Vom Flüchtling zum Helfer: Eigene Geschichte treibt Rupert Neudeck an

Von: Christina Handschuhmacher
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„Flüchtlinge brauchen Sicherheit. Sie müssen wissen, dass sie dort, wo sie jetzt ihren Kopf hinlegen und schlafen, nicht gleich wieder hinausgeschmissen werden“, sagt der Friedensaktivist Rupert Neudeck. Foto: dpa, stock/simon (2)
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Brachte Rettung für tausende vietnamesische Flüchtlinge: der Frachter „Cap Anamur“. Foto: dpa, stock/simon (2)
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Glücklich: vietnamesische Flüchtlinge bei ihrer Ankunft in Hamburg. Foto: dpa, stock/simon (2)

Region. Der Schnee liegt meterhoch in den Straßen und das Thermometer zeigt minus 20 Grad an, als der fünfjährige Rupert mit seiner Mutter, seinen drei Brüdern und seiner Schwester sein Zuhause in Danzig-Langfuhr verlässt. Die Rote Armee rückt Tag für Tag näher.

Nur mit dem Nötigsten macht sich die Familie – der Vater ist längst als Soldat eingezogen worden – am 31. Januar 1945 zu Fuß auf den Weg. Ihr erstes Ziel: die Stadt Gdingen, die damals den nazideutschen Namen Gotenhafen trägt. Ein Onkel hat für die Neudecks Karten für das Flüchtlingsschiff „Wilhelm Gustloff“ besorgt, das an diesem Mittag über die Ostsee Richtung Westen aufbrechen wird. Die Rettung über das Meer ist der einzige noch mögliche Fluchtweg. Die Tausenden, die sich an diesem 31. Januar auf die „Wilhelm Gustloff“ drängen, glauben, sich gerettet zu haben.

Rupert Neudeck und seine Familie sind nicht darunter. Sie kommen eine Stunde zu spät. Eine Stunde, die an diesem Januartag über Tod oder Leben entscheidet. Denn die „Gustloff“ wird nur wenige Stunden später vor der Küste Pommerns von drei Torpedos eines sowjetischen U-Boots getroffen und sinkt. Mehr als 9000 Menschen sterben; sie ertrinken oder erfrieren in der eiskalten Ostsee. Es ist bis heute das Schiffsunglück, bei dem die meisten Toten zu beklagen sind.

Nach wie vor sind da immer wieder diese Momente der Flucht, die sich förmlich in das Gedächtnis von Rupert Neudeck eingebrannt haben. Auch 70 Jahre danach kann er sich „noch an fast alles aus diesen zwölf Monaten erinnern“. Da ist der desertierte Soldat, der an einer Pappel baumelt, ein Schild mit der Aufschrift „Ich bin ein Verräterschwein“ um den Hals. Da ist die aus dem Hafen auslaufende „Wilhelm Gustloff“. Da ist die Mutter, die auf dem mühevollen, monatelangen Weg Richtung Westen schon von den Menschenmassen in einen der Züge gedrängt wird, während Neudeck und seine Geschwister noch draußen stehen. Und da ist die Angst, in eben diesem Moment, in dieser „höllischen Situation“, die Mutter, den letzten sicheren Anker, den Fixpunkt zu verlieren.

Neudeck, seine Geschwister und seine Mutter haben es geschafft. Sie sind schließlich gemeinsam in der westfälischen Stadt Hagen angekommen, wo „man Millionen von uns unter den Bedingungen einer total zerstörten Wirtschaft und Gesellschaft aufgenommen hat. Nicht mit Willkommenskultur und Hurra-Rufen, aber man hat uns untergebracht.“ Vier Jahre lang lebt die siebenköpfige Familie – der Vater kommt einige Zeit nach Kriegsende dazu – im Rahmen der Wohnungszwangsbewirtschaftung in eineinhalb Zimmern in einem Haus in Schwerte an der Ruhr.

Die Lehren für Neudeck aus dieser Zeit: „Ich möchte, dass wir uns heute daran erinnern und nicht immer gleich, wenn die ersten Zehntausend gekommen sind, wie aus der Pistole geschossen der Ruf kommt: ‚Das Boot ist voll, wir können keinen mehr aufnehmen‘“, sagt er. Für die Flüchtlinge sei, das weiß er aus seiner eigenen Erfahrung, nicht die materielle Versorgung entscheidend, vielmehr bräuchten sie in ihrem traumatisierten Zustand irgendeine Sicherheit. „Sie müssen wissen, dass sie dort, wo sie jetzt ihren Kopf hinlegen und schlafen, nicht gleich wieder hinausgeschmissen werden.“

Als Neudeck 1978 im Fernsehen sieht, wie verzweifelte Vietnamesen sich auf der Flucht vor ihrem Regime in seeuntüchtigen Booten auf das Südchinesische Meer hinauswagen, ist ihm sofort klar, dass er etwas tun muss. „Ich wusste nicht wie, ich hatte gar keine Ahnung, aber ich habe es dann gelernt und wunderbare Verbündete gefunden“, sagt Neudeck rückblickend. Mit seiner Frau Christel und Freunden wie dem Schriftsteller Heinrich Böll gründet er das private Hilfskomitee „Ein Schiff für Vietnam“.

Im Sommer 1979 gehen mehr als 1,2 Millionen D-Mark an Spendengeldern bei der Initiative ein. Neudeck und seine Mitstreiter chartern mit dem Geld den Frachter „Cap Anamur“ und lassen ihn umbauen. Eine mehrjährige Rettungsaktion beginnt, an deren Ende die „Cap Anamur“ mehr als 11.000 der sogenannten „Boat People“ aus dem Südchinesischen Meer rettet und rund 35.000 von ihnen an Bord medizinisch versorgt. Dass die Bevölkerung damals so hinter der Aktion stand und durch ihre Spenden die Arbeit von „Cap Anamur“ erst möglich machte, ist für Neudeck „einer der größten Glücksmomente in meinem Leben“.

Erst viel später wird ihm bewusst, dass die Auslöser für sein Handeln in seiner Kindheit zu finden sind. Das Evangelium, insbesondere das Gleichnis vom barmherzigen Samariter, spielte in der Familie Neudeck eine große Rolle. Und zeitgleich war da die eigene Fluchterfahrung. „Dass ich mit meiner Familie fast auf die ‚Wilhelm Gustloff‘ gegangen wäre, hat mich geprägt.“ Die Bilder der Bootsflüchtlinge sind wie ein Déjà-vu; das Ertrinken im Meer ist seither der schlimmste Tod, den Neudeck sich vorstellen kann.

Doch was empfindet der 76-Jährige heute, wenn er die täglichen Meldungen von ertrunkenen Flüchtlingen im Mittelmeer liest? Fühlt er sich an die Zeit Ende der 1970er Jahre erinnert? Neudeck zögert keine Sekunde mit der Antwort: „Ja.“ Europa habe schließlich schon vor Jahrhunderten beschlossen, dass Menschen nicht auf See ertrinken dürften. Dieses uralte Gesetz des humanitären Völkerrechts werde nun aber ausgesetzt. Neudeck wird wütend, wenn er über dieses Thema spricht. Er kritisiert die Grenzschutzagentur „Frontex“, mit der „sein Europa“ versuche, die Flüchtlinge von seinen Außengrenzen fernzuhalten.

„Niemand hat damit gerechnet, dass man junge Menschen, die alles in Kauf nehmen, um unseren Kontinent zu erreichen, nicht allein mit Polizei abwehren kann.“ Er lobt die italienische Marine, die aufgrund eines Beschlusses des italienischen Parlaments zu einem Rettungseinsatz ausgerückt ist, und innerhalb eines halben Jahres 120.000 Menschen im Mittelmeer gerettet hat. Und er kritisiert Europa, das seit 1990 wusste, „dass die Situation in den afrikanischen Ländern so prekär wird, dass viele Hunderttausende junger Menschen sich aus ihren Ländern aus Verzweiflung darüber, dass sie dort keine Perspektive haben, auf den Weg machen Richtung Europa.“

Doch was ist jetzt zu tun? Hinsichtlich der Flüchtlinge, die vom afrikanischen Kontinent nach Europa fliehen, plädiert der „Cap Anamur“-Gründer für eine Kontaktaufnahme zur Afrikanischen Union, um für die Menschen vor Ort Perspektiven zu schaffen. Zeitgleich fordert er legale Einreisewege in die EU. „Wenn man die Flucht der Menschen staatlich organisieren würde, dann wären die Schlepper und Schleuser arbeitslos.“

Trotz aller Krisenherde, trotz des Ausmaßes der aktuellen Flüchtlingskrise: Wenn er auf Deutschland im Frühherbst 2015 schaut, ist Neudeck irgendwie versöhnt. „Die Bundesrepublik zeichnet sich dadurch aus, dass sie im europäischen Maßstab immer das Meiste tut, wenn es um Flüchtlinge geht“, sagt er. Damit habe Deutschland ganz Europa überrascht und darauf könne es stolz sein. „Und deshalb“, so sagt Neudeck, „lebe ich auch so gerne hier.“

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