Vivienne Westwood: Britische Stil-Ikone zu Besuch in Gladbach

Von: Madeleine Gullert
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„Gegen die korrupten Banken, für eine grüne Wirtschaft“: Das ist nur eins von Vivien Westwoods Anliegen. Die britische Mode-Ikone kämpft seit Jahren für die Umwelt. Foto: Stock/Daniel Leal Olivas, M.Gullert
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Sie sorgten für volle Hörsäle in Mönchengladbach: Vivienne Westwood (Mitte), ihr Mann Andreas Kronthaler und Moderatorin Dunja Hayali.

Mönchengladbach. Modezeitschriften liest Vivienne Westwood nicht. Dafür hat sie keine Zeit, sie muss schließlich die Welt retten. „Diese grinsenden Gesichter in den Magazinen kann ich nicht mehr sehen“, sagt die 74-jährige Stil-Ikone. Sie spricht nicht gern über sich oder über Mode. Ihre Themen sind Umwelt, Kultur und Politik.

Das war auch am Dienstag bei ihrem Besuch in Mönchengladbach so.

„Sie kommt, sie kommt“, ging ein Raunen durch den Audimax der Fachhochschule Niederrhein. 800 Textilstudenten wollten die britische Designerin sehen. Als die zierliche Frau – ihr Diättipp: nur noch Gemüse essen – den Hörsaal durch einen Nebeneingang betrat: tosender Applaus, Jubel. Und dann dozierte Frau Westwood. Gegen den Kapitalismus, für eine grüne Wirtschaft, gegen das Freihandelsabkommen TTIP. „In einer besseren Welt gäbe es mehr Lehrer, weniger Banker, und Fußballspieler bekämen auch weniger Gehalt gezahlt.“

Durch und durch Lehrerin

Vermutlich hätten die Studenten gern mehr über die Modewelt erfahren, doch im Herzen bleibt Westwood ihrem ersten Beruf treu. „An der Art, wie ich rede, merkt man, dass ich immer noch Lehrerin bin. Ich will den Menschen sagen, wie sie sich verhalten sollen“, sagte Westwood selbstironisch. An Kunst war sie schon früh interessiert, arbeitete aber von 1961 bis 1971 als Grundschullehrerin. Energisch sprach sie über korrupte Banker und gestikulierte, vielleicht um ihrem Anliegen Nachdruck zu verleihen. „Unsere Wirtschaft zerstört die Umwelt, das zerstört den Planeten und die Menschheit“, sagte Westwood am Nachmittag vor den Studenten und am Abend bei einer Veranstaltung des Initiativkreises Mönchengladbach.

Das zu verhindern, treibt sie an, und das lässt sie noch immer neugierig sein. „Stella McCartney hat mir erklärt, wo ich biologische Baumwolle für meine Mode bekomme, das muss man erst einmal wissen“, sagte Westwood. Und sie redet nicht nur, sie tut auch etwas. Wer nach Fotos der Britin in Bilddatenbanken sucht, findet genauso viele Bilder von der demonstrierenden Westwood wie Bilder von Modenschauen. Gegen Fracking, für das Ausüben des Wahlrechts, gegen Islamfeindlichkeit, für den Tierschutz mit Peta. Die Organisation brachte Westwood dazu, seit 2007 kein Tierfell mehr in ihren Kollektionen zu verarbeiten.

Weil sie die Welt verstehen möchte, geht sie den Dingen auf den Grund. Schon immer. Und so trennte sie anfangs Kleidungsstücke auf und nähte sie originalgetreu wieder zusammen. So konnte sie den Schnitt herausfinden. Es sei nicht verwerflich, etwas zu kopieren, sagte sie in Mönchengladbach. Nur indem man andere Künstler imitiere, könne man lernen. Verwerflich sei es nur, wenn man nichts Eigenes einbringe. Als sie von 1993 bis 2005 als Professorin an der Akademie der Künste in Berlin lehrte, schickte sie ihre Studenten in die Gemäldegalerie. Sie sollten ein Bild aussuchen, das sie retten würden, ginge der Feueralarm los. Sechs Monaten später sollten sie dies noch einmal tun. „Sie würden ein anderes wählen, weil sie sich entwickelt hätten“, sagte Westwood. Ganz Lehrerin eben.

Leider vergäßen die Menschen im Allgemeinen aber die Kultur. „Wer kennt denn noch Mozart?“, rief sie ins Publikum. „Kultur ist grundlegend für das Urteilsvermögen und für Geschmack. Kultur ist das, was man braucht. Wenn man seinen Interessen folgt, wird man sein Potenzial erreichen und sein Talent finden“, entgegnete sie forsch auf die Frage eines Studenten. Und beendete diese Aussage wie so viele sie mit einem leiseren „Anyway“, was soviel wie „Wie auch immer“ bedeutet. Als wäre sie von ihrer eigenen Courage überrascht. Mutig sei sie ohnehin nur vor Publikum, schreibt die Designerin in ihrer Biografie, privat sei sie eher schüchtern und zurückhaltend.

Man mag es der Frau, die bis vor einigen Jahren noch mit schrillen orangefarbenen Haaren herumlief, kaum glauben. Das Unangepasste ist ihr Markenzeichen: Westwood gilt als Erfinderin des Punk. Sie lebte beinahe 20 Jahre mit Malcolm McLaren zusammen. Er war der Manager der „Sex Pistols“, die von Westwood mit Outfits ausgestattet wurden. Ihre erste eigene Kollektion hatte 1981 dann das Motto „Piraten“. Westwood schickte die Models mit wallenden Hosen und Rüschenhemden auf den Laufsteg. Literatur und Geschichte sind ihre Inspiration.

Was das Beste in ihrem Leben sei? Erfolg? Das wurde Westwood in Mönchengladbach gefragt. Das beste Ereignis? Nun, da gebe es zwei: Sie heißen Ben, geboren 1962, und Joseph, geboren 1967. Die Söhne stammen aus verschiedenen Partnerschaften. Ob sie auch über sich spricht, wenn sie sagt, dass man sicher nicht so schnell heiraten würde, gäbe es die Möglichkeit zur Scheidung nicht?

Westwood ist seit 1992 mit Andreas Kronthaler verheiratet. Der Designer aus Österreich war ihr Schüler an der Kunstakademie und ist 25 Jahre jünger als sie. „Ich spürte direkt eine Verbindung zwischen uns“, sagte Kronthaler, der Westwood nach Mönchengladbach begleitete. Es sei das Schönste, das Leben mit jemandem zu teilen. „Jeder hat eine passende zweite Hälfte“, sagte Kronthaler.

Westwood lauschte interessiert. Und musste dann doch wie so oft einhaken. „Ich möchte gern etwas ergänzen“, hörte das Publikum in Mönchengladbach regelmäßig. „Das ist falsch. Man braucht keinen Menschen in seinem Leben. Man sollte nie etwas von jemandem erwarten. Ich liebe es, allein zu sein. Das Leben ist dann leichter“, sagte Westwood. Um Kronthaler dann wohl eine der seltsamsten Liebeserklärungen zu machen. „Aber ich lebe genauso gern mit Andreas zusammen wie alleine.“ Und er sei ja auch ein toller Hausmann, wirft Kronthaler ein. „Ja, Putzen ist wie Therapie für ihn“, sagte Westwood, die wohl immer das letzte Wort haben muss. Kronthaler scheint auf ewig ein bisschen Schüler zu bleiben. Aber wenn Kronthaler eine Anekdote von seiner Gesellenprüfung erzählt, schaut Westwood ihn an, als habe sie die Geschichte noch nie gehört, lacht herzlich und wirkt dabei wie ein verliebter Teenager. Auf eine Frage in der Pressekonferenz wusste Westwood keine Antwort und tauschte sich dann erst einmal mit Kronthaler aus. „Was meinst du, Andreas?“

Streben nach Perfektion

Es folgte ein Gespräch zwischen den beiden, wie es vermutlich viele am Küchentisch im Hause Westwood/Kronthaler in London gibt. Westwood: „Was hältst du denn von Tattoos, Andreas?“ Kronthaler: „Ich mag sie nicht. Ich glaube Menschen wollen eine Leere damit füllen.“ Westwood: „Ja, das glaube ich auch. Das Problem, das ich mit Tattoos habe, ist dass die Menschen keine Kultur haben. Und sie lassen sich die bescheuertsten Dinge auf ihren Körper stechen.“

Und da ist Frau Lehrerin, die ständig aus Büchern zitiert, wieder bei der Kultur, die für sie Streben nach Perfektion ist. „Als Spezies verändern wir uns in etwas noch Menschlicheres, etwas Göttliches. Ich bin nicht religiös, aber ich mag die Idee von Gott, von Perfektion.“ Und Kultur sei es eben zu versuchen, das Beste, was je gesagt, gedacht, gemacht wurde in der Welt zu produzieren.“ Nichts weniger als das versucht Vivienne Westwood jeden Tag. Anyway.

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