Region - Vom Schwimmbad zum Kulturhaus: Das Sauvenière in Lüttich

Vom Schwimmbad zum Kulturhaus: Das Sauvenière in Lüttich

Von: Andrea Zuleger
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So sieht das Gebäude aus, wenn eine Ausstellung eröffnet wird. In dem Bereich zwischen kleinem und großem Becken ist noch ein Aufzug für die Barrierefreiheit eingebaut worden. Eine Treppe führt auch hinunter zur Brasserie und Bibliothek.
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Selbst Details wie die Badeleitern haben die Architekten erhalten.
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Erst mal abreißen: Zu Beginn der Renovierung musste die Decke rausgerissen werden.
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Wie ein Halbkreis: Das Gebäude von innen.
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Plantschen in den 60er Jahren. Damals lernte nahezu jeder Lütticher in diesem Bad schwimmen. Bis zum Jahr 2000 war das Sauvenière in der Stadt eine Institution. Foto: La Cité Miroir
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Freie Sicht in den Himmel: Das Glasdach musste komplett erneuert werden.

Region. Damals hat Jean-Michel Heuskin hier seine ersten Bahnen gezogen. An so manchem Mittwochnachmittag, dem Tag, an dem belgische Kinder mittags aus Kindergarten und Schule kommen, ist der damals Vierjährige mit seinem Großvater ins Sauvenière gegangen.

Badehose an und ab in die Fluten. In den lichten Deckenbögen aus Glas und Beton der Kristallmanufaktur Val Saint Lambert spiegelte sich das Blau des Wassers und warf glitzernde Muster nach oben. „Es war für mich immer ein Erlebnis“, weiß Jean-Michel Heuskin noch heute. Jeder Lütticher kennt die berühmteste Badeanstalt in der Stadt. Denn wie Jean-Michel Heuskin haben hier eigentlich alle schwimmen gelernt, jedenfalls alle, die heute über 30 Jahre alt sind.

Fast ein halbes Jahrhundert später kann Jean-Michel Heuskin wieder täglich – zumindest am Abend – die blauen Spiegelungen an der Decke bewundern, nur dass es heute elektronische Lichtreflexe sind und unten kein Wasser mehr fließt, sondern Ausstellungen, Konzerte, Theater und Diskussionen stattfinden. Denn aus der Badeanstalt ist seit dem Frühjahr 2014 die Cité Miroir, die Spiegelstadt von Lüttich geworden.

Mit Jean-Michel Heuskin als Direktor des Vereins Mnema, der gemeinsam mit den beiden anderen Vereinen die Idee zum Kulturhaus entwickelte und realisierte. „Die ursprüngliche Idee des Bades sollte dabei erhalten bleiben, denn das Sauvenière war nicht einfach eine Badeanstalt, sondern ein Ort der sportlichen und hygienischen Emanzipation“, erklärt Heuskin, „der einfache Arbeiter sollte hier die Möglichkeit bekommen, etwas für seine körperliche und geistige Fitness zu tun.“

Im Widerstand

Und diese Geschichte hat mit Georges Truffaut zu tun, einem Lütticher Beigeordneten in den 30er Jahren, der fast einmal Bürgermeister geworden wäre, der als Kommunist den Lütticher Widerstand gegen die Nazis organisierte und es kurz vor Kriegsbeginn noch schaffte, den Baubeginn anzukurbeln. Wie die Realisierung seines Traumes am Ende aussah, hat er nicht mehr miterlebt: Als er eigentlich Bürgermeister von Lüttich werden sollte, ging er in die belgische Armee, um an der Front gegen die Nazis zu kämpfen. 1942 starb er in Hereford in England nach einem Granatenangriff. Das war im April.

Zu jenem Zeitpunkt waren die lindgrünen Kacheln des Beckens im Sauvenière schon angebracht, die Duschen installiert: Im Mai wurde die Badeanstalt eröffnet. Und sie wurde genau so außergewöhnlich, wie Georges Truffaut es überlegt hatte: Nicht nur ein Schwimmbecken, sondern eine Art Wellnessoase und ein Fitnesscenter der 40er Jahre. So hatte das Sauvenière ein großes olympisches Becken und daneben noch ein kleineres, es gab Massageräume und Fitnessräume, einen Tanzsaal und einen Billardraum. Daneben gab es Badewannen und Duschen in den Nebenräumen, die man mieten konnte. Das war vor allem für die vielen Lütticher wichtig, die noch kein Bad in ihren Wohnungen hatten.

Damit die Einwohner der Stadt auch praktisch Zugang zur Badeanstalt hatten, wurde der Busbahnhof direkt ins Erdgeschoss des Hauses eingebaut. In die Etage darunter kam – zur Zeit der Planung war man in den 30ern – ein Luftschutzbunker. 400 Menschen konnten in ihm Platz finden. Das Ganze stand mitten in der Stadt, an der einen Seite begrenzt durch den Boulevard Sauvenière, auf der anderen Seite durch die Place Xavier Neujean.

Alles zusammen wurde eine gigantische Anlage, die der Lütticher Architekt Georges Dedoyard entwarf. Im modernistischen, bauhausähnlichen Stil und mit maritimen Rundungen, die an einen Ozeandampfer erinnern. Für die Zeit waren die „Bains et Thermes liègois“ eine Sensation.

Aber eine andere, als die Einwohner erwartet hatten. Lüttich war wie der Rest von Belgien von den Nazis besetzt. Die letzten Arbeiten an dem Bau, der nach Nazi-Meinung durchaus als entartet gelten konnte, wurden von den Deutschen umgesetzt. Und so wurde das Bad, das die Lütticher Bevölkerung emanzipieren sollte, ein Bad für die deutschen Besatzer. „Das große olympische Becken war nun den Deutschen vorbehalten. Die Lütticher mussten sich mit dem kleinen Nichtschwimmerbecken am Rand zufriedengeben“, erzählt Jean-Michel Heuskin.

Erst nach dem Ende des Krieges und nach dem Abzug der Deutschen wurde das Sauvenière nun endlich das, was sich Georges Truffaut überlegt hatte: Eine Institution für die einfachen Lütticher. Und die blieb es, bis das große Bad aus Sicherheitsgründen im Jahr 2000 geschlossen wurde und nur noch die Duschen und Wannen meist von sozial schwachen Familien oder Obdachlosen weiter genutzt wurden.

Heute steht Jean-Michel Heuskin dort, wo einst das Nichtschwimmerbecken war, im Anzug und schaut sich stolz um. 21 Millionen Euro aus europäischen Fonds, von der wallonischen Region, der Provinz und der Stadt Lüttich und dem Verein Mnema sind hier abgeschwommen. Trotzdem lässt sich das ehemalige Schwimmbad in dem heutigen Ausstellungsraum nicht verleugnen. Und das ist so gewollt: „Weil wir ein Verein sind, der in die Vergangenheit blickt, um die Zukunft zu gestalten. Wir wollten, dass die Geschichte dieses ungewöhnlichen Baus sichtbar bleibt“, sagt Jean-Michel Heuskin.

Sterile Atmosphäre

Der gekachelte Innenraum gibt dem Raum eine leicht sterile Atmosphäre, einige der lindgrünen Kacheln des Nichtschwimmerbereichs sind noch original, sogar die silbern glänzenden Leitern, die früher ins Wasser führten, sind erhalten geblieben. Sie umrahmen die große Ausstellungsfläche in der Mitte, dort, wo jeweils die Hauptexponate zu sehen sind. 2004 hat sich in Lüttich der Verein Mnema gegründet, mit dem einzigen Zweck, aus dem maroden Bad ein Kulturhaus zu machen. Zehn Jahre später ist aus dem Bad Sauvenière die Cité Miroir, die Spiegelstadt, geworden, mit einem Konzept, das gar nicht soweit von der damaligen Idee der Badeanstalt entfernt ist: nämlich die Bürger zu mündigen Bürgern zu machen. Damals über den Weg der körperlichen Ertüchtigung, heute eher darüber, Bürger zum Nachdenken anzuregen und Diskurse anzustoßen.

Alle Ausstellungen, die dort gezeigt werden, müssen in irgendeiner Weise die Bürgerrechte betreffen, zum Dialog der Kulturen beitragen, die Menschenrechte thematisieren oder Widerstand gegen rechtes Gedankengut ausdrücken.

Eine humanistische Idee

„Georges Truffaut hatte eine ähnliche zutiefst humanistische Idee: Heute wollen wir uns Gedanken über die Zukunft machen, kreative Ideen zulassen, wie unsere Welt mal aussehen soll. Truffauts Tochter hat das Haus übrigens zur Neueröffnung besucht. Sie war sehr ergriffen, dass die Philosophie ihres Vaters so in dem heutigen Bau weiterlebt“, sagt Heuskin. Derzeit läuft noch eine Ausstellung über das Leben der Marokkaner in Belgien.

Und natürlich gehöre auch der Blick auf das schwärzeste Stück europäischer Geschichte dazu: Im Herbst wird im La Sauvenière eine Ausstellung eröffnet mit 30 Originalen, die von den Nazis als entartet eingestuft worden waren. „Darunter sind einige Gauguins und Picassos“, sagt Heuskin, und er fügt hinzu: „Wir hätten im Zuge dieser Ausstellung auch gern mit der Stadt Aachen kooperiert, aber leider ist bis jetzt eine Zusammenarbeit nicht zustande gekommen. Vielleicht klappt es ja mal bei einem anderen Projekt.“

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