Vom Grenzland aus sechs Mal rund um den Globus

Von: Alexander Barth
Letzte Aktualisierung:
6467572.jpg
Das aktuelle Album heißt „Love“, und so sieht die Liebe live aus: Sänger Matthias geht dahin, wo es auch mal weh tut. Das Hardcore-Publikum liebt seinen Tanzstil ruppig, aber nicht unfair. Foto: Agniezka Hairesis

Aachen/Kelmis. Die Geschichte der Hardcore-Band Nasty ist eine, wie sie wohl nur der musikalische Untergrund schreiben kann. Ohne großes Budget einer Plattenfirma und mit einem ganz und gar nicht Mainstream-tauglichen Sound zelebrieren vier junge Männer, allesamt aus dem Dreiländereck, ihre ganz eigenen Version von der Musikkarriere. Nasty spielen Beatdown, eine besonders heftige Version der Hardcore-Musik, mit Versatzstücken aus dem Heavy Metal und vielen Tempowechseln.

Dabei tritt Sänger Matthias Tarnath (31) schon mal mit Batik-T-Shirt und Pudelmütze auf und karikiert so die Harter-Bursche-Attitüde so mancher Genre-Kollegen. Auch textlich haben Nasty augenscheinlich mehr zu bieten, als nur flüssiges Testosteron.

Nach der Gründung im Jahr 2005 hat die Band schnell den Sprung raus aus den Jugendzentren der Region geschafft, mittlerweile sind die Vier bereits mehr als nur um die halbe Welt getourt: Zuletzt lagen die USA, Russland oder Japan auf der Reiseroute, meistens sind Hunderte, immer wieder aber auch Tausende Zuschauer dabei.

Zum großen Hardcore-Glück braucht es dabei offenbar weniger finanzielle Mittel, als vielmehr ein weltweites Netzwerk von Gleichgesinnten, eine Riesenportion Herzblut und jede Menge Feuer im Hintern.

Sänger Matthias, geboren in Aachen und aufgewachsen im belgischen Kelmis, spricht im Interview über die Hardcore-Szene, den Begriff Heimat und seine Abneigung gegen Rassismus und Homophobie.

 

Matthias, wenn man Dich so anschaut - bist Du süchtig nach Tätowierungen?

Matthias Tarnath: Ich denke ja. Mit 19 Jahren habe ich mich das erste Mal tätowieren lassen und seitdem ist das irgendwie aus den Fugen geraten.

Wenn man sich Eure Bandgeschichte so anschaut, sieht man, dass ihr mittlerweile ziemlich herum kommt in der Welt. Wie funktioniert das?

Matthias: Oft sind es andere Bands oder Leute, die man durch die Hardcore-Szene kennt, die einem das Touren vor allem in nicht EU-Ländern ermöglichen. In Europa ist es meistens unsere Booking-Agentur, die in Absprache mit uns Konzerte und Konzertreisen organisiert.

Sicher träumt so ziemlich jede Band davon, mal in den USA oder Japan zu touren. Wie luxuriös ist denn so eine Tour?

Matthias: Luxuriös ist es fast nie. Selten schläft man schon mal in einem Hotel oder Hostel. Meistens bei Privatpersonen, was mal mehr oder weniger bequem ausfällt. Auf unseren letzten Touren haben wir auch des öfteren im Tourbus geschlafen.

Wofür steht Nasty – als Name, wie auch als Band? Gibt es eine Message?

Matthias: Den Namen kann man auf viele Dinge reflektieren. Wir leben in meinen Augen in einer korrupten, versauten und vom Geld geleiteten Gesellschaft. Böse, dreckig, schmutzig, da passt der Begriff Nasty auf vieles. Wir verarbeiten in unseren Texten eine Menge persönlicher Dinge und Sachen, die uns stören oder die wir gerne ändern würden. Generell ist Liebe unsere Nachricht.

Ernsthaft?

Matthias: Ja, klar.

Für Außenstehende sicher schwer zu glauben. Besucht man Eure Konzerte, fällt ziemlich schnell auf: es geht ziemlich handfest zur Sache, vor allem beim Publikum. Stichwort „Violent Dancing“, also heftiges Tanzen mit Einsatz aller Gliedmaßen. Was passiert da vor der Bühne? Und warum muss das so sein?

Matthias: Für Außenstehende mag das wie eine große Schlägerei wirken. Im Endeffekt lassen die Tanzenden ihren Frust ab und bewegen sich halt brutal, aber selten rücksichtslos. Das muss nicht so sein, jeder ist eingeladen, zu tanzen, wie er möchte. Auf unseren Konzerten soll jeder machen, wie er sich wohl fühlt.

Von außen betrachtet ist Hardcore allein ein Musikstil. Was bedeutet Hardcore für Dich?

Matthias: Da ist noch sehr viel mehr. Ich sehe das genau andersrum. Es geht weniger um die Musik, sondern um das, was wir damit verbinden. Ein positives und konstruktives Ventil für jegliche Art von Emotionen. Es geht um weltweite Freundschaft, Zusammenhalt und darum, sich nicht um die Regeln und Etikette der, ich nenne es mal Mainstreamwelt, zu kümmern. Sein Glück zu finden, abseits von Geld und Status.

Wann ging es mit Nasty los? Seit wann besteht die jetzige Formation?

Matthias: Wir haben im Jahr 2005 das erste Mal geprobt. Seitdem gab es diverse Besetzungswechsel bei Gitarre und Bass. Die jetzige Formation steht seit etwa acht Monaten. Nash, unser Drummer, und ich sind sozusagen die Konstante und von Anfang an dabei. Auch wenn ich vorne stehe, ist Nasty definitiv nicht mein Kind. Im Endeffekt sind wir immer zu viert, die wir unterwegs sind, und jeder von uns arbeitet hart in der Band.

Beschreib mal den Charakter Deiner Band – was seid ihr für Typen?

Matthias: Wir sind alle Top-Typen! (lacht). Den Charakter kann ich schlecht beschreiben, das muss jeder selber beurteilen. Es steckt weit mehr dahinter, als das was auf der Bühne passiert, wie ich bereits erwähnt habe. Leider sehen viele Leute das aber nicht und urteilen anhand von Äußerlichkeiten, Auftreten und so weiter.

Wenn man etwas in die Tiefe geht und Euer Auftreten mit anderen Bands aus dem Genre vergleicht, drängt sich der Eindruck auf, dass da mehr hinter steckt, als stumpfes Macho-Gehabe und Boxereien im Zuschauerraum. Auch politisch wird Stellung bezogen.

Matthias: Ich sehe das so, wenn du ein Idiot bist, dann bist du ein Idiot. Egal, wo du herkommst oder wie du aussiehst. Du kannst dir nicht aussuchen, wo und wie du geboren oder aufgezogen wirst. Daher ist der ganze Hass auf Fremde oder auf Minderheiten oder auch Homophobie einfach schwachsinnig und überflüssig. Ich sage: Tu einfach niemandem etwas, was du selber nicht möchtest, dass es dir widerfährt. Ich denke, es ist wichtig, miteinander anstatt gegeneinander zu leben.

Was bedeutet Heimat für Dich? Wie siehst Du das Leben im Dreiländereck?

Matthias: Ich denke, Heimat ist da, wo du dich wohl und zu Hause fühlst. Meinen Lebensmittelpunkt habe ich absolut in Aachen und Umgebung. Ich fühle mich hier wohl, aber auch dann, wenn wir unterwegs sind. Langeweile kenne ich nicht. Es ist immer das, was man selber draus macht.

Wie fühlt sich das an: Am Anfang fährt man ein paar Kilometer bis zum Auftritt im Jugendheim, irgendwann fliegt man über große Teiche? Etwas besonderes, oder mittlerweile eine logische, routinierte Entwicklung?

Matthias: Das fühlt sich wirklich sehr gut an. Man gewöhnt sich tatsächlich etwas ans Fliegen, an das Unterwegssein. Aber ich kann mit voller Überzeugung sagen, jede Reise zu jedem Konzert ist nach wie vor etwas Besonderes. Mittlerweile sind wir hier und da auch mal in einem Nightliner unterwegs, das bedeutet, wir haben eine Art Reisebus mit Schlafkabinen. Das ist meistens so, wenn mehrere Bands eine Tournee zusammen fahren. In der Regel sind wir aber in einem Van oder Kleinbus unterwegs. Wir haben in den letzten drei Jahren kilometermäßig etwa sechs Mal mit dem Van die Welt umrundet. Fahrten unter acht Stunden kommen einem mittlerweile vor wie ein Tagesausflug in die Eifel.

Noch mal zur Musik und zu deinem Gesang. Dieses ziemlich aggressive „Shouting“ dürfte auch anstrengend sein. Bei Heavy-Metal-Sängern ist wissenschaftlich erwiesen, dass sie teilweise sehr gut trainierte Stimmen haben. Würdest Du dich dazu zählen?

Matthias: Nein, ich trainiere das nicht. Ich brülle oder schreie es einfach raus. Bis meine Stimmbänder reißen.

Die Interaktion mit dem Publikum, das Mitsingen der Texte gehört offenbar dazu. Ein bewusstes Anti-Rockstar- Verhalten?

Matthias: Rockstar-Verhalten sollte es generell nicht geben. Man ist nicht besser oder besonders, weil man gerade ein Mikro in der Hand hält oder ein Instrument spielt.

Wie wäre es mit einer kleinen Bilanz: Wie lange wirst du noch das tun, was Du gerade tust?

Matthias: Ich hoffe, noch lange. Im Alter von 15 Jahren bin ich auf mein erstes Hardcore-Konzert gegangen und seitdem immer mehr hinein gewachsen. Ich finde es ansonsten wichtig, sich nicht nur in einer Szene zu bewegen. Man sollte immer offen für neues sein, allerdings nicht vergessen, wo man herkommt.

Gerade in den letzten zwei Jahren wart ihr ständig unterwegs. Wie schaltest Du ab, wenn Du in Aachen bist?

Matthias: Ich mache viel Sport, ansonsten entspanne ich gerne bei einem Film oder gutem Essen.

Siehst Du Unterschiede auf den Konzerten, wenn Du an andere Länder denkst, in denen ihr spielt?

Matthias: Was mir immer wieder auffällt: Gerade in, ich sag mal, ärmeren oder sozial schwächeren Ländern sind die Leute oft sehr dankbar und rasten total aus, wenn wir dort spielen.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert