Region - Vom Handicap nicht ausgebremst: Ali Yildirim gründet Onlineportal

Vom Handicap nicht ausgebremst: Ali Yildirim gründet Onlineportal

Von: Lee Beck
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Durch eine Augenkrankheit hat der Aachener Ali Yildirim nur noch zwei Prozent Sehkraft. Um Menschen wie ihm die Mobilität zu erleichtern, gründet er gerade die Internetplattform Begleithilfe.de. Foto: Bayram Tarakci
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Mobil sein bedeutet Lebensqualität. Aber gerade Menschen mit Handicap benötigen oft Hilfen oder eine Begleitung, um mal etwas anderes als die eigenen vier Wände zu erleben... Foto: Stock
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Mobil sein bedeutet Lebensqualität. Aber gerade Menschen mit Handicap benötigen oft Hilfen oder eine Begleitung, um mal etwas anderes als die eigenen vier Wände zu erleben...
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Mobil sein bedeutet Lebensqualität. Aber gerade Menschen mit Handicap benötigen oft Hilfen oder eine Begleitung, um mal etwas anderes als die eigenen vier Wände zu erleben...

Region. Ali Yildirim weiß, was es heißt, hilflos zu sein. Aber er ist ein Gründer, ein Self-Starter, ein Macher. Einmal haben Menschen zu ihm gesagt, er könne ja noch nicht mal allein über die Straße gehen, wie will er da ein Unternehmen gründen? Andere sagten: „Nimm Hartz IV und arbeite im Call Center.“

Warum sollte jemand, der studiert und eine Karriere hinter sich hat, so einen Weg einschlagen, habe er sich dann gefragt. Er schüttelt mit dem Kopf. Nur weil er gehandicapt ist? Yildirim ist gesetzlich blind, seit Jahren lässt sein Augenlicht nach. Heute, mit 37-Jahren, beträgt seine Sehkraft nur noch zwei Prozent. Die Krankheit Retinopathia pigmentosa lässt seine Fotorezeptoren absterben, er sieht nur ein paar Schatten im engen Tunnelblick.

Wenn der Aachener sein Gegenüber mit seinem freundlichen und offenen Gesicht und strahlenden Augen anschaut, kann er die Person nicht erkennen. Ali Yildirim hat dieses Schicksal akzeptiert. Sein Geist ist wach, sein Ehrgeiz groß. Und weil er jetzt auf Hilfe angewiesen ist, aber sie nicht immer so leicht zu finden ist, hat Ali Yildirim das Start-Up Begleithilfe.de gegründet.

Über das Onlineportal sollen Menschen mit Behinderungen oder Beeinträchtigungen geeignete Begleitpersonen finden. Jetzt, sagt er, würde ihn sowieso niemand mehr anstellen. Stolz zeigt Yildirim auf einen gläsernen Award, der mitten auf seinem Küchentisch steht. Mit dem „Zahnräder Konferenz (ZRK) Social Entrepreneurship Award 2015“ wurde seine Idee im Mai ausgezeichnet.

Aber eigentlich war Yildirim schon immer sozial engagiert; in der Schule leitete er eine Nachhilfegruppe mit rund 60 Schülern, arbeitete bei einer Hilfsorganisation, beriet andere bei ihrer Unternehmensgründung. „Ich kann nicht stillstehen“, sagt er. Soziale Probleme hat er schon immer gern gelöst, am liebsten eigenständig. Er ist lieber selbst Herr über Entscheidungen, anstatt auf sie warten zu müssen.

Während seines BWL-Studiums an der RWTH begann er sich für Existenzgründung zu interessieren. Schon damals hatte er Probleme mit seinen Augen, wurde mit 27 Jahren wegen eines grauen Stars operiert. Nach dem Abschluss als Diplom-Kaufmann zog es ihn fort; er arbeitete in den Niederlanden, in Spanien und auf Jersey, einer britischen Insel im Ärmelkanal. Damals konnte er noch einigermaßen gut sehen.

Irgendwann hatte er genug vom Angestellten-Dasein. Als er 2009 zurück nach Aachen kam, gründete er mit einem Freund die Internetplattform Cobocards, auf der Menschen mit Hilfe von Karteikarten lernen können. Wenn er daran denkt, dass andere jetzt vielleicht einfacher lernen oder bessere Noten schreiben, lächelt er. „Es macht glücklich, anderen zu helfen“, sagt er schnell.

Frühjahr 2014: Yildirims Augen werden immer schlechter, der damals 36-Jährige will zur „Sightcity“-Messe nach Frankfurt, doch er findet keine Begleitung. Alleine zu fahren, ist für ihn unmöglich. Einfach eine Person zu fragen, ob sie ihn einen ganzen Tag lang nach Frankfurt begleiten könnte – mit diesem Gedanken fühlt er sich unwohl. Er kennt diese Situationen.

Wenn Yildirim aus seiner Parterrewohnung über die Schwelle, sich an der an der Wand entlangtastend, vorsichtig nach draußen auf die Straße tritt, geht er langsam zur nächsten Laterne. Von dort aus kann er die nächste graue Laterne am Straßenrand ganz dunkel erblicken. Mit seinem weißen Blindenstock tastet er sich voran. Das schafft er noch. Aber schon im Supermarkt kommt er nicht zurecht, sein Blindenstock hilft ihm nur bis zur Tür. Rezepte kann er nicht lesen, Preisschilder nicht sehen, und wenn auch die Verkäufer nicht aufzufinden sind, steht er hilflos zwischen den Regalen.

In solchen Momenten wäre eine Begleitperson hilfreich, denkt er immer öfter. Ali Yildirim beginnt zu recherchieren, findet aber nur lokale und zweckgebundene Angebote, bei denen Menschen wie er eine Begleitung finden. Bundesweit gibt es keine Lösung für sein Problem. Also, denkt sich der Geschäftsmann, muss er selbst eine Lösung finden und entschließt sich kurzerhand, eine eigene Begleithilfeorganisation zu gründen. „Viele vereinsamen, weil sie alleine nicht zu Hause rauskommen, vor allem Blinde und Senioren“, sagt er und blickt gegen das Licht, dass durch die Terrassentür in die kleine Küche fällt.

Mit Begleithilfe.de will Yildirim mehr Lebensqualität schaffen, Inklusion und Integration vorantreiben, Ehrenamt und Einsatz fördern. Denn das Unternehmen ist nicht nur für ältere Menschen oder Menschen mit Handicap gedacht, sondern auch etwa für Flüchtlinge, die kein Deutsch können und Hilfe beim Amt brauchen.

Für seine Idee wurde Yildirim im Herbst vergangenen Jahres von der Agentur „Social Impact“ mit einem mehrmonatigen Stipendium gefördert. Er bekam für mehrere Monate einen Arbeitsplatz in Köln, Beratung und Mentoren an die Seite gestellt. Er schrieb Konzepte und Businesspläne, entwickelte eine Strategie. Einmal warf er alles wieder um und begann von neuem. Jetzt ist er sich sicher. Begleithilfe.de wird auf dem Markt überleben.

Die Crowdfunding-Kampagne läuft (siehe Infobox) bereits. Bei dem Start-Up haben sich etwa hundert Menschen aus ganz Deutschland gemeldet. Sie alle wollen Begleitperson werden. Sie müssen dann ihren Ausweis und eventuell ein Führungszeugnis vorlegen. Jeder, sagt Ali Yildirim, der schon einmal seiner Oma oder seinem Opa geholfen hat, kann Begleitperson werden.

Je mehr Qualifikationen und Schulungen sie besitzen, umso höher werden sie in der Liste für die Suchenden aufgeführt. 8,50 Euro pro Stunde, also Mindestlohn, sollen sie erhalten. Die Menschen, die eine Begleitperson suchen, zahlen 13,50 Euro pro Stunde, entweder über das Internet oder auf Rechnung.

Alle Helfer werden vorher persönlich befragt. Mit einigen hat er sich bereits getroffen. Dann testet er sie: Sind sie zuverlässig, pünktlich, zuvorkommend? Zur Post ist er mit manchen gegangen, natürlich auch in den Supermarkt, und dieses Jahr hat er sogar jemanden gefunden, der ihn zur Messe nach Frankfurt begleitet. „Das war klasse“, sagt Yildirim. Doch nicht immer läuft es so rund.

Enttäuscht

Ein Helfer ist nicht zum Treffen erschienen, das hat Yildirim enttäuscht. Mehrmals im Jahr plant er Veranstaltungen, um den Begleitpersonen mit Übungen zu zeigen, wie es ist, wenn man nichts sieht, mit tauben Fingern ein Smartphone bedient oder mit schmerzenden Knien laufen muss.

Für seine Idee arbeitet er viel, jeden Tag zwölf Stunden. Dabei unterstützen ihn Hilfsmittel. Briefe scannt er ein und lässt sie vorlesen, benutzt Farberkennungsgeräte. Er nimmt sein Smartphone in die Hand, stellt es auf weiße Schrift und schwarzen Hintergrund. „Jetzt kann ich etwas sehen“, sagt er. Auch am Computer kann er noch einigermaßen gut arbeiten.

Ende des Jahres möchte Yildirim den Service von Begleithilfe.de bundesweit anbieten, in Aachen soll das Unternehmen schon früher starten. Später will er es vielleicht schaffen, auch die Krankenkassen einzubinden. Er hofft, nicht nur Personen zu vernetzen, sondern auch Informationen über andere Hilfsangebote zentral bündeln zu können.

Er hat viele Visionen, doch sein Schicksal zwingt ihn, im Jetzt zu leben. Wie es in ein paar Jahren ist, wenn er vielleicht gar nichts mehr sehen kann, daran mag er nicht denken: „Ich habe so viele Ideen, ich muss mich nur ein paar Tage hinsetzen, dann fällt mir etwas Neues ein.“

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