Vogelsang: Der Großbaustelle geht das Geld aus

Von: Marlon Gego
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Seit 2012 wird auf Vogelsang gebaut, jetzt geht der Vogelsang-GmbH das Geld aus. Das Land wird nicht mehr einspringen, die Vogelsang-GmbH muss einen Kredit aufnehmen. Foto: Stephan Everling

Schleiden. Wann die Dinge auf Vogelsang aus dem Ruder gelaufen sind, lässt sich heute nicht mehr rekonstruieren, in jedem Fall ist mittlerweile das eingetreten, was manche noch vor einem Jahr als schlimmsten anzunehmenden Fall bezeichnet haben, als Desaster. Dem 42 Millionen Euro teuren Bauprojekt im Nationalpark Eifel geht das Geld aus, bevor die wichtigsten Bauarbeiten abgeschlossen sind.

Begannen die Probleme schon während der Planung des teuren Ausbaus? Begannen sie, als die ersten Planänderungen nach dem Baubeginn 2012 kleingeredet wurden? Als die Kosten immer weiter stiegen? „Schwer zu sagen“, findet Günter Rosenke, „aber ich habe Zweifel, ob wir als Gesellschafter immer rechtzeitig und umfassend informiert worden sind“. Rosenke (64, parteilos) ist Landrat des Kreises Euskirchen und damit Chef des Hauptgesellschafters von Vogelsang, der früheren NS-Ordensburg mitten im Nationalpark.

Projekte gestrichen

Nachdem das belgische Militär Vogelsang 2004 als Truppenübungsplatz aufgegeben hatte, entschieden Kommunal-, Landes- und Bundespolitik, aus der Burg eine NS-Gedenkstätte zu machen. Seit 2012 entstehen dort für 42 Millionen Euro unter anderem ein Besucher- und ein NS-Dokumentationszentrum, ein Panoramarestaurant und ein Tagungszentrum.

Von diesen 42 Millionen Euro, die sämtlich aus Fördermitteln des Landes Nordrhein-Westfalen und der EU stammen, waren 35 Millionen für die Bauarbeiten vorgesehen, das restliche Geld soll in die inhaltliche Gestaltung des Dokumentations- und Bildungszentrums fließen. Für das Bauprojekt ist die Vogelsang-GmbH verantwortlich, deren Gesellschafter unter anderem die Kreise Euskirchen, Düren, Heinsberg und die Städteregion Aachen sind.

Erst im Oktober 2014, sagt Rosenke, sei er erstmals darüber informiert worden, dass die 35 Millionen Euro nicht reichen werden, obwohl es sich schon lange vorher abgezeichnet hatte. Still und leise habe der Geschäftsführer der Vogelsang-GmbH, Albert Moritz, einige der fest eingeplanten Um- und Ausbauten im Wert von drei Millionen Euro gestrichen, um Geld zu sparen, was Moritz gegenüber unserer Zeitung schon im April 2014 zugegeben hatte. Doch das Geld reichte trotzdem nicht.

Im Oktober 2014 informierten Moritz und der Aufsichtsratsvorsitzende der Vogelsang-GmbH, Manfred Poth (CDU), die Gesellschafter darüber, dass sich im Bauetat eine Finanzlücke von drei Millionen Euro aufgetan hat, wie ein Kassensturz überraschenderweise ergeben habe. „Indiskutabel“ nannte dies Dürens Landrat Wolfgang Spelthahn (CDU) damals.

Freitag, 15.41 Uhr

Doch die Gesellschafter einigten sich mit Manfred Poth und Geschäftsführer Moritz trotzdem darauf, das zuständige NRW-Wirtschaftsministerium um weitere 2,7 Millionen Euro für Vogelsang zu bitten. Die restlichen 300.000 Euro wollten die sieben Gesellschafter selbst aufbringen.

Vergangenen Freitag nun erhielt Rosenke um 15.41 Uhr ein Fax aus dem NRW-Wirtschaftsministerium, in dem es hieß: „Die Förderung der Mehrkosten kann (...) nicht befürwortet werden.“ Kein Geld mehr für Vogelsang.

Vogelsang-Geschäftsführer Moritz sagt, die GmbH werde nun einen Kredit aufnehmen, der dann mit bis zu 100.000 Euro pro Jahr zurückgezahlt werden soll. Das Problem ist: Niemand weiß, wie hoch der Kredit eigentlich sein muss.

Vergangenen Oktober fehlten drei Millionen Euro, mittlerweile sind es schon 3,4 Millionen. Menschen, die sich auf Vogelsang auskennen, gehen davon aus, dass das Defizit am Ende vier Millionen Euro betragen wird. Und dieselben Menschen glauben zu wissen, dass der erst Ende April von Moritz bekanntgegebene, zum sechsten Mal verschobene Termin für den Abschluss der Bauarbeiten, der 31. August, jetzt schon nicht mehr zu halten ist. „Können wir den Informationen noch vertrauen, die aus Vogelsang kommen?“, fragt Rosenke und spricht davon, dass einige der Verantwortlichen mit dem Großprojekt „möglicherweise überfordert“ seien.

Ein böses Gerücht

Vogelsang-Geschäftsführer Albert Moritz will das nicht auf sich sitzen lassen, er sagt, Bauprojekte wie das auf Vogelsang enthielten viele Unwägbarkeiten. Ihm sei klar gewesen, dass die veranschlagten Baukosten nicht ausreichen würden, er habe mit einer Baukostenreserve in Höhe von etwa sieben Millionen Euro gerechnet; doch für solche Reserven darf laut Gesetz kein Fördergeld zur Verfügung gestellt werden.

Rosenke hat Moritz‘ Argument oft gehört, aber er hat auch etwas anderes gehört: Der erste Förderantrag für Vogelsang sei 2012 noch abgelehnt worden, weil er die von Moritz erwähnte Baukostenreserve enthalten habe. Beim zweiten Förderantrag sei die Baukostenreserve gestrichen und dafür einfach alle anderen Posten des Förderantrags erhöht worden. Dieser Antrag sei genehmigt, die von Moritz gewünschte Baukostenreserve auf diese Weise gewissermaßen durch die Hintertür ausgezahlt worden.

„Ich kann im Moment noch nicht belegen, dass es wirklich so war“, sagt Rosenke, „aber ich werde diesem Gerücht nachgehen.“

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