Warnstreiks: Vor allem Pendler und Familien betroffen

Von: Ulrike Hofsähs, Sonja Essers und Dieter Schuhmachers
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Verdi, Warnstreik
In Nordrhein-Westfalen haben Warnstreiks der Beschäftigten im öffentlichen Dienst begonnen. In Aachen, Düsseldorf, Bochum, Duisburg, Münster und anderen Städten blieben nach Gewerkschaftsangaben Busse und Bahnen im Depot. Foto: Rolf Vennenbernd/dpa

Düsseldorf/Heinsberg/Aachen. Wildwest am Taxistand: Vor dem Hauptbahnhof in Düsseldorf sehnen 40 Reisende ein Taxi herbei. Eben standen Geschäftsleute, Angestellte und junge Leute noch in einer langen Schlange. Doch heranfahrende Wagen werden sofort von dem Pulk umlagert.

„Einmal Königsallee, bitte!“, ruft ein Geschäftsmann und steigt als erster ein. „Fährt einer zur Theodor-Heuss-Brücke?“, schreit immer wieder ein junger Mann. Busse und Bahnen fahren wegen des Streiks im öffentlichen Nahverkehr nicht. Aber alle müssen weiter – egal wie.

Das ganz große Chaos bleibt zwar zunächst aus, doch die Auswirkungen, die am Dienstag auch im Raum Heinsberg und am Mittwoch dann in der Region Aachen und Düren zu spüren sein werden, sind massiv. Wer am Mittwoch in die Schule oder zur Arbeit kommen möchte, kann nicht auf den Bus zählen. Die Fahrer der Aseag streiken und auch das Kundencenter bleibt zu. „Wir gehen davon aus, dass die meisten Busse am Mittwoch nicht fahren. Aus diesem Grund bitten wir unsere Fahrgäste, sich um Alternativen zu bemühen“, sagt Eva Wußing, Pressesprecherin der Aachener Aseag, auf Nachfrage unserer Zeitung. Mehr kann sie erstmal auch nicht sagen. Außer das: „Wir bedauern die Unannehmlichkeiten, die durch den Streik für unsere Fahrgäste entstehen.“

Wie diese aussehen, ist am Dienstag bereits in Düsseldorf zu beobachten. Rund 270.000 Reisende und Besucher werden dort täglich am Hauptbahnhof gezählt, es ist nach Köln der zweitgrößte in NRW. Am Dienstag war dort auf dem Weg in die Stadt oder zur Arbeit Endstation: keine Straßenbahn, keine U-Bahn und kein Bus. Sogar Studenten, die sonst kein Geld für sowas haben, nehmen ein Taxi. „Wir haben ein Pflichtpraktikum mit Anwesenheitspflicht“, erklärt Louis, ein 20-jähriger Biologiestudent. Eine halbe Stunde noch, dann müssen er und sein Mitstudent Brian im Labor sein.

Auf die streikenden Fahrer von Bus und Bahn sind die Pendler nicht gut zu sprechen. „Ich hab für sowas kein Verständnis“, zischt eine Angestellte und ihre Augen blitzen vor Zorn. Die Bilanz der Frau im schicken Kostüm: 20 Euro fürs Taxi, verspäteter Arbeitsstart und deshalb Nacharbeit – und daheim warten die Kinder.

Auch am Essener Hauptbahnhof sind die Schlangen am Taxistand lang – dabei sind es ausnahmsweise nicht die Taxen, die auf Fahrgäste warten. „Eigentlich ist man es nicht gewohnt, an einem Taxistand warten zu müssen“, sagt ein Geschäftsmann aus Hamburg, der vom Streik etwas überrascht wurde. Fleißig wird auch hier unter den Pendlern um Mitfahrgelegenheiten in die verschiedenen Stadtteile geworben, kaum ein Taxi verlässt den Parkplatz mit einem freien Sitz.

„Das Fahrtenaufkommen ist sehr hoch. Das lässt sich mit Feiertagen wie Silvester gut vergleichen“, sagt Michael Rosmanek, der Vorstandsvorsitzende von Taxi Essen. Für ihn ist das letztlich aber nichts Außergewöhnliches. Auch nicht für Taxifahrer Sayin Tugay: „Immerhin ist es auf den Straßen schön frei, weil keine Busse unterwegs sind.“ Von einem Verkehrschaos ist zumindest die Innenstadt weit entfernt.

Allein am Dienstag hatte die Gewerkschaft Verdi in NRW Beschäftigte in 51 Städten zum Streik aufgerufen. Unter anderem in Bielefeld, Münster, Düsseldorf, Mönchengladbach, Bochum, Essen und eben im Kreis Heinsberg wurde gestreikt, insgesamt haben sich laut Verdi rund 28.000 Beschäftigte beteiligt. Hunderttausende Pendler waren davon betroffen. Am Mittwoch sollen dann weitere Warnstreiks in mehr als 50 Städten folgen, unter anderem in der Städteregion Aachen, dem Kreis Düren, Köln, Bonn und Leverkusen.

Zwar waren bereits am Dienstag mehr Autos als sonst auf den Straßen unterwegs. Aber auch Bürgersteige und Radwege waren voller. Berufstätige und Schüler stiegen auf nicht bestreikte S- oder Regionalbahnen um, um halbwegs pünktlich zur Arbeit oder in die Schule zu kommen. Andere organisierten Fahrgemeinschaften oder nahmen in der S-Bahn das Rad mit. Einige gingen auch zu Fuß.

Im Kreis Heinsberg dürfte sich die Situation bereits wieder völlig beruhigt haben. Dort hatte der Streik nur am Dienstag stattgefunden. Und die Auswirkungen waren nicht wirklich dramatisch. Die West-Verkehr bot gemeinsam mit Vertragsunternehmen auf verschiedenen Linien einen Notfahrplan an. Der Verkehr rollte auf diesen Linien auch, wie berichtet wurde.

Dennoch sei es bei der einen oder anderen Fahrt zu Überlastungen oder Verspätungen gekommen. Und insgesamt sei etwa die Hälfte des West-Busverkehrs ausgefallen. Viele Fahrgäste hatten sich dank Vorab-Informationen aber auf die Situation eingestellt, viele äußerten Verständnis für den Streik, vereinzelt wurde aber auch Unmut laut.

Anders sieht es in Aachen und Düren aus, wo es am Mittwoch wohl mehr Ärger geben wird. Und auch die Millionenstadt Köln wird die Warnstreiks deutlich zu spüren bekommen. Die Kölner Verkehrs-Betriebe erklärten, dass ab 3 Uhr keine Stadtbahnfahrten mehr stattfinden könnten. Nur die von Subunternehmern geleisteten Busfahrten seien möglich. In Düsseldorf fiel der örtliche Nahverkehr weitgehend aus.

Auch Fluggäste in NRW bleiben nicht verschont. Zehntausende müssen sich am Mittwoch an den Flughäfen Düsseldorf und Köln/Bonn auf Verzögerungen und Ausfälle im Flugverkehr einstellen. Lufthansa und Air Berlin verwiesen darauf, dass der Flugverkehr nur eingeschränkt stattfinden werde. Doch die Fluglinien sind auf das bevorstehende Szenario bereits vorbereitet.

Doch nicht nur Pendler und Fluggäste sind in diesen Tagen vom Streik betroffen, sondern besonders auch Familien. Auch in Aachen und Düren bleiben am Mittwoch zahlreiche städtische Einrichtungen geschlossen. In manchen Kindergärten werden jedoch Notgruppen eingerichtet.

Und was ist mit den Schülern, die auf die öffentlichen Verkehrsmittel angewiesen sind? Für sie ist der Streik kein Grund, um einen Tag in den heimischen vier Wänden zu verbringen. Das machte das NRW-Schulministerium bereits vorab deutlich. Auch wenn Busse und Straßenbahnen am Mittwoch nicht fahren, ist der Nachwuchs dazu verpflichtet, die Schule zu besuchen.

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