Sinne des Wortes rausgeschmissenes Geld ist. Denn im Regelbetrieb geht der Dampf über eine Rohrleitung ans Kraftwerk Weisweiler und wird dort in einer Turbine zur Stromerzeugung verwendet.

Was auf dem Hof noch gewaltig erscheint, verliert sich in den Weiten des Müllbunkers, wenn man den Blick aus der Krankanzel ins Geschehen richtet. Irgendwo da unten im Schummerlicht müssen auch die Tabak-Kartons liegen, aber wenn man nicht wüsste, über welche Rampe sie reingerutscht sind, würde man sie kaum finden.

Mehr als 1000 Tonnen Müll werden hier pro Tag der thermischen Verwertung zugeführt – da sind 14 Tonnen Tabak der sprichwörtliche Tropfen im Müll-Ozean.

Kranführer Arno Feucht lässt den Spinnengreifer, der bis zu sieben Tonnen heben kann, in den Bunker 15 Meter unter ihm eintauchen, hebt Müll und Tabak bis auf Augenhöhe, dirigiert dann den gewaltigen Greifer mit einem Joystick neben seinem Sitz nach links. Dort öffnet er die Krallen und lässt den Traum eines Kettenrauchers in einem der drei Betontrichter (jeder der drei Öfen hat eine solche Zuführung) verschwinden.

Draußen ist inzwischen der zweite Tabak-Container vorgefahren, irgendwann gegen Mittag ist auch die vierte und letzte Fuhre im Ofen. Es gab keine Alternative. Mark Gerner: „Wir wissen bis heute nicht, wo der Tabak herkam. So etwas würde kein seriöser Hersteller weiterverarbeiten. Da blieb nur die Vernichtung.“

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