Von Profi-Dieben und Amateur-Sprengern

Von: Claudia Schweda
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Der Unterschied ist erkennbar: Die Profi-Banden, die aus den Niederlanden anreisen, wissen genau, wie sie vorgehen müssen und erreichen mit minimalem Schaden, maximalen Erfolg – wie bei der Sprengung in Herzogenrath-Kohlscheid. Foto: Roeger
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„Hochkriminelle Dilettanten“ dagegen, wie das LKA die Nachahmer nennt, richten deutlich größere Schäden an, wie gestern in Übach-Palenberg zu beobachten. Foto: Roeger

Aachen. Mit den Geldautomatensprengern scheint es ein wenig zu sein wie mit der mythologischen Figur der Hydra – dem vielköpfigen schlangenähnlichen Ungeheuer, dem zwei Köpfe an der Stelle nachwachsen, an dem man ihm einen abgeschlagen hat.

Und der Kopf in der Mitte ist unsterblich. Denn Ende des Jahres hatte die wegen der nicht enden wollenden Serie von Geldautomatensprengungen beim Landeskriminalamt (LKA) eigens eingerichtete Sonderkommission „Heat“ einige Erfolge melden können.

Bei Festnahmen in Hamm, im Rhein-Sieg-Kreis, am Niederrhein, in Winsen in Niedersachsen und auch in den Niederlanden wurden mehrere Banden zerschlagen, die für 26 Taten verantwortlich gemacht werden. Doch die Serie will nicht enden.

Der neueste Kopf der Hydra zeigt sich aktuell in unserer Grenzregion. Fünf versuchte oder vollendete Geldautomatensprengungen wurden dort bereits in dem noch sehr jungen Jahr registriert. Die letzten beiden Dienstag und Mittwoch. Die Soko „Heat“ ist alarmiert: „Im Raum Aachen ist derzeit mindestens eine Gruppe aktiv, die aus den Niederlanden anreist“, sagt Dietmar Kneib, Leiter Ermittlungen Organisierte Kriminalität beim LKA.

Doch es ist halt nicht nur diese eine Bande. Die Analyse der fünf Taten und ihrer Folgen in der Städteregion zeigt im Kleinen das, was das LKA seit langem beobachtet: Im Groben gibt es zwei Arten von Tätern bei den Geldautomatensprengungen. Die einen sind die organisierten Banden, die aus den Niederlanden heraus agieren. Ihnen ordnet die Soko „Heat“ 35 bis 40 Fälle der 75 Geldautomatensprengungen in NRW seit März 2015 zu.

Doch vor allem seit Oktober sind die anderen verstärkt aufgetreten: die Nachahmer. Auf ihr Konto geht der Rest der Taten. Sie versuchen irgendwie, den Profitrick zu kopieren, scheitern dabei aber meist und verursachen maximalen Schaden an Gebäuden und Gegenständen. Die Frage, welche Tätergruppe bedrohlicher ist, ist schwer zu beantworten.

Bei den Banden sehen sich die Ermittler im LKA organisierter Kriminalität gegenüber. Deswegen versuchen sie, deren Struktur zu durchdringen. Wer spielt im Umfeld welche Rolle? Wer besorgt die Fahrzeuge? Wer das Material? Wer ist der Kopf? Am Ende geht es nicht darum, einzelne Täter festzunehmen. „Der wird ersetzt, und dann geht alles weiter wie vorher“, sagt Kneib. Nur, wenn die kompletten Täterstrukturen der Banden ermittelt und dann zerschlagen würden, könnten die Fallzahlen, die auf diese Banden zurückgehen, nachhaltig gesenkt werden.

Die Profi-Banden reisen mit gestohlenen, dunklen und leistungsstarken Mittelklasselimousinen von Audi an, meist dem RS 4. Sie haben im Vorfeld exakt analysiert, welche Automaten nicht ausreichend gesichert sind und wissen genau, wie sie das Sprenggas dosieren und einsetzen müssen, um an ihr Ziel zu kommen. Ein lauter Knall – und schon rauschen sie mit dem Wagen davon, der schneller als jeder Polizeiwagen ist.

In der Städteregion gehen im Januar auf das Konto einer solchen Bande wohl die Sprengung von Dienstag bei der Commerzbank in Herzogenrath-Kohlscheid (relativ wenig Gebäudeschäden, ein dunkler Audi mit niederländischen Kennzeichen wird von Zeugen gesehen) und vom 5. Januar in der VR Bank in Würselen (nachdem der Alarm ausgelöst wurde, muss die Polizei die Verfolgung wegen des schnelleren Audis der Täter abbrechen). Ob auch der Fall vom 20. Januar, bei dem in Herzogenrath Gas und Schläuche gefunden wurden, die auf eine Tatvorbereitung schließen lassen, der Bande zuzuordnen ist, lässt sich nur schwer sagen.

Die Nachahmer dagegen waren eindeutig bei den beiden Filialen der Deutschen Bank am Mittwoch in Übach-Palenberg und am 12. Januar in Aachen aktiv. In Übach löste die Explosion einen Brand aus, zudem flohen die Täter auf einem Roller und verloren auf ihrer Flucht eine Geldkassette und Geldscheine, in Aachen durchschlug eine fliegende Tresorwand eine Wand zum Ladenlokal nebenan. Typisch für diese Amateure, die Kneib „hochkriminelle Dilettanten“ nennt: „Sie wissen nicht, was sie tun und verwenden zu viel Gas“, sagt Kneib. Von ihnen gehe im Umfeld der Bankautomaten eine große Gefahr aus. Sie nähmen billigend in Kauf, dass Anwohner oder Passanten gefährdet werden.

Verwirrend an der Tat vom 12. Januar ist, dass auch dort ein gestohlener Audi RS 6 von Zeugen als Fluchtauto gesehen wird. Doch er hat ein Bonner Kennzeichen. Auch das passt zu den Nachahmern: Es sind Täter, die in ihrer eigenen, näheren Umgebung das schnelle Geld machen wollen – so wie bei denen, die in Kleve kurz vor Weihnachten festgenommen worden sind. Sie werden für 13 Sprengungen am Niederrhein verantwortlich gemacht, bei denen sie in keinem Fall Geld erbeuten konnten. Nun warten bis zu zehn Jahre Haft auf sie. „Kein Geld, aber eine hohe Strafe. Das lohnt sich nicht wirklich“, sagt Kneib. Und genau das will er den Nachahmern mit dieser schnellen Festnahme zeigen.

Auch bei der Bande aus den Niederlanden, die gerade in der Städteregion aktiv ist, hofft Kneib auf einen schnellen Erfolg. Kommende Woche wird die LKA-Soko zu den Kollegen in den Niederlanden fahren, um Erkenntnisse abzugleichen. „Wir haben über gesicherte DNA ganz konkrete Spuren.“

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