Viel um die Ohren: Was das Gehör krank macht

Von: Sabine Rother
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Wellen lauschen – ein schönes Erlebnis, doch in Deutschland leiden rund 15 Millionen Menschen unter einer Hörstörung. Sie können das nicht: „Probleme beim Hören“ lautet am 4. Oktober das Thema im Forum Medizin von Aachener Zeitung und Uniklinik Aachen. Foto: imago/fotoimedia

Aachen. „Was sagst Du? Ich habe das nicht gehört...!“ Das Gegenüber antwortet lautstark, der Angesprochene ist verstimmt: „Was soll das? Ich bin doch nicht taub...!“ Ein Dialog, der immer wieder stattfindet. „Eine Hörminderung beginnt oft damit, dass bestimmte Frequenzen nicht mehr wahrgenommen werden, das hat nichts mit Lautstärke zu tun“, sagt Ines Jonen.

Die Expertin für Hörgeräte-Akustik weiß, wie ungern sich die meisten Menschen mit einer Hörhilfe versorgen lassen – und wie dankbar sie dann später dafür sind.

Was kann man bei Hörproblemen unternehmen? Wie werden Erkrankungen des Hörsystems behandelt? Das Forum Medizin von Aachener Zeitung und Uniklinik Aachen hat am Dienstag, 4. Oktober, das Motto „Probleme beim Hören“. Ab 15 Uhr können Besucher im „Seminarraum“ (ausgeschildert) am Mitmach-Programm „Rat & Hilfe“ teilnehmen, ihr Gehör testen lassen und viele Informationen rund um das Hören sammeln.

Um 18 Uhr (Einlass 17 Uhr) beginnt die Veranstaltung im Großen Hörsaal 4, bei der sechs Experten über den neuesten Stand im Bereich von Diagnostik und Therapie sprechen sowie Fragen aus dem Publikum beantworten.

Gut hören bedeutet Lebensqualität. Kommt es zu Problemen, führt das nicht nur zu körperlichen Beschwerden. Betroffene ziehen sich häufig zurück, gehen nicht mehr zu kulturellen Veranstaltungen, meiden Unterhaltungen und vereinsamen. In Deutschland sind rund 15 Millionen Menschen von Schwerhörigkeit betroffene, wobei laut Aussagen von Studien leicht- und mittelgradige Fälle am häufigsten sind.

Nur 2,5 Millionen Personen verfügen über ein Hörgerät – und das wird bei Problemen und Anpassungsschwierigkeiten vielfach gleich in die Schublade gelegt. „Die Anpassung ist ein relativ langwieriger Prozess“, erklärt Ines Jonen. „Das Ohr muss sich erst an die Hilfe gewöhnen, das kann man nicht beim ersten Treffen mit dem Hörgeräteakustiker erreichen.“

Die Diagnostik von Hörstörungen ist relativ schwierig, weiß Knut Koeser, der als niedergelassener Facharzt Patienten jeden Alters trifft. Immer wieder heißt es einfach: „Ich höre nicht gut . . .“ Dann beginnen Nachforschungen und Untersuchungen. „Vor der Therapie steht die Aufklärung“, sagt Koeser. Was viele nicht wissen: Auch Medikamente – etwa im Rahmen einer Chemotherapie – können Hörprobleme auslösen, sogar Präparate zur Entwässerung (Diuretika) und Schmerzmittel.

Hörprobleme stellen sich schleichend ein. „Viele Patienten kommen nur, weil sie von der Familie gedrängt werden“, beobachtet Ingo Sparrer. „Sie wollen eine Hörminderung zunächst gar nicht wahrhaben.“ Umfangreiche Hörtests sind die Grundlagen der Diagnostik. „Die finden nicht nur in der schalldichten Kabine statt“, sagt der Arzt aus Alsdorf. „Es geht auch um Sprachverständnis.“

Hörsturz und Tinnitus (Ohrgeräusch) gehören zu den häufigsten Erkrankungen. Wer einen Hörsturz erleidet, spürt ein dumpfes Watte-Gefühl im Ohr. Ohrgeräusche (akuter Tinnitus) können in so einem Moment hinzukommen. Die Ursachen für einen Hörsturz sind dabei nicht klar. Man vermutet Durchblutungsstörungen im Innenohr.

„Ein akutes Ereignis, von dem die Haarzellen im Innenohr betroffen sind, kann den Hörsturz auslösen“, erklärt Koeser. Wer Stress – also „viel um die Ohren hat“ – oder ein „Knalltrauma“ erlebt, vielleicht durch einen Airback, ist gefährdet. Die Patienten werden jünger: Wer beständig In-Ear-Ohrhörer trägt, überfordert sein Gehör – nicht nur beim Abspielen von Techno-Musik.

Beim Tinnitus liegt das Problem nicht unbedingt im Ohr. Es können Störungen im Kiefergelenk, an der Halswirbelsäule und im Bereich der Zähne vorliegen. Selbst eine Schwerhörigkeit lässt manchmal ein Geräusch hörbar werden, das der Betroffene ohne die Behinderung nicht bemerkt hätte.

„Das Hörsystem ist ein Wunderwerk der Natur“, beschreibt Justus Ilgner, was sich im Ohr tut, wenn man hört. „Normalerweise können wir sogar großen Lärm verarbeiten. Aber alles ist sehr empfindlich. Der ,Steigbügel‘ im Mittelohr ist ja mit nur 3,3 Millimetern Höhe der kleinste Kochen des Körpers.“

Was Ohren überhaupt nicht gut tut, sind Wattestäbchen. Warum? „Ihre faserige Struktur kann winzige Verletzungen verursachen, sie sind kugelig und man riskiert eine Verletzung des Trommelfells, weil der ausgelöste Hustenreflex dazu führen kann, dass man sich das Stäbchen hustend zu fest ins Ohr rammt“, beschreibt Ilgner das Problem.

Warnsignale dürfen nicht ignoriert werden: „Wenn das Ohr ein Sekret abgibt, ist das bedenklich“, betont Martin Westhofen. „Entzündliche Erkrankungen sind stets zerstörerische Prozesse, da droht sogar eine Hirnhautentzündung.“

Mikrochirurgie im Einsatz

Muss im Ohr, in dem sich auch Tumore bilden können, operiert werden, geschieht das mikrochirurgisch. „Eine hochauflösende Computertomographie und ein Navigationsgerät sind dabei sehr wichtig“, meint Westhofen.

Gute Erfolge hat der Klinikchef unter anderem mit dem Cochlea-Implantat. Diese Technologie, die allerdings einen intakten Hörnerv verlangt, ermöglicht es hochgradig hörgeschädigten und nach dem Spracherwerb ertaubten Menschen, Lautsprache wieder wahrzunehmen. Dabei werden die Audiosignale als elektrische Signale über den Hörnerv an das Gehirn übertragen.

„Wesentlich mehr öffentliche Räume sollten deshalb mit induktiven Höranlagen ausgestattet sein, die uns das Hören erleichtern“, fordert Erich Stier, der selbst Implantat-Träger ist und in Aachen eine Initiative ins Leben gerufen hat. „Diese Technik ist ideal für uns und für andere Menschen mit einem entsprechend ausgestatteten Hörgerät.“ Als Betroffener hat er viele Erfahrungen gesammelt und betont: „Niemand sollte sich bei uns mehr schämen, weil er eine Hörbehinderung hat!“

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