„Visionauten“: Herausfinden, wie man leben möchte

Von: Angela Delonge
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Sie sind „die Visionauten“: Kira Könemann, Katharina Dietz und Judith Reinders (v. l.). Ein Jahr lang leben sie im Rahmen ihres Freiwilligen Sozialen Jahres zusammen in einer Wohngemeinschaft des Bistums Aachen. Der vierte im Bunde, Thomas Parlasca, fehlt auf dem Bild. Foto: Andreas Steindl

Aachen. Dein Jahr, dein Leben, deine Vision: Unter diesem Dreiklang hat das Bistum Aachen ein Projekt für junge Leute entwickelt. Es heißt „die Visionauten“, und als solche sind Judith Reinders, Kira Könemann, Katharina Dietz und Thomas Parlasca seit Septemeber 2016 in ihrem eigenen Leben unterwegs. Die vier 19- und 20-Jährigen haben sich – ebenso wie das Bistum – auf ein Experiment eingelassen, das es so noch nicht gegeben hat.

Alle absolvieren ihr Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) in verschiedenen Einrichtungen des Bistums Aachen, das sie sich selber ausgesucht haben. Einzige Bedingung: Sie dürfen nicht bei ihren Eltern wohnen, sondern zusammen mit den übrigen „Visionauten“ in einer ehemaligen Priesterwohnung mit vier Zimmern am Aachener Adalbertsberg. Niemand kannte sich vorher. Doch alle sind begeistert, wie gut die Idee funktioniert und welche erstaunlichen Erfahrungen alle bisher gemacht haben.

Zum Beispiel Judith aus Aachen, die eigentlich direkt nach dem Abi studieren wollte, sich dann aber einfach mal so bei den „Visionauten“ bewarb und „direkt begeistert von der Idee“ war. Jetzt arbeitet sie in der Jugendkirche Karfanaum in Aachen und wohnt mitten in der City, was sie richtig gut findet.

Dem kann Katharina aus Würselen nur zustimmen. Sie wollte ein FSJ im Bereich Politik machen, war aber „spät dran“ mit ihrer Bewerbung. Also googelte sie „FSJ Aachen“ und stieß über die „Visionauten“ auf das Missionswerk Missio, wo sie nun im Bildungsbereich arbeitet. „Ich wusste nach der Schule gar nicht, was ich machen soll, ich fand einfach alle Fächer interessant“, erzählt die 20-Jährige. Nach neun Monaten „Visionauten“ ist klar: Jetzt sind es nur noch drei Fachrichtungen, die Katharina spannend findet.

Genau das ist der Sinn des Projekts, wie die Projektleiter Renate Heyman und Christian Schröder betonen. „Uns geht es mit der WG darum, jungen Menschen ein Angebot zu machen, mit dem sie sich ausprobieren und herausfinden können, was sie mit ihrem Leben machen wollen.“ Der Druck nach der Schule sei enorm groß. Doch es gehe nicht nur um die Frage „Was möchte ich studieren?“ sondern auch „Wie möchte ich leben?“

Die Idee, mit besonderen FSJ-Stellen und einem WG-Leben ein neues Angebot für junge Leute zu schaffen und damit Kirche wieder mehr in die Gesellschaft zu tragen, sei beim Bistum und bei allen Kooperationspartnern auf fruchtbaren Boden gefallen. „Auch die Anbieter von FSJ-Stellen im Bistum hatten sofort großes Interesse“, berichtete Heyman aus der Startphase 2015. Die Abteilung im Bistum, die die „Visionauten“ erfunden hat, nennt sich Berufungspastoral.

Hinter diesem sperrigen Begriff verbirgt sich alles, was mit kirchlichem Personal zu tun hat. Doch Renate Heyman betont: „Uns geht es nicht darum, Priester oder Laien für den Kirchendienst anzuwerben.“ Im Gegenteil: Die Projektleiter verfolgen mit den „Visionauten“ einen ganz weiten Ansatz, bei dem es eher um Berufung im allgemeinen geht und der persönliche Glaube nicht unbedingt im Vordergrund steht.

Jeder Mensch sei dazu berufen, etwas Besonderes mit seinem Leben zu machen, sagt Renate Heyman. „Die ,Visionauten‘ sind hier, um herauszufinden, was das bei ihnen ist.“ Das sei eigentlich gar nicht so schwer, meint Heyman. Sie ist sicher, dass am Ende der einjährigen WG-Zeit jeder der Bewohner folgende drei Fragen beantworten könne: Was ist mein Ding? Was kann ich geben? Was braucht die Welt? Renate Heyman sagt: „Sind diese Fragen geklärt, sind Gott und die Welt zufrieden.“

Kira aus Viersen, die für ihr Fachabitur auf jeden Fall ein Praktikum in der Aachener Bildungseinrichtung Bleiberger Fabrik und nirgendwo anders machen wollte, hat diese Fragen in den vergangenen Monaten für sich geklärt. Sie war zunächst eher zähneknirschend in die WG eingezogen, weil sie eigentlich „gar nichts mit Kirche zu tun“ hat. Jetzt sagt die 20-Jährige: „Es ist das Beste, das ich jemals getan habe. Ich habe soviel über mich gelernt, zum Beispiel, dass ich ganz viel kann, von dem ich vorher gar nichts wusste.“

Für die Aachener „Visionauten“ geht das WG-Jahr bald zu Ende. Im September startet die nächste Runde – mit einer weiteren Wohnung in Aachen und einer in Krefeld. Das Bistum spricht von einem Erfolg, das Projekt wird ausgeweitet. Es werden neue „Visionauten“ gesucht, einige Plätze sind noch frei. Wer mit an Bord gehen will, ist herzlich eingeladen, bei einem ganz besonderen Projekt mitzumachen.

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