Aachen - Verzweifelt, ausgebrannt, hoffnungslos: Die Geschichte einer Grundschullehrerin

Verzweifelt, ausgebrannt, hoffnungslos: Die Geschichte einer Grundschullehrerin

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Die Grundschullehrerin Kathrin S. ist einst voller Begeisterung ihre Aufgabe angegangen. Heute ist sie desillusioniert. Symbolbild: Julian Stratenschulte/dpa
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Keine Frage, „Kinder haben Rechte!“. Aber die Lehrer auch. Foto: dpa

Aachen. „Sei ruhig. Halt’s Maul, du Bitch!“ Der Schulalltag fängt richtig gut an bei einer solchen Begrüßung. Und das ist noch einer der harmloseren Sprüche aus dem Mund einer Viertklässlerin! Zehn Jahre, elf Jahre, zwölf Jahre alt sind diese kleinen Tyrannen beiderlei Geschlechts, die ohne jeden Respekt ihrer Grundschullehrerin an diesem Morgen und im Laufe des Tages gegenübertreten.

Und nicht nur an diesem Tag. Es ist der gnadenlose Alltag an einer Schule, die irgendwo in Nordrhein-Westfalen in einem sozialen Brennpunkt liegt. So war es im letzten Schuljahr, und auch das neue hat nicht besser begonnen.

„Halt’s Maul, Du Bitch!“, statt „Guten Morgen, Frau S.“ Wir nennen die Lehrerin Kathrin S., sie hat natürlich einen anderen Namen. Sie ist Ende 30, und einst voller Enthusiasmus gestartet in ihre Laufbahn als Grundschullehrerin. In einer Schule ohne große soziale Probleme.

Und noch heute sind die Eltern der damaligen Erstklässler dankbar, dass ihre Kinder Kathrin S. anvertraut waren. Eine junge Lehrerin, voller Begeisterung für ihre Kinder, für die Schule, für ihre Aufgabe. Voller Elan hat sie ihren Auftrag angetreten, der in § 2 des Schulgesetzes für das Land Nordrhein-Westfalen niedergeschrieben ist. „Ehrfurcht vor Gott, Achtung vor der Würde des Menschen und Bereitschaft zum sozialen Handeln zu wecken, ist vornehmstes Ziel der Erziehung.

Die Jugend soll erzogen werden im Geist der Menschlichkeit, der Demokratie und der Freiheit, zur Duldsamkeit und zur Achtung vor der Überzeugung des anderen (…)“. Vielleicht ist der Text von der Formulierung her ein bisschen antiquiert, aber wer würde den Inhalt nicht sofort unterschreiben?

Die Eltern der Viertklässlerin, die so „nett“ ihre Lehrerin begrüßt hat, sicher nicht. Sie gehören zum Großteil der Eltern, der sich kein bisschen für das Leben ihrer Kinder im Alltag Schule interessiert. „Es gibt Väter und Mütter, die haben in den vier Grundschuljahren ihres Kindes kein einziges Mal einen Lehrer oder eine Lehrerin gesehen“, berichtet Kathrin S.

Geschockter Zuhörer

Wenn Kathrin S. heute über ihren Alltag in der Schule erzählt, ist der Zuhörer einfach nur geschockt. Die Schilderungen deprimieren, lassen einen fassungslos zurück. So unglaublich sind sie, so unvorstellbar. Es fehlen einem die Worte. „Halt’s Maul, du Bitch!“ An diesem Tag flossen bei Kathrin S. in der Schule wieder einmal Tränen. Eine Kollegin wurde von einem Viertklässler tätlich angegriffen. Auch das ist Alltag, genau wie Polizeieinsätze nicht eine Ausnahme bilden. Und die Angst unterrichtet sowieso mit.

Rückblende: Am Ende ihrer ersten vier Grundschuljahre als Lehrerin war Kathrin S. eine glückliche, begeisterte und begeisternde Lehrerin, die etwas Wunderbares geschaffen hatte: „Ihre“ Kinder hatten vier Jahre lang Spaß an der Schule, Spaß am Lernen, Spaß mit und dank ihrer Lehrerin. Und Kathrin S. will immer wissen, was aus „ihren“ Kindern geworden ist, wie ihr Lebensweg weitergegangen ist.

Als nach dem vergangenen Schuljahr ihre heutigen Viertklässler die Schule verlassen haben, hat Kathrin S. das emotionslos hingenommen. Was aus ihnen werden wird? Kathrin S. wird niemals nachfragen. Sie, die brannte für ihre Aufgabe, ist längst ausgebrannt. Desillusioniert, niedergeschlagen, ohne große Hoffnung. „Ich bin abgestumpft“, sagt Kathrin S., und ein Blick in ihre Augen verrät, wie schmerzlich das für sie ist.

Aber ohne diese Gleichgültigkeit wäre das Schulleben kaum noch auszuhalten. Was Kathrin S. und ihre Kollegen und Kolleginnen überhaupt noch an der Tafel stehen lässt, ist der ganz, ganz große Zusammenhalt untereinander im Kollegium. Und manchmal ist er schlicht überlebenswichtig. Alleine geht keine Lehrerin mehr über den Schulhof, Gespräche mit Eltern, wenn diese denn tatsächlich kommen sollten, führt eine Lehrkraft niemals alleine. Aus Sicherheitsgründen.

Man könnte noch viele unglaubliche Beispiele anführen. Von Oberhäuptern mancher Familienclans, die statt der Eltern als Ansprechpartner gelten wollen, von Mitgliedern ethnischer Gruppen, die ihre Vorstellung von Erziehung in der Schule fernab jeder in Deutschland gültigen Regel durchdrücken wollen. Oder von tätlichen Angriffen, Bedrohungen, Diebstählen, die Kathrin S. haben verzweifeln lassen. Längst ist sie auf der Suche nach Alternativen. Im äußersten Fall wird Kathrin S., einst Lehrerin aus und mit Leidenschaft, alles hinschmeißen.

Keine Hilfe

Was an dieser Schule (und an vielen anderen Schulen) in NRW passiert, mag dem Schulamt, der Bezirksregierung und dem Ministerium, der unteren, der oberen und der obersten Schulaufsichtsbehörde nicht in allen Einzelheiten bekannt sein. In groben Zügen aber gewiss. Auf mehrfache telefonische und schriftliche Nachfrage unserer Redaktion hat das Ministerium keine Einschätzung der Lage aus seiner Sicht abgegeben.

Hilfe scheint nicht zu erwarten zu sein, und wer die Hoffnung hat, dass ja in Zukunft mehr Lehrer eingestellt würden, irrt sich gewaltig. Denn gibt es diese Lehrer überhaupt? Jüngst waren an der Schule von Kathrin S. drei Stellen ausgeschrieben. Für zwei gab es keine Bewerbungen, ein Vorstellungsgespräch war immerhin ausgemacht – zu dem aber der Bewerber nicht kam.

Hoffnung definiert der Duden mit Vertrauen in die Zukunft, Zuversicht, Optimismus in Bezug auf das, was (jemandem) die Zukunft bringen wird. Hoffen ist die positive Erwartung, die jemand in etwas setzt.

Kathrin S. ist hoffnungslos.

Kathrin S. hat keinen Hilferuf an den Autor geschickt. Aber der Redakteur unserer Zeitung „musste“ diese Geschichte einfach schreiben. Damit niemand sagen kann, wenn einmal etwas Schlimmes passieren sollte, man habe nichts mitbekommen, das hätte ja niemand vorhersagen können. Diese Befürchtung hat der Autor aber.

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