Viel Stress mit „ET 422”: S-Bahnen in NRW im Notbetrieb

Von: Frank Christiansen, dpa
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S-Bahnen in NRW im Notbetrieb
Thomas Franzki von der Betriebsüberwachung der Bahn (links) und der Lokführer Michael Lange posieren im Führerstand eines Elektro-Triebwagens (ET) 422. Die Bahn hat ein ernstes Problem mit ihren 84 neuen S-Bahnzügen. Foto: dpa

Düsseldorf. Normalerweise ist Lokführer Michael Lange allein in seinem Führerstand auf der S-Bahnlinie 9 zwischen Bottrop und Wuppertal. Aber in diesen Tagen ist nichts normal bei der Deutschen Bahn an Rhein und Ruhr. Seit einer Woche hat der 49-Jährige ständige Begleitung, starren ihm die verschiedensten Kollegen über die Schulter.

Mal ein Fahrkarten-Kontrolleur, mal jemand aus der Betriebsüberwachung. Sogar Führungskräfte der Bahn bekamen einen Schnellkurs und verrichten nun Notdienst im Führerstand. Nur mit vereinten Kräften kann der S-Bahn-Betrieb in Nordrhein-Westfalen derzeit aufrechterhalten werden.

Die Bahn hat ein ernstes Problem mit ihren 84 neuen S-Bahnzügen, immerhin rund 400 Millionen Euro teuer. Bislang war der Elektro-Triebwagen (ET) 422 der neue Stolz der Flotte: Leise, schnell, komfortabel und pünktlich. Aber dann das: Zweimal überfährt ein Zug ein Signal, aber die automatische Warnung bleibt ebenso aus wie die eigentlich fällige Zwangsbremsung.

Ein Fehler im Steuerungsprogramm der Bordcomputer soll die Ursache sein. Hersteller Bombardier und die Bahn haben das Eisenbahn-Bundesamt eingeschaltet, eine 20-köpfige „Task Force” von Bombardier versucht, den Fehler so schnell wie möglich zu beheben. „Aber dann muss das Bundesamt die Software noch neu genehmigen”, sagt ein Bahnsprecher. Das alles könne Wochen dauern, im schlimmsten Fall sogar Monate.

„Da hat uns Bombardier ein schönes Osterei ins Netz gelegt”, sagt Thomas Franzki von der Betriebsüberwachung der Bahn. Seit kurz nach 04.00 Uhr morgens passt er auf, dass Lokführer Lange kein Signal überfährt. Bislang sei der Fehler nicht mehr aufgetreten, sagt Franzki. Seit eineinhalb Wochen fahren die S-Bahnen vom Typ ET 422 mit der Doppelbesetzung. Zuerst sei man von einem Bedienungsfehler eines Lokführers ausgegangen. Aber beim Auslesen der Daten in der Werkstatt sei klar geworden, dass der Fehler im System liegt.

Damit der S-Bahnverkehr nicht durch einen Stopp aller 84 Züge zusammenbricht, hat die Bahn in Absprache mit dem Eisenbahn-Bundesamt Sofortmaßnahmen ergriffen: Dem möglichen Ausfall der „Punktuellen Zug-Beeinflussung” beugt ein zweiter Mann im Führerstand vor. Außerdem wurde ein Tempolimit von 100 verhängt. Sonst fahren die Züge bis zu 140 Stundenkilometer schnell. Damit die „Schleichfahrt” auf den schnellen Strecken den Fahrplan nicht völlig über den Haufen wirft, wurden rund 20 bereits ausgemusterte alte Züge reaktiviert.

Sie haben kein Tempolimit, dafür dauert bei ihnen das Ein- und Aussteigen länger, weil sie nur halb so viele Türen haben wie die neuen Züge. Und außerdem fehlt die Klimaanlage. „Je wärmer es wird, desto mehr merken die Kunden den Rückschritt beim Komfort”, seufzt ein Bahnsprecher. „Aber diesmal sind wir wirklich unschuldig.”

War die Pünktlichkeitsquote mit den neuen Zügen auf 95 Prozent angestiegen, zeigt der Trend jetzt wieder nach unten. Michael Lange bleibt bei seiner Tour trotz Tempo 100 pünktlich: „Wir haben Puffer, die wir jetzt nutzen.” Bislang hielten sich die Verspätungen für die Zehntausenden Pendler in Grenzen. „Aber das kann sich auch mal hochschaukeln.” Derweil berechnet die Bahn Regressforderungen gegen Bombardier.

„Wir prüfen den Sachverhalt intensiv”, sagt ein Sprecher des Eisenbahn-Bundesamtes in Bonn. „Bislang hatten wir keinen Grund einzugreifen.” Ob tatsächlich ein ganz neues Genehmigungsverfahren für das Computerprogramm fällig werde, stehe noch nicht fest. Dass die Probleme in wenigen Tagen erledigt sind, dass will auch der Sprecher vom Bombardier nicht versprechen: „Wir sind zuversichtlich, das schnell in den Griff zu bekommen. Aber wir reden schon über Wochen.”
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