Vermisstensuche: Wenn die Daten-Lawine in die Irre führt

Von: Carmen Krämer
Letzte Aktualisierung:
5684382.jpg
Vermisst: Die Suche nach Menschen über soziale Netzwerke wie Facebook ist nach Ansicht der Polizei nicht immer sinnvoll. Foto: Harald Krömer

Aachen. Auch bei Ruben und Julian wurde das Netz aktiv. Nachdem ihr Vater bei Utrecht tot aufgefunden wurde und die Polizei fortan noch fieberhafter nach den Brüdern fahndete, startete kurz darauf auch auf Facebook und Twitter die Suche nach den Kindern.

Schon in den ersten zwölf Stunden, nachdem ihr Foto ins Netz gestellt wurde, hatten bereits über 50.000 Menschen die Nachricht geteilt – man will ja schließlich helfen. In diesem Fall war dies vergeblich. Als die beiden Jungen schließlich am Pfingstsonntag gefunden wurden, waren sie tot.

Die Polizei sieht die neue Möglichkeit zur Suche durchaus mit gemischten Gefühlen: „Der Einsatz von sozialen Medien kann möglicherweise Sinn machen, wenn vermisste Jugendliche zum Beispiel auf der Domplatte rumhängen. Aber die Überflutung von Bildern nimmt meistens eine Entwicklung, die man nicht steuern kann“, sagt Frank Scheulen, Pressesprecher des Landeskriminalamtes (LKA). „Zudem kann jeder ungefiltert Hinweise geben, die auch in die Irre führen können“, erläutert Wolfgang Beus, Sprecher des NRW-Innenministeriums.

Das Internet vergisst nie

Man stelle sich folgendes Beispiel vor: Die 15-jährige Anna ist die Streitereien mit ihrer Mutter satt. Sie büxt von zu Hause aus und brennt mit ihrem Freund durch. Als Anna nachts nicht nach Hause kommt, wird ihre Mutter krank vor Sorge und stellt ein Bild von dem Teenager mit den violetten Haaren und einer genauen Beschreibung in Facebook ein. Schulkameraden, Lehrer, Freunde und Nachbarn können das Foto der 15-Jährigen sehen, teilen und kommentieren. Nach einigen Tagen kehrt die Tochter zurück und wird in den nächsten Wochen ständig schräg angeschaut oder auf ihre „peinliche Aktion“ angesprochen. „Man denkt vielleicht, man könne alles wieder löschen, aber wenn man Jahre später den Namen der gesuchten Person in eine Suchmaschine eingibt, erscheinen Bild und Text wieder. Auch wenn beispielsweise ein Personalchef den Namen der seinerzeit Vermissten eingibt“, sagt der Pressesprecher der Polizei Aachen, Paul Kemen. Das Internet vergisst nie.

Man muss grundsätzlich bei Vermisstenanzeigen differenzieren, um welchen Personenkreis es sich handelt. „Am häufigsten werden Jugendliche zwischen 14 und 18 Jahren vermisst gemeldet“, sagt LKA-Sprecher Scheulen. Sie verschwinden häufig aufgrund von Problemen im Elternhaus oder in der Schule und werden, wenn sie gefunden wurden, festgehalten, bis ein Erziehungsberechtigter sie abholt. „Meistens tauchen sie von allein wieder auf. Bei vermissten Kindern bis 14 Jahre verwendet die Polizei aber ganz andere Mittel zur Suche“, erklärt er.

Nach einem Erwachsenen, der sein Lebensumfeld verlassen hat, der auf Medikamente angewiesen oder suizidgefährdet ist, werde „sicherlich intensiver gesucht, als nach jemandem, der offensichtlich aus einer Beziehung oder aus seinem Alltag ausbrechen möchte“, fügt Scheulen an. Wird ein Erwachsener mit dieser Intention gefunden, werde ihm oder ihr mitgeteilt, dass sie vermisst wird. Wenn sie dann nicht möchte, dass die Suchenden Bescheid bekommen, wird die Anzeige gelöscht. Allgemein bleiben Vermisstenfahndungen 30 Jahre im System, bevor sie gelöscht werden, aber nach einer gewissen Zeit können die Angehörigen eine Person für tot erklären lassen.

Für tot erklärt wurde der Mann, an den sich der Aachener Polizeisprecher erinnert, zwar nicht. Aber ihn erwartete nach seinem Urlaub eine böse Überraschung: Der gerade pensionierte Mann war, ohne sich bei seinen Verwandten abzumelden, für mehrere Wochen ins Ausland gereist. „Während die Polizei die Suche ablehnte, da überhaupt keine Anzeichen oder Umstände vorlagen, die auf einen Vermisstenfall deuteten, fand eine Suche über Facebook statt“, erinnert sich Kemen. Das Ergebnis: „Nach seiner Rückkehr beschwerte sich der Mann bitterlich, sein Konterfei sei überall im Internet zu sehen. Dabei habe er nur Urlaub gemacht.“ Ein Problem, das auch LKA-Mann Scheulen kennt: „Wenn eine Person einen normalen Grund hatte, sich abzusetzen, wie soll sie dann wieder integriert werden?“ Jeder kann seinen Kommentar unter die Meldungen setzen, die wildesten Spekulationen anstellen und der vermissten Person nachhaltig Schaden zufügen. „Darum raten wir grundsätzlich dazu, solche privaten Initiativen höchstens in enger Absprache mit der Polizei zu starten.“ Ein Foto ist schließlich meist innerhalb weniger Sekunden hochgeladen. Teilen kann man es durch zwei Klicks, bei Facebook auf Seiten, in Gruppen, privaten Nachrichten oder ganz öffentlich auf der eigenen Pinnwand.

Durchschnittlich hat der deutsche Facebook-Nutzer rund 265 Kontakte, je nach Einstellung können auch Freunde von Freunden oder sogar jeder Besucher eines Profils die geteilten Inhalte sehen und kommentieren. Und wenn man die Posts nicht löscht, bleiben sie dort – wahrscheinlich für immer, da sie meist auf ausländischen Servern gespeichert sind.

Zwar ist es nicht ausdrücklich verboten, über Facebook & Co. Vermissten-Meldungen zu teilen. „Hobbyfahnder sollten aber bedenken, dass sie bei der Nutzung von Bildern und Namen von bestimmten Personen in deren Rechte eingreifen könnten, was eine zivil- oder auch strafrechtliche Konsequenz nach sich ziehen könnte“, betont Ralf Meurer, Pressesprecher der Polizei Düren.

„Die Verzweiflung der Angehörigen ist nachvollziehbar“, sagt Beus vom NRW-Innenministerium. „Aber wir raten grundsätzlich erst mal jedem, der jemanden vermisst, keine privaten Aufrufe zu starten, sondern direkt zur Polizei zu gehen. Durch Facebook-Aufrufe werden dann Lawinen losgetreten, die Telefone stehen nicht mehr still – und das ist kontraproduktiv“, erklärt er. Derzeit nutzt die Polizei die sozialen Netzwerke nur bei großen Einsatzlagen – etwa für Fahndungen wie im Dezember bei der Suche nach den Bombenlegern auf dem Bonner Hauptbahnhof. Doch auch Beus weiß: „Klar ist aber, dass man über die Nutzung dieses Kanals nachdenken muss. Denn viele Menschen erreicht man gar nicht mehr anders.“

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert