Düren/Leyte - Volker Stenz bleibt da, wo alles in Trümmern liegt

Volker Stenz bleibt da, wo alles in Trümmern liegt

Von: Nina Leßenich
Letzte Aktualisierung:
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Schneise der Zerstörung: Als Taifun „Haiyan“ am 8. November 2013 auf die Insel Leyte trifft, zerstört er alles, was ihm im Weg steht. Alleine in Volker Stenz‘ Heimatdorf (Foto) sterben 50 Menschen. Foto: Volker Stenz
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Können wieder lachen: Volker Stenz, seine Frau Belinda und Sohn Julien überlebten 2013 den Taifun „Haiyan“ – und blieben auf den Philippinen. Inzwischen ist die kleine Familie zu viert.
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Dankbar für die Hilfe aus Deutschland: Die Kinder aus Albuera haben alle wieder ein Dach über dem Kopf.
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Eine Schneise der Zerstörung: Als Taifun Haiyan am 8. November 2013 auf die philippinische Insel Leyte trifft, zerstört er alles, was sich ihm in den Weg stellt. Alleine in Volker Stenz‘ Heimatdorf Albuera (Foto) sterben 50 Menschen. Insgesamt müssen über 6000 Menschen ihr Leben lassen. Foto: Volker Stenz

Düren/Leyte. Volker Stenz sitzt mit seinem Sohn und seiner Frau in der Mitte des Wohnzimmers auf dem Boden und betet. Um sie herum zerbersten Fenster und Türen, beulen sich aus wie Bäuche, ehe sie explodieren und in Tausend kleine Splitter zerspringen.

Rund um das Haus blitzt und funkt es mit ohrenbetäubendem Lärm, Strommasten knicken um wie Streichhölzer, stürzen in benachbarte Häuser. Es ist der Morgen des 8. November 2013 und über seinem Haus wütet Taifun „Haiyan“ mit einer Geschwindigkeit von knapp 300 km/h, nimmt alles mit, was ihm im Weg steht, wirbelt Blechdächer durch die Luft, als wären sie aus Pappe.

„Die Wolken waren schwarz und hingen so tief, dass man das Gefühl hatte, man könnte sie einatmen“, erinnert sich der gebürtige Dürener, der gerade auf Heimatbesuch in Deutschland ist.

Das erste Mal reist Volker sieben Jahre zuvor auf die Philippinen, im Jahr 2006, ein Bekannter hat ihn mitgenommen. „Mein Kumpel hatte eine Frau auf den Philippinen und wollte mich unbedingt in seine neue Familie einheiraten“, erinnert sich Volker. Er lacht bei der Vorstellung. „Das war mir viel zu blöd.“ Doch der Inselstaat im westlichen Pazifischen Ozean hat es dem Dürener angetan.

Ein Jahr später kehrt er zurück nach Leyte – auf die 7368 Quadratkilometer große Insel, die zu der zentral gelegenen Visayas-Gruppe gehört – und lernt Belinda kennen. Zufällig, am Strand, unter Palmen – eine Geschichte wie aus einem Film. „Das war Schicksal“, sagt Volker.

Schicksal ist es wohl auch, dass er, Belinda und Julien noch leben. Als Taifun „Haiyan“ 2013 über den Philippinen tobt, sind es ausgerechnet die Inseln der Visayas-Gruppe, die es am schlimmsten trifft. Nach Windwerten ist „Haiyan“ der zweitstärkste tropische Wirbelsturm im nordwestlichen Pazifischen Ozean seit dem Beginn verlässlicher Wetteraufzeichnungen. Der Taifun fordert über 8000 Opfer, Millionen Menschen verlieren ihr Zuhause, ihren Arbeitsplatz, ihren Job.

Seinen Job hat Volker Stenz bereits 2009 verloren. Die Firma, in der er arbeitet, muss Stellen abbauen. Er ist in der Folge arbeitslos, hat in Deutschland keinerlei Verpflichtungen mehr. „Also habe ich meinen Koffer gepackt und bin zu Belinda ausgewandert“, erzählt er. Im gleichen Jahr heiraten sie. Gemeinsam bauen sie ein Haus, ein „richtiges, nach deutscher Bauart“. „Das war unser Glück“, sagt Volker heute.

In genau diesem Haus verharrt seine Familie am 8. November 2013 stundenlang, während das Dorf um sie herum vom Taifun niedergemäht und ein Haus nach dem anderen weggefegt wird. Dann, nach einem fünfstündigen Alptraum, plötzlich Stille. An seinen ersten Gedanken kann Volker sich noch genau erinnern: „Hurra. Wir leben.“

Die Familie hat Glück im Unglück: Das Dach ihres Hauses hält dem Taifun stand, alle drei bleiben unverletzt. Doch so viel Glück haben längst nicht alle. „Wir wussten, dass der Taifun kommt“, sagt Volker. Im Schnitt gebe es auf den Philippinen jährlich 20 Taifune. „Allerdings trifft es den Norden der Philippinen in der Regel am stärksten“, sagt er. „Taifun ‚Haiyan‘ war ein Querschläger. Niemand hier hat Leyte verlassen, weil es so etwas auf Leyte bisher nie gegeben hat. Niemand hier hat gedacht, dass es so schlimm wird.“

Doch es kommt so schlimm. Allein in dem kleinen Ortsteil der Stadt Albuera, in dem Volker lebt, tötet „Haiyan“ 50 Menschen, zerstört nahezu alle Häuser, vernichtet Straßen und Felder. „Die Situation kurz nach dem Taifun war irrwitzig“, erinnert sich Volker. Er lässt den Blick kurz in die Ferne schweifen, redet ruhig, wenn er vom Morgen des Taifuns erzählt. „Nach dem Taifun herrschte bei uns gespenstische Ruhe. Niemand hat geschrien, es gab keine Panik. Der Taifun ist weg und wie aus dem Nichts scheint plötzlich wieder die Sonne.“

Eine Stunde später beginnt der Wiederaufbau. „Die Menschen auf Leyte haben die Situation mit absolutem Gleichmut hingenommen“, sagt er. „Niemand hat gemeckert, keiner geschimpft.“ Dennoch: „Die Normalität kam erst mit dem Strom zurück“, erzählt Volker. Und den gibt es erst vier Monate nach dem Taifun wieder.

Die Zeit bis dahin ist schwer. Geblieben ist Volker Stenz trotzdem – obwohl es andere Optionen gegeben hätte, leichtere. „Die meisten Auswanderer sind nach dem Taifun abgehauen“, erzählt er. Haben sich der Verantwortung entzogen, sind in ihre sichereren Heimatländer zurückgekehrt. „Ich habe auch mit dem Gedanken gespielt, die Insel zu verlassen“, gibt er zu. „Aber ich konnte und wollte mein Haus nicht zurücklassen.“

Also bleibt der gebürtige Dürener. Und baut über Monate hinweg Stück für Stück wieder auf, was der Taifun innerhalb weniger Stunden zerstört hat. „Auf Leyte war es nach dem Taifun so wie in Deutschland nach dem Krieg“, sagt er. Es sei ein Geben und Nehmen gewesen, durch die Not bedingt, alle rückten enger zusammen.

„Am schwierigsten war es, an Bargeld zu kommen“, erinnert sich Volker. Drei Wochen lang bleiben alle Banken geschlossen, als sie wieder öffnen, ist der Andrang auf die Filialen unkontrollierbar. „Das war wohl das einzige Mal in meinem Leben, dass ich acht Stunden in der prallen Sonne warten musste, um umgerechnet 100 Euro von der Bank abholen zu dürfen“, sagt er. Heute, rückblickend, kann er darüber sogar lachen.

Inzwischen ist das Meiste auf Leyte wieder aufgebaut, auch dank großzügiger Hilfe aus Deutschland. Freunde von Volker haben in Düren eine private Hilfsaktion organisiert, spenden noch heute regelmäßig Geld für den Wiederaufbau und die Versorgung der traumatisierten Kinder.

Die meisten Häuser in seinem Dorf stehen dank dieser Unterstützung wieder, die Bauart massiver diesmal, auch die Schule ist wieder geöffnet. Schritt für Schritt zieht wieder Normalität ein – jeden Tag ein bisschen mehr.

Die Angst lebe aber trotzdem mit, sagt Volker. „Es gibt eine Internetseite, die die aktuellen Wetterentwicklungen zusammenfasst“, erzählt er. Fast täglich überprüfe er sie, um zu sehen, ob sich ein neuer Taifun in der Stärke von „Haiyan“ anbahnen könnte.

So auch an einem Morgen im Dezember 2014, als Taifun „Hagupit“ Kurs auf die Philippinen nimmt. Gewarnt von den Ereignissen des Vorjahres reagieren viele Einheimische mit mehr Voraussicht. „Als ‚Hagupit‘ kam, haben wir uns in Sicherheit gebracht“, sagt Volker. „Als Familienmensch will man dann doch jedes Risiko meiden, dem man rechtzeitig aus dem Weg gehen kann.“

Trotz des Risikos, dass sich jederzeit ein neuer Taifun auf den Weg nach Leyte machen könnte, ist Volker Stenz froh, auf den Philippinen zu leben. „Trotz allem, was passiert ist, sind die Menschen hier sehr viel glücklicher als die in Deutschland“, meint er. „Hier lebt man nicht eingepfercht in dieses Korsett aus Verpflichtungen.“

Seine alte Heimat vermisse er nicht – zumindest meistens. Einmal im Jahr kommt er zurück nach Deutschland, besucht Freunde und Familie. „Als passionierter Nuss- und Pilzsammler fehlt mir auch der Herbst. Auf den Philippinen gibt es ja keine klassischen Jahreszeiten“, sagt er und lacht.

Seine neuen Jahreszeiten, das seien jetzt eben Sonnen- und Regenzeit. Und auch wenn ihm manchmal sogar zu warm sei, habe er sich inzwischen an das Leben auf den Philippinen gewöhnt. „Ich fühle mich hier nicht als Ausländer“, sagt Volker, der auch die Sprache der Einheimischen, Tagalog, inzwischen beherrscht. „Ich bin hier ein Teil einer Gemeinschaft.“ Einer Gemeinschaft, die trotz aller Katastrophen weiter wächst: Im Mai wurde Volkers zweiter Sohn geboren.

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