Von Aachen über Harvard nach Berlin: Ägyptologin Verena Leppe

Von: Hermann-Josef Delonge
Letzte Aktualisierung:
9601004.jpg
„Der Blick in die Vergangenheit hilft uns, die Hybris der Moderne zu entlarven“: Prof. Verena Lepper im Depot der Papyrussammlung des Ägyptischen Museums in Berlin. Foto: Hermann-Josef Delonge (2)/ Sandra Steiß (2)
9601065.jpg
Zeugnis einer versunkenen Welt: Dieser Papyrus mit aramäischer Schrift belegt eine jüdische Siedlung auf Elephantine. Foto: Hermann-Josef Delonge (2)/ Sandra Steiß (2)
9601051.jpg
In Blechkisten wie diesen kam der Rubensohn-Schatz zwischen 1906 und 1908 von der Nil-Insel Elephantine nach Berlin.

Region. Niesen wäre jetzt schlecht. Wie überhaupt jede Art von unkontrolliertem Luftzug. Deshalb gelangt man nur über eine Sicherheitsschleuse ins Depot der Papyrussammlung des Ägyptischen Museums in Berlin. Die Räume im Ende 2012 eingeweihten Neubau auf dem Gelände der ehemaligen Friedrich-Engels-Kaserne – in unmittelbarer Nachbarschaft zur Museumsinsel – sind punktgenau klimatisiert: 21 Grad Celsius, Luftfeuchtigkeit unter 50 Prozent. Auf den massiven Türen ein Warnhinweis: „Objektgefährdung durch Erschütterungen, deshalb die Türen bitte leise schließen. Es danken die Objekte.“

Die Objekte, das sind zum Teil winzig kleine Schnipsel aus Papyrus, beschrieben mit Hieroglyphen und anderen wunderbar geheimnisvollen Zeichen. So porös, so fragil wirken diese mehrere Tausend Jahre alten Preziosen, dass der Besucher sogar die Stimme senkt. Man ahnt, diese Schriftstücke sind von unschätzbarem Wert – wer will schon daran schuld sein, dass sie zu Staub zerbröseln?

Verena Lepper kennt diese Reaktion. Mit sicherem Griff holt sie gemeinsam mit der Mitarbeiterin Anne Schorneck Teile der Sammlung hervor, die in ausziehbaren Regalen oder breiten, flachen Schubladen hinter Glas liegen. Seit 2008 ist sie zuständig für diesen einzigartigen Schatz. Ihr exakter Titel lautet: Prof. Verena Lepper, Kuratorin für Ägyptische und Orientalische Papyri am Ägyptischen Museum und der Papyrussammlung der Staatlichen Museen zu Berlin.

Die Tochter des Mitte 2014 gestorbenen Aachener Stadtarchivdirektors Herbert Lepper bekleidet damit einen der wichtigsten Posten, den die Ägyptologie in Deutschland außerhalb des universitären Bereichs anzubieten hat.

Sie beherrscht 15 Sprachen

Papyrusforschung klingt nicht sonderlich sexy. Verena Lepper weiß das. Sie kennt die Vorurteile, mit denen Wissenschaftler, die in Deutschland in den sogenannten Orchideenfächern unterwegs sind, konfrontiert sind. Die 41-Jährige ist diesen Weg trotzdem unbeirrt gegangen. Heute erntet sie die Früchte – nicht nur mit dem Posten in Berlin, sondern auch mit einem hochdotierten Preis, der es ihr erlauben wird, ihre Forschungen entscheidend voranzutreiben: dem Starting Grant des Europäischen Forschungsrats ERC. 1,5 Millionen Euro stehen Lepper in den kommenden fünf Jahren für ihr Projekt „Localizing 4000 Years of Cultural History. Texts and Scripts from Elephantine Island in Egypt“ zur Verfügung.

Für Verena Lepper bedeutet dieser Preis vor allem wissenschaftliche Freiheit. Darauf hat sie immer viel Wert gelegt. In ihrem sympathisch unaufgeräumten Büro im Altbau des Archäologischen Zentrums der Staatlichen Museen führt die Rekonstruktion ihrer bemerkenswerten Wissenschaftskarriere schnurstracks zurück nach Aachen – genauer: zu einer ehemaligen Geschichtslehrerin am Mädchengymnasium St. Ursula. „Bei Emanuelle Delvaux de Fenffe habe ich gelernt, wie spannend Geschichte, wie spannend die Beschäftigung mit dem Altertum sein kann“, sagt Lepper.

In der neunten Klasse wechselte sie ans Kaiser-Karls-Gymnasium. Auch das hatte mit der Neugier auf Altes zu tun, die Delvaux de Fenffe geweckt hatte. Lepper wollte nicht nur Latein, sondern auch Altgriechisch und Hebräisch lernen. Das ging nur am KKG. Was dann folgte, war eine Hochschulausbildung im geographischen Zickzack-Kurs, die letztlich aber geradlinig einem Ziel folgte: der bestmöglichen Ausbildung. Sie studierte Ägyptologie, Semitistik und Christliche Orientalistik in Bonn, Köln und Tübingen – immer dort, wo sie etwas Neues lernen konnte. Stipendien und Förderpreise führten sie schließlich bis nach Oxford und Harvard.

15 Sprachen aus den verschiedensten Zeitaltern beherrscht sie heute, Resultat eines schier unstillbaren Wissendurstes: neben ägyptischen Sprachen wie Hieratisch, Demotisch und Koptisch auch semitische Sprachen wie Aramäisch, Arabisch oder Ugaritisch. Wobei sie „beherrschen“ sofort wieder relativiert. „Ich kann diese Sprachen lesen. Doch natürlich brauche ich Wörterbücher und Grammatiken, um alles zu verstehen.“

Lepper war immer herausragend gut – und davon überzeugt, das für sie Richtige zu tun. Natürlich hat auch sie sich während ihres Studiums immer wieder fragen lassen müssen, was sie denn anfangen wolle mit dem „alten Zeug“. Wem das denn alles nütze, wo der „Mehrwert“ sei. Auch heute noch hört sie diese Fragen. Lepper hat sich ein dickes Fell zugelegt – und kontert mit einem Selbstbewusstsein, das auf Kompetenz, Leidenschaft und „Mut zum Anderssein“ beruht.

Also etwa so: „Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass Vergangenheitsforschung einfach alles mit der Zukunft zu tun hat. Wir lernen aus der Vergangenheit für das Heute und Morgen. Ägypten und die Antike: Das war die Geburt der Weltkulturen. Da kommen wir her.“

Eine Argumentation, die ihre Kraft auch aus den Erfahrungen zieht, die Lepper an den Universitäten in Großbritannien und den USA gemacht hat. Dort haben Altertumsforscher einen ausgezeichneten Ruf. Wobei Lepper ausdrücklich betont: „Ich habe in Deutschland eine philologische Elite-Ausbildung genossen.“ Davon will sie „etwas zurückgeben“, wie sie sagt. Deshalb ist sie nach der Promotion auch nicht in den USA geblieben, sondern folgte einem Ruf an die Junge Akademie der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften.

Eine interdisziplinäre Forschungsplattform, für die sie im Beirat der Hochschulrektorenkonferenz für die „kleinen Fächer“ streiten und im Rahmen des Bologna-Prozesses bei der Gestaltung der Lehre mitwirken konnte.

Und dann kam die Anfrage, ob sie sich nicht für die Papyrus-Sammlung bewerben wolle. Lepper spricht von „Überraschung“ und „Glück“ – eine Bescheidenheit, die nicht falsch oder kokett ist, den eigenen Anteil aber vielleicht doch etwas zu klein macht. Sie gibt ihr Wissen weiter, das versteht sich von selbst: als Honorarprofessorin aktuell an der Humboldt-Universität.

Ein bisschen Aufmerksamkeit

Dass Zeitungen und Radiosender sie erst jetzt, da sie den hochdotierten Förderpreis erhalten hat, „entdeckt“ haben (eine große Sonntagszeitung hob sie vor kurzem sogar als „Vorbild für junge Frauen“ aufs Schild), weiß sie souverän einzuordnen – und freut sich doch aufrichtig über die Aufmerksamkeit, die ihr Fach endlich einmal genießt. Klappern gehört zum wissenschaftlichen Handwerk, das hat sie spätestens in den USA gelernt.

Doch irgendwann wird es dann auch wieder gut sein mit dem medialen Hype, und Verena Lepper wird sich wieder über ihren Papyrusschatz beugen und eintauchen in eine längst versunkene Welt. Das ist ihr Leben. „Der Blick in die Vergangenheit“, sagt sie, „hilft uns, die Hybris der Moderne zu entlarven.“

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert