Verurteilung wegen sechsfachen Mordes durch Gasexplosion rechtens

Von: Frank Christiansen, dpa
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Gasexplosion Düsseldorf
Das durch eine Gasexplosion völlig zerstörte vierstöckige Wohnhaus in Düsseldorf. Foto: dpa

Karlsruhe. Das hat es in der deutschen Rechtsgeschichte so noch nicht gegeben: Nach elf Jahren bestätigt der Bundesgerichtshof im Justizdrama um einen sechsfachen Mord den Schuldspruch - aber der soeben rechtskräftig verurteilte Mörder darf vorerst in Freiheit bleiben.

Hausbesitzer Heinz N., der 1997 sein Mietshaus in der Düsseldorfer Krahestraße 8 mitsamt den Mietern nachts von einem Komplizen in die Luft jagen ließ, war nach acht Jahren Untersuchungshaft vom Bundesverfassungsgericht freigelassen worden - und ist es bis heute. Der Fall ist exemplarisch für die neue Linie, Angeklagte für lange Verfahrensdauern zu entschädigen.

„Den können wir jetzt nicht von der Straße greifen”, sagt ein Düsseldorfer Staatsanwalt am Donnerstag. „Erst brauchen wir die Akten und das Urteil, bevor wir die Vollstreckung einleiten können. Und dann bekommt er eine Ladung zum Strafantritt.” Ob der 49-Jährige bis dahin noch auffindbar ist, bleibt abzuwarten. Die überlebenden Opfer und Hinterbliebenen des Mordanschlags werden sich noch eine Weile gedulden müssen.

Immerhin hat der Bundesgerichtshof neben der lebenslangen Haft auch die besondere Schwere der Schuld festgestellt, die eine Freilassung nach 15 Jahren Gefängnis in der Regel ausschließt. Aber die Richter vergaben auch einen Strafrabatt wegen der langen Verfahrensdauer: Vier Jahre gelten über die achteinhalb Jahre U-Haft hinaus als verbüßt - insgesamt also zwölfeinhalb Jahre.

Trotz Schuldspruchs hatte Heinz N. bereits im vergangenen März das Duisburger Landgericht als freier Mann verlassen können, um weiter als Vertreter für Teppichschaum von Haustür zu Haustür ziehen.

Vor elfeinhalb Jahren war sein unrentables Mietshaus durch eine verheerenden Gasexplosion mitsamt den schlafenden Mietern in die Luft geflogen. Sechs Menschen sterben, zwei werden schwer verletzt aus den Trümmern des total zerstörten Hauses geborgen - Anwohner in der Düsseldorfer Innenstadt glauben zunächst an einen Bombenangriff. Doch schnell geraten der Vermieter und sein Komplize unter Verdacht.

Es folgt ein jahrelanger Prozessreigen - drei Mal landet der Fall beim Bundesgerichtshof. Mit ungewöhnlich geharnischten Worten greift 2005 sogar das Bundesverfassungsgericht ein - und ordnet die Entlassung N.s nach mehr als acht Jahren Untersuchungshaft an. Die „überlange Verfahrensdauer” sei vor allem durch Fehler und Trödelei der Justiz verursacht worden. Dabei hatten auch die Verteidiger lange auf Zeit gespielt - und schließlich zum Entsetzen der Opfer die Freilassung durchgesetzt.

Zwei Mal waren Urteile des Düsseldorfer Landgerichts vom Bundesgerichtshof aufgehoben worden - einmal wegen eines Verfahrensfehlers, einmal, weil das Gericht „rechtsfehlerhaft” den Mordvorwurf fallen gelassen hatte. Aber auch zwischen den Prozessen verging viel Zeit, die Akten bleiben lange liegen. Dann dauern viele Verhandlungstage nur wenige Minuten, wie die höchsten Richter penibel nachgezählt hatten, bevor ihnen schließlich der Kragen platzte.

Der befreundete Dachdecker, der die Schmutzarbeit verrichtet und den Stopfen aus der Gasleitung gedreht hatte, sitzt unterdessen seit 1997 seine lebenslange Haftstrafe ab. Heinz N. muss nun mit weiteren mindestens vier Jahren Haft rechnen. Je nachdem, wie die Haftprüfungskommission entscheidet, kann sich seine Reststrafe aber auch noch deutlich in die Länge ziehen.
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