Viele Grundschüler in NRW können nicht schwimmen

Von: Sabine Rother
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Wie hier in Düsseldorf sind Kinder in einem Schwimmkurs oder einer Schwimmschule gut aufgehoben. Selbst wenn der Unterricht in diesem Fach nicht ausfällt, sorgt nur Übung für Sicherheit im Wasser. Foto: imago/phototek

Aachen. Rund 60 Prozent der zehnjährigen Kinder in Deutschland können kaum oder gar nicht schwimmen. Eine Forsa-Umfrage der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) dokumentiert für das gesamte Bundesgebiet, was auch der Tendenz im Bundesland Nordrhein-Westfalen entspricht. Der offizielle Lehrplan sieht zwar vor, dass Kinder am Ende der Grundschulzeit Schwimmer sein sollen, aber das sind die meisten eben nicht, im Gegenteil.

„Seit Jahren wird mit politischer Duldung der Lehrplan bewusst verfehlt“, sagt Dorothea Schäfer, Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft NRW, in einem Interview der Deutschen Presseagentur. Von 45.553 Lehrkräften an Grundschulen (2016/2017) haben zurzeit nur 9277 eine Ausbildung im Fach Sport.

Dabei unterrichteten an der Grundschule häufig sogar noch Lehrkräfte das Fach Sport, die darin gar nicht ausgebildet sind. Wer aber Kinder beim Schwimmen anleitet, muss nicht nur als Sportlehrer seit 2015 seine Rettungsfähigkeitsbescheinigung regelmäßig erneuern, sondern auch eine spezielle Fortbildung vorweisen.

Erziehungsauftrag der Eltern

„Es stimmt, der Auftrag besteht, aber Eltern können ihre Verantwortung in diesem Bereich nicht komplett an die Schulen abgeben“, betont Constantin Mertens, Schulrat für die Städteregion Aachen. Er ist der Meinung: „Grundlagen können in der Schule erlernt werden, aber das Training läuft in Vereinen und Kursen ab.“ Es gehöre zum Erziehungsauftrag der Eltern, dafür zu sorgen, dass Kinder sichere Schwimmer werden. Mertens vergleicht es mit dem Radfahren. „Die Fahrradprüfung an der Schule ist ja ganz schön, aber da käme niemand auf die Idee, die Schule dafür verantwortlich zu machen, dass Kinder wirklich Rad fahren können.“

Dennoch sollten Eltern beim Fördern ihren Nachwuchs nicht überfordern, wie Experten betonen. Sie raten: Wassergewöhnung im Alter ab vier Jahren, danach planschen, spielen – und vor allem selbst keine Angst vor dem Wasser zeigen.

1102 Stunden für Schulen reserviert

Wenn andernorts in NRW Schwimmbäder geschlossen werden und Unterricht ausfallen muss, haben es die Kinder in Aachen gut: 1102 Schulstunden sind wöchentlich in Schwimmbädern für den Unterricht (Stunde à 45 Minuten) reserviert. „Es gibt sogar noch freie Hallenzeiten“, sagt Björn Gürtler vom Presseamt. „Aber vielfach fehlen bei uns die fachlich ausgebildeten Lehrer.“

Im Kreis Düren waren Ende des Schuljahrs 2016/17 unter den 1484 Viertklässlern, die eine der Grundschulen im Kreis besucht haben, 345 Kinder (23 Prozent), die kein Schwimmabzeichen erworben haben. Im Moment sind noch 511 (26 Prozent) der insgesamt 1989 Schüler der vierten Klassen ohne Prüfung.

Als „sicherer Schwimmer“ gilt laut DLRG übrigens nur, wer die Disziplinen des Jugendschwimmabzeichens in Bronze beherrscht: Für den „Freischwimmer“ müssen Kinder innerhalb von 15 Minuten mindestens 200 Meter schwimmen. Beim „Seepferdchen“ muss sich ein Kind lediglich auf einer Strecke von 25 Metern über Wasser halten.

„An qualifizierten Grundschullehrern mangelt es im Kreis Düren nicht“, heißt es aus der Kreisverwaltung. „Wenn alle Kommunen als Schulträger ihren Grundschulen ausreichend Wasserzeiten anbieten, steht dem Schwimmenlernen eigentlich nichts im Weg.“

Für den Kreis Heinsberg ist Schulamtsdirektor Christoph Esser eher optimistisch. Hier gibt es 8800 Grundschüler, und Esser versichert: „Soweit es dem Schulamt bekannt ist, kann der Schwimmunterricht grundsätzlich gemäß Lehrplan angeboten werden.“ Die Fertigstellung des Geilenkirchener Hallenbads habe dabei eindeutig eine Lücke geschlossen. Sein Blick auf die Lehrkräfte: „Natürlich wünschen wir uns da mehr Sportlehrer mit dem entsprechenden Studium“, sagt Esser, der den zunehmenden Mangel in diesem Bereich mit Sorge erwartet. Lösungswege? Hier weist Esser auf ein Projekt des Regionalen Bildungsbüros hin: „Mathe schützt nicht vor Ertrinken!“ lautet das Motto. In den vergangenen beiden Jahren habe man damit viele Grundschulkinder im Kreis ans Wasser gewöhnt und ihnen das Schwimmen beigebracht.

Noch von der alten Landesregierung wurde das Programm „NRW kann schwimmen“ bis 2020 fortgeschrieben. Das ist von der neuen Regierung übernommen worden. Die Förderung sieht einen jährlichen Zuschuss in Höhe von 135.000 Euro für Schwimmkurse vor, die Schülern außerhalb der Schule das Schwimmen vermitteln. Es werde zudem geprüft, „welche weiteren Schritte erforderlich sind, um das im Koalitionsvertrag formulierte Ziel zu erreichen.“

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