Maastricht - Von Maastricht aus in den Heiligen Krieg

Von Maastricht aus in den Heiligen Krieg

Von: Mirjam Moll
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Maastricht. Ihr Verschwinden wühlt die Niederlande auf. Luca (8 Jahre) und Schwester Aysha (7 Jahre) wurden aus dem limburgischen Maastricht entführt. Von ihrer eigenen Mutter. Die 32-jährige Frau war bereits im vergangenen Herbst nach Syrien gereist, wie nun erst bekannt wurde. Und ließ dafür zwei ihrer vier Kinder zurück.

Ob Luca und Aysha jemals wieder mit ihrem Vater Marc (Name geändert) vereint sein werden, ist im Moment ungewiss. Dabei hatte der Vater die Behörden frühzeitig gewarnt. Seit der Scheidung von Umm (Name geändert) teilt er sich das Sorgerecht mit der gebürtigen Tschetschenin. Nach einem anonymen Hinweis per SMS alarmierte Marc umgehend die Polizei. Doch Umm stritt gegenüber den Beamten alles ab: „Sie denken doch wohl nicht, dass ich meine Kinder in Gefahr bringen würde?“, entgegnete sie den Beamten.

Marc traute der Sache nicht, doch der Staatsanwaltschaft lagen zu wenige Beweise vor, um der Frau den Pass abzunehmen. Die Angst des Vaters wuchs. Denn die Hinweise auf eine geplante Abreise nach Syrien häuften sich – auch beim niederländischen Geheimdienst AIVD.

Wegen einer früheren Beziehung zu einem Tschetschenen, der inzwischen der Terrorgruppe Al-Shabaab in Somalia angehören soll, wurde Umm seit 2011 von dem Nachrichtendienst beobachtet. Damals änderte die früher keineswegs fromme Muslimin, die weder ein Kopftuch trug noch die Moschee besuchte, ihren Lebensstil. Die junge Frau begann, sich zu verschleiern, nahm ihre Kinder 2011 von der niederländischen Grundschule und schickte sie ohne Zustimmung des Vaters auf die El-Habib-Grundschule der limburgischen Hauptstadt Maastricht. Zeitgleich änderte sie ihre Facebookseite – wo sie sich ihre Äußerungen zunehmend um den Islam drehten. Zudem nahm sie Kontakt zu den „Muslimischen Schwestern“ auf.

Auch stand Umm in Kontakt mit Aischa – jener Teenagerin, die weltweit Aufsehen erregte, als sie nach einem halben Jahr in Syrien plötzlich wieder in den Niederlanden auftauchte, nachdem ihre Mutter sie dort gesucht und zurückgeholt hatte. Aischa besuchte mit Sultan die Schule – einem jungen Mann, der später bei einem Selbstmordanschlag in Bagdad 23 Menschen mit in den Tod riss. Umm, Aischa, Sultan und dessen Freund Azad kannten sich alle aus Maastricht – von der Schule, über soziale Netzwerke, über Bekannte. Sie alle sind inzwischen nach Syrien gegangen.

Am 29. Oktober verschwand Umm mit den beiden ältesten ihrer vier Kinder. Die anderen ließ sie bei ihrer Mutter in Maastricht zurück. Noch einmal tauchte sie wenig später auf Flughafenkameras von Charleroi in Belgien auf. Trotz des internationalen Haftbefehls wegen Kindesentführung gelang es der Frau – die Behörden vermuten mittels gefälschter oder gestohlener Papiere – nach Griechenland und von dort aus in die Türkei zu flüchten. In Istanbul dann verlor sich ihre Spur.

Ein Bild auf Facebook bestätigt die schlimmsten Befürchtungen des Vaters: Seine Ex-Frau hat seine Kinder nach Rakka verschleppt, in eine Hochburg der Terrormiliz Islamischer Staat. Später stellte sich heraus, dass die Aufnahme in Tell Abyad gemacht wurde – doch inzwischen könnte Umm überall sein.

Bis heute weiß Vater Marc nicht, wie es seinen Kindern geht. „Das zerreißt mir das Herz“, sagt der inzwischen wieder verheiratete Mann. Über seine Kinder spricht er mit seiner neuen Frau – aber nicht immer: Der Schmerz ist zu groß. Doch so sehr die Menschen in den Niederlanden mit dem Vater fühlen – dem Staat sind die Hände gebunden: „In Syrien können wir nichts tun“, fasst es der ermittelnde Staatsanwalt Bart den Hortigh zusammen. Denn mit dem vom Bürgerkrieg ins Chaos gestürzte Land, das zudem von der Terrormiliz IS angegriffen wird, gibt es kein Rechtshilfeabkommen. Wenn Umm nicht freiwillig das Land verlässt, hat die Limburger Staatsanwaltschaft keine Möglichkeit, die Kinder zurück in ihre Heimat zu holen.

Maastrichts Bürgermeister Onno Hoes kann jedoch kein Fehlverhalten und keine Versäumnisse bei den niederländischen Behörden ausmachen: Die Stadt, sagt er, habe alles getan, um die Entführung der Kinder zu verhindern: „Sie hat eben alle belogen“, verteidigte sich Bürgermeister Hoes.

Inzwischen ermittelt die Maastrichter Staatsanwaltschaft zudem in eine andere Richtung: Die Befürchtung der Behörde und der Politik lautet: Umm, Aischa, Sultan und Azad könnten weitere in der Stadt ermutigt haben, ihrem Beispiel zu folgen und nach Syrien in den Heiligen Krieg zu ziehen.

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